Stille und Langsamkeit – John Cage
von
Dieter Bührig
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Die vier Stunden umfassende Unterrichtseinheit führt die Schüler an die Grenzen moderner Musikerfahrung. Am Beispiel zweier extremer Werke von John Cage werden zentrale humane Grunderfahrungen thematisiert, die angesichts der heutigen Tendenzen zur allgegenwärtigen Klangberieselung und zur Schnelllebigkeit erstaunlich selten geworden sind.
Fächerübergreifender Unterricht
Kunst
1. Ziele und Absichten
Die Schüler sollen
sich dem Phänomen „Stille“ nähern können,
sich mit extremen musikästhetischen Anschauungen tolerant auseinandersetzen können,
Stille gestalterisch füllen können,
die Langsamkeit entdecken und sie gestalten können.
Zur Sachanalyse siehe M 1.
2. Unterrichtsverlauf
1. Stunde: Über vier Minuten „Stille“ – „Musik“?
Ein vor dem Unterricht instruierter Schüler „spielt“ das Stück von John Cage ohne weitere Erläuterungen vor (M 2). Wichtig ist es dabei, eine deutlich sichtbare Stoppuhr mitlaufen zu lassen und für eine Audioaufnahme zu sorgen:
Ihr hört ein Klavierstück, das der Schüler X eigens für euch einstudiert hat. Beschreibt anschließend euren Eindruck.
Ein ungewöhnliches Experiment
Gemäß der strengen Spielanweisung des Komponisten markiert der Spieler die einzelnen Sätze durch Auf- und Zuklappen des Deckels und verhält sich ansonsten während der Sätze völlig laut- und bewegungslos. Die Reaktionen der unvorbereiteten Schüler werden sehr vielfältig sein, das Spektrum reicht erfahrungsgemäß von Langeweile und Desinteresse bis hin zu verbalen (und körperlichen) Attacken. Der Lehrer darf keineswegs (abgesehen von besonders schweren Störungen) einschreiten.
Nach der Präsentation steht sicherlich folgend Frage im Raum:
Was hat das mit Musik zu tun? Ist das überhaupt „Kunst“?
Kontroverse
Allein schon ein Verweis auf die „Partitur“ M 2 (die der Lehrer nun über OHP zeigt), führt zur Erkenntnis, dass viele Elemente eines Musikstücks vorhanden sind: eine „Notation“, ein Formverlauf, präzise Spielanweisungen und ein Musikinstrument. Hinzu kommen die typischen Rahmenbedingungen eines Konzerts: Spieler, Publikum (interessant bei der unten angegebenen BBC-Aufnahme ist das Phänomen, dass das ritualisierte Verhalten des Publikums und der Spieler in den Satzpausen auch ohne visuelle Unterstützung durchaus herauszuhören ist).
Hören
Um zu zeigen, dass auch bei dem eben abgelaufenen „Konzert“ alle typischen Merkmale wiederzufinden sind, spielt der Lehrer den Mitschnitt vor:
Wie habt ihr reagiert?
Gibt es wiederkehrende Reaktionen?
An dieser Stelle bietet es sich an, die Aufnahmen der verschiedenen berühmten Pianisten zu vergleichen (siehe M 1; je nach Leistungsstand kann eine geeignete Auswahl getroffen werden).
Wie haben die Künstler selber auf das provozierende Werk von John Cage reagiert?
Nach einer kurzen Auswertung bekommen die Schüler die Hausaufgabe, sich im Internet über John Cage zu informieren. Außerdem weist der Lehrer sie an, in der nächsten Stunde Zeichenpapier und Farbstifte mitzubringen.
2. Stunde: Gestaltete Stille
Unter Einbeziehung des Kunstlehrers wird auf das Experiment der vorigen Stunde zurückgegriffen, diesmal jedoch in abgewandelter Form (wieder muss eine Stoppuhr mitlaufen!):
Vorbereitendes Experiment
Ihr sollt auf Zeichen genau 1 Minute absolut still sitzen und die Augen schließen. Achtet dabei intensiv auf das, was ihr in euch und um euch herum wahrnehmt. Notiert anschließend eure Beobachtungen (keine Angst, diesmal wird nicht mitgeschnitten!).
Sicherlich werden die Schüler eine Fülle von Klängen und Geräuschen wahrgenommen haben. Derart auf „Stille“ vorbereitet, kann nunmehr der kreative Teil des Experiments beginnen. Die Zeichenutensilien werden hervorgeholt:
Kreative Phase
Wir werden jetzt ähnlich wie bei Cages Stück 4`33 einen Teil der Unterrichtsstunde bewusst (auf Zeichen) in 3 „Sätze“ einteilen. Jeder Satz dauert 3 Minuten. In dieser Zeit darf keinesfalls gesprochen werden. In dieser Zeit sollt ihr euren Eindruck der Stille in eine Zeichnung umsetzen. Nach jedem Satz tauscht ihr das Blatt mit dem rechten Nachbarn, der dann daran weiterarbeiten muss.
Dieses Experiment macht den Teilnehmern erfahrungsgemäß viel Spaß. Vor allem ist es spannend, zu beobachten, wie die Bilder von Hand zu Hand wachsen. Ein Beispiel dafür finden Sie in M 3.
3. Stunde: Die Entdeckung der Langsamkeit
Als Einstieg wird ein Bild interpretiert (M 4):
Was wird dargestellt?
Was bedeutet für euch das Wort „Zeit“?
Hat der Mensch Einfluss auf die Zeitgestaltung? Wenn ja, gebt Beispiele, möglichst aus dem Bereich der Kunst.
Bildbetrachtung
Der philosophische Hintergrund der Begriffsbestimmung „Zeit“ ist zu komplex, um im Rahmen dieser kleinen Unterrichtseinheit umfassend abgehandelt zu werden. Wohl aber sollten bei dieser Fragestellung Aspekte wie „physikalische“ und „erlebte“ Zeit angerissen werden. Aktiv erlebte Zeit wird insbesondere bei extrem langsamen Prozessen deutlich (im Film: die Zeitlupe, auf der Theaterbühne: der „Freeze“, in der Musik: die Arie).
Ein kleines Experiment mag das Phänomen der aktiven Zeitgestaltung verdeutlichen (eine Stoppuhr sollte deutlich sichtbar mitlaufen):
Eigene Erfahrung: ein kleines Experiment
Holt auf Zeichen und ohne einen Ton zu sagen euren Musikordner sowie Schreibwerkzeug aus der Tasche, - aber unter folgenden Spielanweisung: So langsam wie möglich – jedoch innerhalb von 3 Minuten.
Notiert anschließend in eurem Heft eure dabei gemachten Beobachtungen. Überschrift: Die Entdeckung der Langsamkeit.
Dieses kleine Experiment verdeutlicht, dass verlangsamt ablaufende Prozesse viel intensiver wahrgenommen werden können als normale.
Lehrerinfo
Nach einer kurzen Besprechung des Notierten berichtet der Lehrer über das Orgelprojekt in der Burchardi-Kirche Halberstadt (siehe M 1), bei dem ein Orgelwerk von John Cage aufgeführt wird, dessen Spielanweisung lautet: „So langsam wie möglich“. Die Aufführung dieses Stücks dauert 639 Jahre!
Da man im Rahmen des traditionellen Musikunterrichts wohl nur sehr selten die Möglichkeit hat, ein derartiges Werk zu realisieren, erlaubt sich der Lehrer hier eine kleine Einschränkung:
Musikalisches Experiment
Überlegt euch in Gruppen, wie ihr ein ähnliches Werk mit den Mitteln unserer Schule realisieren könnt. Ihr könnt an Musikinstrumenten einsetzen was ihr wollt. Euer Stück darf und muss jedoch genau 5 Minuten dauern, - jedoch wieder gilt: „So langsam wie möglich“. - „Langsamkeit“ sollte dabei nicht „Langweiligkeit“ verwechselt werden!
Als Alternative (und bei einer geeigneten Lerngruppe) kann sich der Kompositionsauftrag auf mehrere Musikstunden erstrecken: Jede Stunde erklingt dann ein vorherbestimmter Teil des Werks. Ein sicherlich sehr spannendes Unterfangen beispielsweise für einen Musikleistungskurs.
Eine Reflektion eines Teils der Gruppenergebnisse beschließt die Stunde. Wieder werden die Schüler aufgefordert, Zeichenmaterial für die nächste Stunde mitzubringen.
4. Stunde
Nachdem die Ergebnisse der anderen Gruppen vorgeführt und reflektiert wurden, geht der weitere Unterricht von dem Werk einer Gruppe aus. Der Lehrer legt erneut das Bild aus M 4 auf den OHP und stellt die Aufgabe:
Kreative Phase
Wählt die Arbeit einer Gruppe aus. Während sie ihr Werk erneut präsentiert, sollt ihr euren Höreindruck von deren Musik in eine farbliche Zeichnung umsetzen. Ihr habt dafür genauso viel Zeit wie die Musiker selber: 5 Minuten. Ausgangspunkt sollen dabei Elemente des gezeigten Bildes sein.
Zum Abschluss werden die einzelnen Zeichnungen präsentiert und besprochen.
Hinweise
Eine interessante Einspielung des Stücks 4´33 – zelebriert von BBC Symphony Orchestra - finden Sie als Audiodatei unter http://news.bbc.co.uk/1/hi/entertainment/music/3401901.stm
Weitere Internetadressen zu John Cage: http://www.essl.at/bibliogr/cage-stille.html
http://www.obst-music.com/composers/cage.htm
http://www.zeit.de/2006/07/D-Aufmacher_Musik
http://www.sterneck.net/john-cage/sterneck/index.php
M 1 Sachanalyse
a. zu John Cage
John Cage (* 5. September 1912 in Los Angeles, Kalifornien; † 12. August 1992 in New York, N.Y.) war ein US-amerikanischer Komponist.
„Die Musik, mit der ich mich beschäftige, muss nicht unbedingt Musik genannt werden. In ihr gibt es nichts, woran man sich erinnern soll. Keine Themen, nur Aktivität von Ton und Stille.“ (John Cage)
Neben Arnold Schönberg gibt es nur wenige Komponisten mit einer ähnlichen Bedeutung für das Komponieren im 20.Jahrhundert wie den 1912 in Los Angeles geborenen John Cage. Kaum ein anderer Komponist hat so viele und so unterschiedliche Schlüsselwerke der Neuen Musik geschaffen - sein Werk umfasst etwa 250 Kompositionen. Hinzu kommen musik- und kompositionstheoretische Arbeiten von grundsätzlicher Bedeutung. Außerdem gilt Cage als Schlüsselfigur für die Ende der 1950er Jahre entstehende Happeningkunst und als wichtiger Anreger für die Fluxusbewegung. Das malerische Werk von John Cage sollte im Übrigen ebenfalls nicht unterschätzt werden.
Cage studierte zunächst Literatur, ging 1930 nach Europa und unternahm erste Versuche im Malen und Komponieren. Zurückgekehrt nach Amerika, heiratete er Anfang der 1930er Jahre Xenia Kashevaroff und begann sein Kompositionsstudium u.a. bei Arnold Schönberg. 1938 zog Cage nach Seattle und baute sein erstes Schlagzeugensemble auf. Kurze Zeit später entstand als Begleitung für eine Choreografie seine erste Komposition für das von ihm erfundene Präparierte Klavier, auf dessen Saiten und Hämmern er Radiergummis, Nägel und andere kleine Teile montierte, die dem Klavier eine besondere Klangfarbe verleihen.
In Seattle begegnete Cage erstmals dem Tänzer Merce Cunningham. In New York City baute sich Cage ab 1942 eine Existenz als Komponist auf und trennte sich von seiner Frau. Er reiste weiterhin quer durch die USA, Europa und Asien, um Kurse und Vorträge zu halten und Aufführungen seiner Werke zu begleiten. Mit Merce Cunningham und dem Maler, Grafiker und Happening-Künstler Robert Rauschenberg begann Cage zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben. Dieses Trio wohnte im gleichen Haus in einer Art Dreier-Beziehung.
Die Beschäftigung mit der Musik von Eric Satie und den Schriften von Henry David Thoreau und James Joyce führte John Cage zur Entwicklung einer eigenen Form von Musik über Musik und von Text über Text, einer in dieser Weise neuen Tätigkeit. Seine Musik soll dazu verhelfen, Gegenwart zu erfahren, ohne sich um das Vergangene zu kümmern oder Zukünftiges zu erwarten.
Die letzte Phase seines Schaffens, die 1987 begann, umfasst ca. 50 Stücke für diverse kammermusikalische Besetzungen, Orchester, Soloinstrumente, Chor, Performer, die so genannten "Nummernstücke" (Number pieces). Hier gibt Cage seinen Musikstücken keinen Titel mehr, sondern benennt sie nach der Zahl der Aufführenden und nummeriert sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung durch. So z.B. das für vier Stimmen geschriebene FOUR² von 1990, welches für den Madrigal-Chor der Hood River Valley High School komponiert wurde. Die Nummernstücke sind in so genannten "Time brackets" notiert. Es handelt sich weder um die traditionelle Form der Musiknotation, noch um eine grafische Notationsform. Vielmehr hat der Interpret die Möglichkeit, das Klangereignis während eines definierten Zeitraums einzuführen und während eines Zeitraumes wieder herauszunehmen.
Cage starb 1992 in New York City kurz vor seinem 80. Geburtstag an einem Schlaganfall.
(aus: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Cage)
b. zum Stück 4`33
4'33" ist ein Musikstück des Avantgarde-Komponisten John Cage.
In der Hinsicht, dass während des 4 Minuten und 33 Sekunden dauernden Stücks auf einem beliebigen Instrument kein einziger Ton gespielt wird, ist es das extremste Musikwerk, das je geschaffen wurde – es hinterfragt nämlich die Definition der Musik an sich. Als noch extremer könnte höchstens noch Cages weniger bekanntes 0'00" gelten, welches nicht einmal mehr in der Zeit, sondern nur noch im Programmheft stattfindet. Seine Aufführung ist nicht mehr wahrnehmbar
In den späten 1940er Jahren besuchte John Cage die echofreie Kammer der Universität Harvard. Eine echofreie Kammer ist so konstruiert, dass die Wände, die Decke und der Boden keinerlei Geräusche zurückwerfen; dazu sind solche Räume oft fast vollkommen schalldicht.
Cage betrat den Raum und erwartete, rein gar nichts zu hören - aber er schrieb später:
Ich hörte zwei Töne, einen hohen und einen tiefen. Als ich dies dem verantwortlichen Ingenieur beschrieb, erklärte er mir, dass der hohe Ton ständig vom Nervensystem erzeugt werde, während der tiefe von der Blutzirkulation stamme.
Ob diese Erklärung der Tatsache entspricht oder nicht, Cage begab sich an einen Ort, wo er kein Geräusch erwartete - und trotzdem solche hörte.
Bis ich sterbe, wird es Geräusche geben. Und diese werden meinen Tod überdauern. Man braucht keine Angst um die Zukunft der Musik zu haben.
Diese Erfahrung führte, zusammen mit vielen weiteren Erfahrungen , u.a. der Beschäftigung mit den Bildern Rauschenbergs, zu 4'33".
Das Stück besteht aus drei Sätzen, die zusammen 4 Minuten und 33 Sekunden dauern. Die drei Sätze bestehen aus Tacet (Pause). In der Uraufführung am 29. August 1952 in einem Auditorium der Harvard-Universität zeigte der Pianist David Tudor die 3 Sätze durch Schließen und Öffnen des Klavierdeckels an. Am 16. Januar 2004 wurde auf BBC Radio 3 das Stück zum ersten Mal im Rundfunk gesendet und gleichzeitig das erste Mal von einem Orchester gespielt. Techniker mussten die Notfallsysteme des Radios ausschalten, welche bei auftretenden Störungen ("Stille") automatisch Mitteilungen an die Zuhörer senden lassen. Das Publikum klatschte enthusiastisch.
Im Juli 2002 wurde der Komponist Mike Batt wegen Plagiarismus von John Cages Erben verklagt, nachdem Batt sein Stück "A One Minute Silence" unter der Autorschaft "Batt/Cage" herausgegeben hatte. Anfänglich sagte Batt, er werde sich gegen diese Vorwürfe wehren und erklärte, dass sein Stück "ein sehr viel besseres stilles Stück" ist, und "ich war in der Lage, in einer Minute das zu erzählen, für was Cage vier Minuten und 33 Sekunden brauchte". Batt hat im September 2002 mit den Erben von John Cage einen außergerichtlichen Vergleich abgeschlossen und zahlte eine ungenannte sechsstellige Entschädigung.
(aus: http://de.wikipedia.org/wiki/4'33%22)
Mein wichtigstes Stück ist mein stummes Stück. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von diesem Stück Gebrauch mache in meinem Leben und Werk." Das sagte John Cage von seinem legendären, als "Schlüsselkomposition des 20. Jahrhunderts" gerühmten Werk 4' 33''. Wir haben neun Aufnahmen miteinander verglichen.
1. Arthur Rubinstein - Rieselnde Asche
Die Aufnahme: Rubinstein -His Master's Cigar 4711 (1972)
Mit einer Anekdote beginnt meine kleine Reise zu den Orten
geformter Stille. Es war eine Wette mit seinem alten Freund Shura Cherkassky,
die zu einem Vorkommnis in Paris 1972 führte, in dem nur Wenige eine Aufführung
von Cages Jahrhundertwerk erahnten. Arthur Rubinstein war den experimentellen
Sphären Cages denkbar fern. Wie schwer muss es ihm gefallen sein, die Hände
still zu halten. Doch eine Zigarre begleitete den alten Löwen an das Gestade
des Schweigens. Mumienfahl sah er zu, wie die Zigarrenasche langsam auf die
Tastatur rieselte, während er mit fast unmerklich verschmitztem Blinzeln jene
vollkommene Haltung einnahm, aus der heraus uns sonst die Kantilenen Chopins so
bewegend entgegenblühten.
Doch da war nichts außer Publikumsverstörtheit. Was
hätte nicht alles hineingepasst in diese kleine Spanne? Eine Mazurka Chopins,
ein Prélude. Oder eben eine gewonnene Wette. Mit den Fantasiestücken Schumanns
fuhr Rubinstein fort, nicht ohne vorher lässig die Asche von den Tasten zu
pusten und damit alle Erinnerung an viereinhalb Minuten verschenkter, kostbarer
Zeit.
2. Shura Cherkassky – Geplauder
Die Aufnahme:
Cherkassky- Silencium 3463-2 (1972)
Shura Cherkassky war nicht nur der Meister des
flüchtig-erfüllten Augenblicks, er folgte auch der vorstürmenden Avantgarde mit
kindlicher Neugierde. Beides nahm man ihm im deutschsprachigen Raum übel, man
fand ihn nicht tiefsinnig genug. Doch lag nicht Weisheit und Tiefsinn darin,
wie er seine viereinhalb Minuten Cage genoss?
Mit lässiger Gebärde brach er das Schweigegebot des
Komponisten. Geplaudert hat er mit dem Publikum. Über eine Wette ... Allerdings
verbarg sich unter dieser grandseigneurhaften Leggierezza ein Fundament
interpretatorischer Gewissenhaftigkeit. Nach korrekten 4' 33'' unterbrach er
sich mitten im Satz, stand auf, um dann mit Liszt fortzufahren. Sollten wir vom
spielerischen Ernst, vom krampflosen Lächeln dieses Mannes nicht lernen können,
der die cagesche Hohlform mit seinem Scharm füllte?
3. Claudio Arrau - Wuchtiges Nichts
Die Aufnahme:
Arrau- Dönhoff-Dokumente/ Preußisches Schallarchiv 10318-24 (1987)
Wie viel herber war doch der alte Claudio Arrau, der 4' 33''
1987 in Recklinghausen aufgeführt hat. Seltsam, man meinte in Arraus Deutung,
die er der Dante-Sonate folgen ließ, etwas hinübergetragen zu hören vom
harschen Interpretationswillen, mit dem er das Heulen der Verdammten in Liszts
Fantasie beschwor.
Welche Anspannung war im Saale! Arrau hat es uns nie
leicht gemacht mit seiner skrupulösen Gediegenheit, der preußisch
disziplinierten Genauigkeitsanstrengung. Viereinhalb Minuten verharrte er steif
und aufrecht und teilte mit magisch langsamen Bewegungen die drei Sätze ein –
nach dem akkurat befolgten Autograf übrigens. Und schuf die wuchtige Sonate des
Nichts, fester und würdiger als es ein Liszt vermocht hätte. Wo war sonst
solche Stille?
4. Emil Gilels - Pochen des Todes
Die Aufnahme:
Gilels - Edition Darmstadt ZK 007 (1984)
Gilels hat das Werk nur selten gespielt. In seinen letzten
Jahren, in denen er sich eine Scheinwelt interpretatorischer Solidität
erarbeitete, deren Zerbrechlichkeit uns Hörer zutiefst rührte, zog es ihn
seltsamerweise an. Und waren wir nicht zutiefst besorgt, als Gilels 1984 sein
Programm in Locarno änderte?
Die Kraft des erschütternd verfallenen rotmähnigen
Giganten schien für die Paganini-Etüden Liszts nicht mehr zu reichen. Dem
verwirrend innerlichen, ganz spröde zertüftelten Scarlatti folgte ein 4' 33''
des nach Atem ringenden Innehaltens. Die Maske der Vitalität fiel ab, und
dahinter stand Erschöpfung, grinste das nahende Ende dieses wunderbaren
Künstlers, der so viel resignierter, grüblerischer und problematischer war, als
es seine herrlich balancierten Interpretationen vermuten lassen würden. Man
meinte die mühsamen, leidenden Herzschläge in diesen 4' 33'' durch den
totenstillen Saal pochen zu hören, erfüllt mit Qual und Erlöschen.
5. Swjatoslaw Richter – Vulkanisch
Die Aufnahme:
Richter - Floating Significants/Yale Records SS-20 (1967)
Förmlich die Noten einsaugend, in seinen Flügel hineinkriechend hockte Swjatoslaw Richter 1967 im Finstern, als krümme er sich vor Schmerz und zurückgestauter Energie. In 4' 33'' schien er innerlich Magmaströme zu erhitzen, deren Eruption kurz bevorzustehen schien. Doch er entfesselte sie nicht, zwang die aufgestaute Ausdruckenergie in seinen Riesenleib zurück. Ja zwängte sie. Um dann alles zu entladen in den folgenden Etüden op. 10 von Chopin, die er mit gleichsam transästhetisch verstörender Wildheit gab. Wie bei der Argerich war dies keine Auslotung der Stille, sondern brütender Vorraum welterschütternder Ausbrüche – ihm ist Cages Schweigestudie bloß Durchgangsstation.
6. Arturo Benedetti Michelangeli - Marmorne Absolutheit
Die Aufnahme:
Benedetti Michelangeli - Zen Records 290762 (1988)
4' 33'' war Michelangelis einzige Zugabe in den späten
achtziger Jahren. Das einzige Stück, das er nach Ravels "Scarbo" noch
zu bewältigen meinte. Man spürte die zehn Jahre, die er an dem Stück gefeilt
hatte, Nuance um Nuance die geformte Stille aus dem Lärm der Welt
herausgepresst hatte, gleich dem letzten Saft der Trauben.
Michelangelis Stille war absoluter, als es der sein
Ohrensausen bestürzt belauschende Cage vermutet haben würde. Hatten die Vögel
der beliebten Anekdote zufolge vor seiner Villa die Triller der Arietta aus op.
111 tiriliert, so lernten sie mit Cage das Schweigen während brütender
Nachmittage, da eine Stille lastend zu werden schien, in der das Nichts zur
Vollendung reifte. Nach dieser Zugabe wagte das Publikum nicht zu klatschen.
Als ahnte es, ein solches Schweigen war das Schweigen der Marmorgrüfte. Das
Schweigen des Todes.
7. Martha Argerich - Angespannte Muskeln
Die Aufnahme: Argerich - Les Disques du Différance 34JD72
(1965)
Die Argerich. Haben wir ihre stählerne Deutung, die die Zeit zu beschleunigen schien, damals verstanden? Sie tat viel, um uns Hörern brodelnde Hohlräume des Ungesagten zu erschließen, die sie gleichsam mit scharfen Krallen aufriss. Viereinhalb Minuten angespannter Muskeln, bereit loszuschnellen. Viereinhalb Minuten ungebärdiges Schütteln der schwarzen Mähne. Das Warten als qualvolle Ouvertüre der Entladungen. Die kommenden, bereits entworfenen Einschläge pulsten verstörend in die kurze Weile, deren Erregtheit uns verwirrte.
8. Christoph Eschenbach - Grimassierende Erstarrung
Die Aufnahme:
Eschenbach - Lesbos historical 8.732911 (1959)
Antipodisch wirkten die Aufführungen Christoph Eschenbachs, der eingezwängt in den bohrenden Realisierungsernst war wie in seinen zu engen Rollkragenpullover. Etwas Unfreies, Verkrampftes lag über seiner 4'33''-Exegese, ein unfrohes Kriechen der Sekunden. War diese grimassierende Erstarrung Wille des Komponisten? Oder ist der junge Eschenbach als übertreuer Werkdiener mit der Stoppuhr neben der Partitur hier an Grenzen gelangt, wo ein Verstummen einsetzt, ein Verstummen des Unbehagens - eisiger Widerpart der erfüllten, warmen Spanne dieser viereinhalb Minuten?
9. Justus Frantz - Schweigendes Gerede
Justus Frantz griff rhetorisch hinein in diesen Schlund des Schweigens. Erklärend! Ja, er hat das Werk zerredet in einer ZDF-Sendung vom 18.1.1997 - eine kühne Umsetzung des "anywhere, anyhow" der Partitur. Der Name Cage ist gefallen, man kann das nachprüfen, doch ansonsten ging es um das lustige Präparieren von Klaviersaiten mit Radiergummis. So durfte sich Frantz allenfalls in einer äußeren Kreisbahn um das schwarze Loch rätselvollen 4'33''-Raunens wähnen. Doch hat er, Satz um Satz hervorsprudelnd, dessen tiefinneren Sinn erfüllten Schweigens verstanden? Frantz' Cage ist ein Cage für Hörer, denen es an Mut fehlt, sich der Radikalität dieser Schöpfung zu stellen.
(alle Zitate
aus: RONDO 2/01 (siehe auch: http://www.rondomagazin.de/klassik/cdgalerie/cage.htm)
c.
zu John Cages Orgelstück Organ 2/ASLSP
( „as slow as possible“)
Wie langsam ist “So langsam wie möglich”? Die
Tempovorschrift „as slow as possible“ von John Cages Orgelstück Organ 2/ASLSP,
stellt diese Frage.
John Cage, 1912 in Los Angeles geboren und 1992 in New York gestorben, war
Schüler von Henry Cowell und Arnold Schönberg. Es gibt nach Schönberg in der
Geschichte der neuen Musik nur wenige Komponisten mit einer ähnlichen
Bedeutung, nicht nur für die Entwicklung eines neuen Verständnisses in der
Musik, sondern auch über den Rahmen des eigentlichen musikalischen Schaffens
hinaus. John Cage war Philosoph, Maler und Literat. Hinter allen seinen
Arbeiten spürt man das Bedürfnis „Bewusstsein zu schaffen“ für Musik, für
Verhaltensweisen und für unser Vermögen zu denken. 1985 entstand ASLSP in einer
Fassung für Klavier, 1987 bearbeitete John Cage das Stück auf Anregung des
Organisten Gerd Zacher für Orgel. 1997, 10 Jahre danach, auf einem
Orgelsymposium in Trossingen, wird die Frage gestellt, wie ist „as slow as
possible“ zu begreifen und wie ist das Stück aufzuführen. Organisten,
Musikwissenschaftler, Orgelbauer, Theologen und Philosophen sprechen über die
spieltechnischen, ästhetischen und philosophischen Aspekte die dem Titel und
dem Stück gerecht werden. Die Frage der Realisierung des Werkes führt zu dem
Ergebnis, dass man „as slow as possible“ potentiell unendlich denken und spielen
kann – zumindest so lange, wie die Lebensdauer einer Orgel ist und so lange,
wie es Frieden und Kreativität in künftigen Generationen gibt. Aus dieser
spieltechnischen und ästhetischen Frage entwickelte sich im Laufe der Zeit ein
Projekt, das inzwischen weltweites Aufsehen erregt hat. Warum in Halberstadt?
Im Jahr 1361 wird in Halberstadt die erste Großorgel der Welt, eine
Blockwerksorgel, gebaut. Diese Orgel stand im Dom und hatte zum ersten Mal eine
(12-tönige) Klaviatur. Noch heute wird das Schema dieser Klaviatur auf unseren
Tasteninstrumenten gebraucht. Die Wiege der modernen Musik stand damit in
Halberstadt. Im Jahr 2000, 639 Jahre sind seit dem „fatalen Tag von
Halberstadt“ (Harry Partch) vergangen, 639 Jahre soll das Stück von Cage „so
langsam wie möglich“ aufgeführt werden. Ort ist die Burchardikirche, eine der
ältesten Kirchen der Stadt. Um 1050 von Burchard von Nahburg gebaut, diente sie
über 600 Jahre als Zisterzienserkloster. Im 30-jährigen Krieg wurde sie
teilweise zerstört, 1711 wieder aufgebaut und 1810 von Jérome säkularisiert.
190 Jahre war die Kirche, Scheune, Lagerschuppen, Schnapsbrennerei und
Schweinestall. Von Johann-Peter Hinz wird die romanische Kirche für dieses
außergewöhnliche Vorhaben, das die Faszination vieler Menschen in der Welt
weckt, neu entdeckt. Mit Unterstützung der Stadt Halberstadt und der Hilfe
privater Hände wird Burchardi gereinigt, durch ein neues Dach vor Regen
geschützt, Fenster werden eingesetzt und die Kirche in der Substanz soweit
gesichert, dass ein Blasebalg nach dem Vorbild der ersten Faber-Orgel gebaut
werden konnte. Heute, in unserer Zeit, hören wir den ersten Dreiklang aus sechs
Orgelpfeifen in einer kleinen Orgel, die während der Aufführung wächst: „as
slow as possible“. Angesichts unserer schnelllebigen Zeit ist dieses Vorhaben
eine Form der versuchten Entschleunigung, der „Entdeckung der Langsamkeit“ und
das Pflanzen eines „musikalischen Apfelbäumchens“ verstanden als Symbol des
Vertrauens in die Zukunft.
Das Stück wird 639 Jahre aufgeführt, da vor 639 Jahren 1361,
gerechnet vom Jahr 2000 die berühmte Blockwerkorgel von Nicolaus Faber im
Halberstädter Dom fertiggestellt wurde.
Beginn der Aufführung an Cages 89.Geburtstag am 5. September 2001. (Das Projekt
ist bereits ein Jahr vorher gestartet worden.) Die Dauer der Aufführung eines
Teils beträgt 71 Jahre, da ORGAN2/ASLSP aus acht gleichlangen Teilen besteht
und ein Teil wiederholt wird. (639 : 9 = 71).
Die Aufführung beginnt mit dem Teil 1. Die Reihenfolge der weiteren Teile, der
zu wiederholende Teil und die Stelle, an der die Wiederholung stattfindet, sind
noch nicht festgelegt.
Die kleinste Berechnungseinheit (Toleranzeinheit) beträgt 1 Monat. Der jeweils
festgelegte Klangwechsel findet am 5. Tag des betreffenden Monats statt.
Der Nullpunkt (die Startlinie) im Notensystem ist nicht das Ende des
Notenschlüssels, sondern der Beginn der Längsstriche in der zweiten Akkolade
eines jeweiligen Teils.
Vorschlagnote : Länge 1 Monat, Viertelnote staccato: Länge 2 Monate,
Viertelnote ohne staccato: Länge 4 Monate.
Die Ergebnisse bewegen sich in gewissen Ermessensspielräumen, die aus
objektiven Problemen mit der Messgenauigkeit resultieren. Die Berechnung ist
nach der Vorlage der Berechnung Christoph Bossert/Andrea Dubrauszky von Jakob
Hinz/Rainer O. Neugebauer erstellt worden. Am 19.11.2004 haben Herr Bossert und
Herr Neugebauer die Berechnung nochmals abgeglichen. Am gleichen Tag ist diese
Berechnung vom Kuratorium der John-Cage-Orgel-Stiftung diskutiert und endgültig
in der vorliegenden Form verabschiedet worden. Sie ersetzt damit die bisherige,
vorläufige Berechnung. Bestandteil der Berechnung ist die vergrößerte Partitur
mit den darüberliegenden Monats- und Jahresstrichen.
Um einen kurzen Begriff von den Schwierigkeiten einer genauen Berechnung zu
geben, hilft folgende Vorstellung: Die Originalpartitur (8 Teile und 1
Wiederholung) aneinandergeklebt ist ca. 4,07 m lang. Die Uraufführung von Gerd
Zacher, dem das Stück auch gewidmet ist, hat 1987 in Metz ca. 29 Minuten
gedauert. Hochgerechnet auf 639 Jahre, wäre die Partitur etwa 47.135,5 km lang
(das entspricht ungefähr einem Maßstab von 1:11,5 Mio.) D.h. 1 Monat (bei 639
Jahren) entspricht etwas mehr als 0,2 Sekunden (bei 29 Minuten). Hier spielt
also schon die Messgenauigkeit und die Zeichnungsgenauigkeit der Monatsstriche
auf der Partitur im Verhältnis zur Zeichnungsgenauigkeit der Noten eine Rolle.
(((((((((((((M
2 4`33 (John Cage))))))))))
M 3 “Stille in drei Sätzen” (Schülerarbeit)
M 4 „Zeit“ (Werbegraphik 1975)