(aus: Musik & Bildung 3/2005)
Endlich liegt der Kongressbericht des AfS-Bundeskongress für Schulmusik im Jahr 2002 in Berlin vor. Viele Kollegen werden diesen Kongress noch in guter Erinnerung haben. Schon von daher stöbert man gerne in dem fast 450 Seiten dicken Buch und der zugehörigen CD-Rom herum. Einige Beiträge wecken auch heute noch mein Interesse, und über Seminare, die ich seinerzeit mangels Zeit auslassen musste, kann ich mich jetzt in Ruhe informieren.
Der erste Teil dokumentiert die spannende Podiumsdiskussion und enthält eine Reihe theoretischer Beiträge. Bemerkenswert fand ich die (nach Abschluss des Kongresses fixierte) recht grundlegende Reflexion von Hermann J. Kaiser über den "prinzipiell subkulturellen Charakter von Musik in der Schule". Der auf dem Kongress oft geäußerten Behauptung, dass "wir als einzelne Individuen jeweils Teil mehrerer, oft völlig unterschiedlicher Kulturen mit zahlreichen Schnittstellen" seien, fügt er hinzu: "Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eben mehrere oder gar viele Kulturen sind, die an ihren Orten jeweils als relativ abgegrenzte existent sind, an anderen Orten aber zusammenkommen…und … als umgeformte erscheinen" (S. 47). Es klingt wie eine Vorausnahme der Diskussion um Parallelgesellschaften, wenn er fragt,: "inwieweit wir denn jeweils wirklich transkulturell in dem Sinne überhaupt sein können, dass wir Teile anderer Kulturen substanziell… verinnerlicht haben, oder ob wir uns gewissermaßen nur an Teilen davon bedient… haben" (ebd.).
Die Hauptteile des Buches enthalten eine Fülle von Unterrichtsvorschlägen. Dabei geht es nicht nur um die Auseinandersetzung mit "nicht-abendlänischen" Musikkulturen. Besonders interessant finde ich die Ausflüge in Fremdes innerhalb unserer so vertraut scheinenden Umgebung, beispielsweise in die Klezmermusik oder in die jüdische Liturgie, oder aber auch die nachdenklich stimmenden Beiträge unter der Überschrift "Die rechtsextreme Jugendmusikszene: Fremd im eigenen Land?".
Die beigefügte CD-Rom enthält eine Reihe von Midi-Files und PowerPoint-Präsentationen. Leider vermisse ich eine Inhaltsangabe der Tracks. Auch wünschte ich mir kurze nähere Hinweise auf die Autoren. Mit e-Mail Adressen kann man nur sehr wenig anfangen. Die dem Vorwort angefügte Literaturliste ist etwas einseitig. Viele Beiträge beispielsweise aus "Musik und Bildung" oder aus den Kongressberichten des VDS fehlen. Ernst Klaus Schneiders bekanntes Buch über den "Umgang mit dem Fremden" taucht lediglich als Zeitschriftenbeitrag auf.
Dennoch insgesamt ein lesenswertes Buch, enthält es doch für den in der Praxis stehenden Musiklehrer eine Fülle von Unterrichtsimpulsen. Manches ist brennend aktuell, viele Fragen sind offen geblieben. Merkwürdigerweise verkündet einer der Herausgeber unter Verweis auf die Literaturliste: "Inzwischen kann das (Kongress-)Thema als musikpädagogisch gründlich untersucht und kritisch hinterfragt gelten" (S. 7). Wirklich? Nur zwei Jahre sind seit dem Kongress vergangen, da hat die Debatte um Parallelgesellschaften m.E. gezeigt, dass Begriffe wie Multikultur, Globalisierung oder Transkulturalität noch sehr viel Diskussionen und v.a. Unterrichtsimpulse bedürfen.