Warum nicht gleich Anatevka?

Ein gewöhnlicher Schulchor führt ungewöhnliche Stücke auf

(aus Musik und Unterricht 20/93 S. 26 ff.)

Diese Frage habe ich oft genug gehört; ein suffisantes Lächeln signalisierte: "Jetzt bist Du aber größenwahnsinnig geworden!". Und fast ein Jahr später, nach der Aufführung muß der Kritiker zugeben: Das scheinbar größenwahnsinnige wurde statt dessen eine musikalisch und schauspielerisch durchaus beachtliche Schülerleistung, die die gewohnten Grenzen des "Laienspieltheaters" deutlich überschritt.Natürlich wagt sich kein Laie reinen Gewissens mit einem Schulchor an eine Originalaufführung von Porgy and Bess heran (abgesehen davon, daß man dafür sowieso keine Aufführungsrechte bekommt). Weder die Sängerinnen, noch das Orchester entsprechen den technischen Anforderungen; peinlich. seine Fähigkeiten so überschätzt zu haben. Dennoch, glaube ich, gibt es einen Weg, überzeugend und durchaus nicht peinlich "unmöglich" erscheinende Bühnenwerke mit "laienhaften" Schülern beachtenswert auf die Bühne zu bringen. Werke wie die West Side Story, die Schöpfung, Orpheus in der Unterwelt, die Beggar' s Opera, Porgy and Bess, Cats und Anatevka wurden an unserer Schule (wenn auch nicht in ihrer Originalgestalt) erfolgreich aufgeführt. Und die befürchtete peinliche Überforderung unterblieb aus drei Gründen. Erstens spielten die Schüler nicht vorgeschriebene Rollen nach, sondern sich selber, ihre eigenen, durchaus ernst zu nehmenden Probleme, Hoffnungen und Gedanken. Zweitens erklangen nicht die Originalnoten, sondern deren, den Fähigkeiten der Schüler angepaßten Charaktere, sowie voll kommen umgearbeitete Texte und Dialoge. Und drittens organisierten die Schüler ihren Erfolg selber. Das möchte ich im folgenden am Beispiel Anatevka verdeutlichen.Unser Schulchor besteht aus ca. 70 Schülern der Mittel- und Ober stufe, sowie einigen Ehemaligen und Schülern einer benachbarten Schule. Zudem jeweils einjährigen Projekt gehören neben den Sängern (ob solistisch oder chorisch) eine achtköpfige Tanzgruppe (teilweise Chormitglieder), die Schulband (in der Regel Schlagzeug, Bass, Gitarre, Klavier und Keyboard. Querflöte und Trompete, bei Anatevka außerdem Solovioline, Fagott und Akkordeon) und die technische Crew (Licht und Ton mit jeweils einem schon recht beachtlichen Mischpult). Aus dem Chor heraus hat sich das Organisationskommitee (das vom Führen der Anwesenheitsliste während der Proben über das vollkommen selbständige Organisieren von Chorfahrten, über die Chorkasse und den Kartenverkauf bis hin zur Pressearbeit und Verhandlungen mit der Schulleitung zuständig ist) etabliert. Dieser (übrigens voll computergestützte) Chorvorstand ist über die organisatorische Funktion hinaus auch ein wesentlicher Snsprechpartner in Fragen der Programmgestaltung und der Solistenauswahl. Schließlich bin ich als Chorleiter und Arrangeur für die musikalisehen Probleme, für die grundsätzliche Konzeption der Regie und für die Einstudierung zuständig. Die einzigen Schulfremden sind die beiden Choreographinnen, die als Berufstätige nebenbei Jazztanzgruppen bei einem Sportverein leiten. Die Arbeit mit dem Schulchor steht in engem Zusammenhang mit der weiteren Chorarbeit an unserer Schule. Im Unterstufenchor, der im letzten Schuljahr eine "wahrhaft tierische" Version des Cats-Sujets von T .S. Elliot einstudiert hatte, gewinnen viele zukünftige Solisten ihre erste Bühnenerfahrung. Im Kammerchor (in der Regel ab 10. Klasse) sammle ich mir v.a. die Solisten aus dem Schulchor. Hier kann ich gezielt Vomblattsingen schulen und Stimmbildung durchführen. Der Kammerchor, den die Oberstufenschüler als Wahlgrundkurs in das Abitur einbringen können, studiert unabhängig vom Schulchor traditionelle, jedoch komplexe Literatur ein, wie Ausschnitte aus dem Weihnachtsoratorium oder aus Mozarts Requiem.

Nachdem der Schulchor im vorletzten Jahr das Porgy and Bess-Projekt in einer sehr eigenwilligen Inszenierung als Catfish Row mit ungewöhnlich intensiven Stimmungen auf die Bühne gebracht hatte, ging es vor Beginn des neuen Schuljahres um die Frage, mit welcher Aufführung man dieses hohe Niveau halten könne. Die endgültige Auswahl des Stückes obliegt in der Regel mir als Chorleiter, jedoch bin ich grundsätzlich auf die Meinung der Chormitglieder angewiesen. Viele Vorschläge wurden abgelehnt: Das von einigen Schülern vorgeschlagene Musical Hair lehnte ich ab, weil ich (jedenfalls im Moment) die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dem damit verbundenen Stoff nicht sehe. Mein Vorschlag, das erfolgreiche Musical Oliver (nach Oliver Twist) einzustudieren. scheiterte an den negativen Kommentaren vieler Chormitglieder über den "kindlichen"' Charakter der Texte ebenso wie der Vorschlag, eine Inszenierung der Zauberflöte ("heiliges, unantastbares Kulturgut") oder des Phantom der Oper ("die Perfektion im naheliegenden Hamburg ist unerreichbar) zu versuchen.

Ein Chormitglied schlug schließlich Anatevka vor. Zunächst hatte ich auch hier eine Reihe von Vorurteilen: Ich mochte nach meinen bisherigen Kenntnissen und dem Erlebnis einer professionellen Freilichtbühnenaufführung die volkstümlerische Musik, den scheinbar bauernschlauen Milchmann Tevje, das nach Hollywood verfrachtete jüdische Milieu, dieses unerträgliche "Dideldideldum" eben nicht. Kurz, ich sah zunächst auch hier keine Existenzberechtigung für eine Aufführung mit dem Schulchor. Doch je länger ich mich mit dem Stoff beschäftigte, desto mehr wurde mir klar, daß hinter dem unterhaltsam erscheinenden Stoff (v.a. in Alejchems Erzählung) eine beklemmende Aktualität steckt: Nicht das populäre "Dideldum" macht seine Existensberechtigung aus. Es ist auch nicht so sehr die heute immer noch vielerorts praktizierte Judenverfolgung, ja auch nicht in erster Linie der dahinter steckende (der aktuellen Ausländerfeindlichkeit zeitnah verbundene) Chauvinismus.

Zentral und außerdem zeitlos sind für mich die Problemfelder Tradition und Gewalt. Politische Gewalt gegenüber Minderheiten, Andersdenkenden und fremden Religionen, Vertreibung und Ghetto, gewaltsamer Bruch mit uralten Traditionen. sowie die Sehnsucht nach "Heimat".

Schließlich handelt Anatevka von Liebe, der es gelingt, fragwürdig gewordene Traditionen mit sanfter Gewalt zu überwinden, jedenfalls zweimal (bei den beiden älteren Töchtern). Beim dritten Mal aber geht' s schief: Chava muß ihre Annäherung an einen "Anderen" mit einer sehr beklemmenden Spielart der Gewalt erleben: Der sonst so liberale Vater Tevje verstößt sie. Da ist kein Platz mehr für ein "Dideldum". Die Diaspora macht selbst vor der eigenen Familie keinen Halt.

In den Gesprächen mit den Schülern stellt sich bald heraus, daß sie in dem so gesetzten Schwerpunkt durchaus eigene Gedanken widergespiegelt sehen, daß sich schon viele Chormitglieder mit dem Projekt identifizieren. Damit ist die schwerste Hürde genommen. Jetzt bin ich sicher, daß der Faktor Engagement viele laienhafte Bedingungen der Aufführung vergessen läßt. Die weitere Diskussion mit den Chormitgliedern verläuft teilweise kontrovers: Einige wollen unbedingt die Originalmusik und die damit verbundenen traditionellenElemente beibehalten. Sie wehren sich gegen eine Überbetonung der "antitraditionetten" Elemente. Ihnen mißfällt es, daß es in den Tanzszenen, den Dialogen und der Bandinstrumentation zu Brüchen mit liebgewordenen unterhaltsamen Gewohnheiten kommt. Ein Referat eines Chormitgliedes über die Religion, das Leben und den Kampf der russischen Juden macht deutlich, daß man die im Original angelegte versöhnliche folkloristische Stimmung, von den Älteren als "falsche Sentimentalität" gekennzeichnet, überwinden muß, um die eigene Betroffenheit überzeugend und ernstgemeint "über die Rampe" bringen zu können.

Somit sind die groben Umrisse der Inszenierung festgelegt. Die Erzählung von Scholem Alejchem, der alte Spielfilm Tevje der Milchmann und das Broadway-Musical dienen nunmehr als lockere Vorlage. Einige Beispiele mögen den so gewonnenen Abstand vom Original erläutern. Der Höhepunkt der Inszenierung wird akustisch und optisch auf die Vertreibung der Chava angelegt: Hart aufeinander folgen bei ihr höchste Glückseligkeit (das Zugeständnis ihrer Liebe zum Russen Fedja) und die bittere Erfahrung, durch die Worte des Vaters Elternhaus und Heimat verloren zu haben. Der Chor singt ihr das schmerzliche Lied vom Kleinen Vogel Chavaleh mit möglichst schlichten, die Vereinsamung aber hervorhebenden Mitteln: unisono (zusätzlich dadurch betont, daß es das einzige Unisono-Lied ist), nur leicht von Klavier und Flöte begleitet und im absoluten Dunkeln. Der Gesang mündet in ein karges Instrumentalspiel, bei dem eine schwarz gekleidete Solotänzerin in einem minimalen Lichtkegel einen "auf der Stelle tretenden", aber dennoch bewegten Ausdruckstanz formt.

Das "Dideldum" Lied (mit stark verändertem Text) bekommt eine grundsätzlich andere Bedeutung, wenn es direkt nach dem schweren Pogrom erklingt. Jetzt wird nicht mehr vom rustikalen Reichsein geträumt. Während des in fahles, eine Traumsituation suggerierendes Blau eingetauchten Liedes ist jedes Chormitglied damit beschäftigt, irgendwelche Wiederaufbauarbeiten durchzuführen. Dazu wird von der Hoffnung gesungen, sein Haus vor Pogromen schützen zu können. Die Tanzszenen brechen an bestimmten Stellen mit der traditionellen Volksmusik-Choreographie. Das große Hochzeitsfest beginnt mit einem traditionellen Bändertanz. Doch der Braut "juckt es in den Füßen". Sie, die sich ihre Ehe mutig gegen die Tradition der Ehevermittlung durchgesetzt hat, wird übermütig und leitet, von der Band entsprechend begleitet, in einen Jazzrock-Tanz über. Auf dem Höhepunkt des ausgelassenen Treibens brechen die Russen mit einem Pogrom ein und zerstreuen die panische Menge. Übrig bleibt eine in Rot getauchte leere Bühne, während vom Tonband eine verzerrte Fassung des Chavaleh Liedes erklingt, die folgende Vertreibung musikalisch antizipierend. Die Klänge enden in einem lange anhaltenden tiefen Synthesizer-Gebrummel, währenddessen der Geiger vom Dach steigt, resignierend seine Geige unter den Arm nimmt und tonlos mitten durch die Zuschauer gehend den Saal verläßt,

Nach der Vertreibung der Chava ist alles weitere auf Abschied, auf Trennung, auf Diaspora eingestimmt. Der Geiger auf dem Dach (als schauspielender Musiker) ist nicht der "gutmütige, bärtige Alte", sondern Träger einer unaussprechlichen letzten Hoffnungslosigkeit. Nach dem Abschiedslied "Anatevka" zerstreut sich der Chor in alle Richtungen, begleitet von collageartigen Fetzen isolierter musikalischer Reminiszenzen, einem riesigen musikalischen und szenischen Decrescendo, das schließlich darin endet, daß der Geiger (ebenfalls ein Chormitglied) tonlos seinen Bogen entspannt, sein Instrument in den Koffer packt und verschwindet.

Durch ihr überaus ernsthaftes Engagement zeigen hier Jugendliche. daß sie sich mit Problemen der Tradition, der verschiedenen Spielarten der Gewalt dagegen, sowie der Solidarität mit Unterdrückten durchaus eigenständig und überzeugend beschäftigen. Hier wird nicht ein erfolgreiches Hollywood-Musical nachgespielt, sondern hier stellen Schüler ihre eigenen Gedanken, Sehnsüchte und Emotionen musikalisch-szenisch dar. Kein Wunder, daß bei den Aufführungen der berühmte Funke zum Publikum überspringt. Alle musikalisch-technischen Vereinfachungen und laienhaften stimmlichen und schauspielerischen Mängel sind unerheblich gegenüber der suggestiven Gesamtleistung. Die Schüler spielen und organisieren sich selber.

Das Organisieren der Chormitglieder geht über die mehr oder weniger technischen Tätigkeiten (Kartenverkauf, Programmheftgestaltung, Plakatentwurf, Bühnenbildaufbau, Kostümierung, Szenenumbauten, Pressearbeit, Terminfestlegung, Probenwochenenden, Anwesenheitskontrolle usw. ) hinaus: Ein Chormitglied engagiert sich als Regieassistentin und hilft v. a. bei den schwierigen Massenszenen. Die mit Solorollen beauftragten Chormitglieder verbessern selbständig ihre Dialogtexte und arbeiten eine Reihe von zenischen Gags aus. Eine Schülerin bringt eine Schallplatte mit jiddischen Liedern mit, um eine Vorlage für ein Überbrückungslied bei einem längeren Bühnenumbau zu haben.

Insgesamt steht also das Engagement der Schüler im Vordergrund. Mein Beitrag als Chorleiter besteht in der grundsätzlichen Entscheidung für ein Stück, der Rollenverteilung (dieses Privileg muß ich mir vorbehalten, sonst würde es zu unnötigen Quereleien und Tränen kommen), der musikalischen Übersetzung in das Chor- und Bandarrangement, sowie in der Einstudierung (auch hier helfen mir fortgeschrittene Sänger und Klavierspieler aus den Reihen der Chormitglieder). Grundsätzlich kaufe ich kein angebotenes Noten und Textmaterial mehr ein, weil es entweder nicht den Möglichkeiten meiner Sänger –Schauspieler-Tänzer-Instrumentalisten entspricht, oder weil die Thematik wenig dazu geeignet ist, bei den Schülern überdurchschnittliches Engagement hervorzurufen.

Das bedeutet natürlich mehr Arbeit, als wenn ich fertiges Material nehmen würde.

Glücklicherweise werde ich durch die Schulleitung entsprechend unterstützt, was die Anrechnung von AG Stunden und die finanzielle und organisatorische Hilfe angeht. Auch das Kollegium drückt im Großen und Ganzen mehrere Augen zu, wenn ich einige Schüler für Zusatzproben aus dem normalen Unterricht herausnehmen möchte. Für eine Reihe von Sonderaufgaben finde ich immer engagierte Schüler, die beim Bühnenaufbau, bei der Beleuchtung, oder als Saalordner helfen. Auch aus den Reihen der Eltern erhalte ich viel Hilfe: Baumaterialien, Requisiten, ermunterndes Lob usw. Abschließend möchte ich erwähnen, daß am Schulleben ansonsten völlig unbeteiligte Firmen ebenfalls gerne zu Hilfestellungen bereit sind, wenn man sie nur anspricht (auch das machen inzwischen einige Chormitglieder liebend gerne in Eigenregie). So stiftete z.B. eine Baufirma ein komplettes Maurergerüst, welches rings um die Bühne aufgebaut wurde, um so den Spielraum differenzierter ausnutzen zu können.

Vieles von dem. was ich hier skizziert habe und was die Arbeit mit der Stimme angeht, ist durchaus konventionelle Schulchorarbeit. Auch die grundsätzliche Verknüpfung von Gesang, Schauspielerei und Tanz ist nicht besonders erwähnenswert. Erst die Tatsache, daß sich unser Schulchor an undurchführbar erscheinende Stücke heranwagt und sie auch überzeugend mit hohem musikalischen und schauspielerischen Niveau aufführt, scheint nach meinen Beobachtungen den üblichen Schulrahmen zusprengen. Es ist v.a. die starke organisatorische und inhaltliche Beteiligung der Chormitglieder am Projekt, aus der das überaus sichtbare Engagement als Hauptpfeiler für den Publikumserfolg resultiert.

Nun, - Anatevka ist vorbei. Wieder zeigte es sich, daß von "Größenwahn" absolut keine Rede sein kann. Im Gegenteil: Die Schüler brachten eine so intensive und ehrlich selbst empfundene Anteilnahme für das Schicksal der im Stück dargestellten Menschen über die Rampe, daß das Publikum betroffen (und begeistert zugleich) aus den Aufführungen hinaus ging.

Aus "Anatevka" - Szene 2,6 (Hochzeit vorm Haus)

(Festliche Beleuchtung, der Chor in Festkleidern. Alle binden sich eine gleichartige Schleife um das Handgelenk. Der Chor im Halbkreis. Deutlich im Vordergrund die Paare. In der Mitte Tevje/Golde, daneben Mottel/Zeitel (im Brautkleid), etwas abseits, aber deutlich als Paar zu erkennen Perchik/Hodel und Fedja/Chava.)

Musik Nr. 8 (Gestern, heute)

(Mordscha schiebt sich nach vorne. Lazar, Wolf und der Rabbi sind ebenso sichtbar.)

Mordscha: Liebe Freunde, wir haben uns hier versammelt, um an der Freude unserer beiden Neuvermählten teilzuhaben. Mögen sie in Frieden miteinander leben bis an das Ende ihrer Tage!

Alle: Amen.

Mordscha: Und nun laßt uns in unserer Festfreude derer gedenken, die nicht mehr unter uns weilen, unseren lieben Verblichenen, die in Not und Armut lebten und in Not und Armut starben. (Alle nehmen die Kopfbedeckung ab, man "schneuzt" sich, schaut ergriffen vor sich hin.

Mordscha (wartet einen Moment, schaut auf die Uhr): Genug der Tränen. (Die Trauer ist schnell verflogen) Nun laßt uns fröhlich und zufrieden sein wie unser guter Freund Lazar Wolf, der alles auf Erden besitzt, - bis auf eine Braut! (Gelächter. Lazar will wütend aufbrau sen, aber der Rabbi will eine Rede halten)

Rabbi: Nun liebe Freunde, ... Dazu möchte ich sagen ... (Er hat vergessen, was er sagen wollte).

Jente: Und was wird aus uns Heiratsvermittlern, wenn sich die Töchter ihre Gatten selber aussuchen?

Rabbi: Dazu möchte ich sagen: Lasset uns tanzen! (Laute Begeisterung überall)

Musik Nr. 9 (Hochzeitstanz)

(Der Chor tritt zurück. Einige Musiker (Geige, Flöte, Trompete, und Akkordeon) kommen

auf die Bühne. Das Licht konzentriert sich auf die Tanzgruppe. Gegen Schluß kommt der Wachtmann mit ein paar Soldaten, und sie unterbrechen den Tanz. Man wendet sich ängstlich ab. Der Fiedler kehrt aufs Dach zurück.)

Wachtmeister: Ich sehe, Milchmann, wir kommen etwas ungelegen. Es tut mir leid. Aber wir haben den Befehl für heute abend. Für das ganze Dorf. Du weißt, nur eine kleine "Demonstration". Tanzt solange nur ruhig weiter! (Der Chor verschwindet hinter dem sich schließenden Vorhang. Deutlich sieht man, wie sich Fedja schützend an die Seite von Chava stellt.

Tevje (reißt die beiden wütend auseinander): Hände weg von meiner Tochter! Du

gehörst zu denen! (Er nimmt Chava in den Arm. Fedja läuft verzweifelt davon. Man beginnt mit der Zerstörung. Das Licht dimmt immer mehr, bis nur noch ein Lichtstrahl aus Tevjes Haus kommt, der wie Feuer aussieht. Dazu erklingt von Tonband die Zerstörungsmusik. Der

Fiedler wird angestrahlt, und man kann erkennen, wie der Fiedler traurig seine Geige einpackt, herunter klettert und quer über die Bühne durch die Saalmitte verschwindet. An der Tür macht er das Saallicht an. Pause.