Rolf Berger: Liedbegleitung. Musikpraxis in der Schule Bd. 6. Bosse Kassel 2002

(aus: Musik und Bildung 2/2002 S. 66)


Ein Lied mit der Gitarre zu begleiten ist für viele Kollegen kein Problem. Wenige Griffe genügen. Will man es jedoch mit Klavier begleiten, wird es für den Nicht-Pianisten schon schwieriger. Oft werden die Songs nur in Form eines "Leadshet" notiert, d.h. nur als Melodiezeile mit Gitarrensymbolen. Es fehlt also der Klaviersatz. In vielen Songbooks gibt es ihn zwar, ein auf dem Klavier wenig versierter Lehrer bzw. Schüler muß ihn sich jedoch mühsam einstudieren. Und wenn das Lied aus stimmlichen Gründen schnell einmal transponiert werden soll, ist die Verzweiflung nahe. Bei einer Gitarrenbegleitung kann man rasch die Symbole ändern, beim Klaviersatz ist dafür viel Schreibarbeit notwendig. Hinzu kommen die Schwierigkeiten mit einem ansprechenden, fließenden Begleitrhythmus. Ein Schlagmuster auf der Gitarre ist leicht zu realisieren, aber welche Spielmuster gibt es auf dem Klavier?

Nach meinen Beobachtungen sind gerade Berufsanfänger, die das Klavier nicht als Hauptinstrument studiert haben, in dieser Hinsicht benachteiligt. Während des Studiums scheint das schulpraktische Klavierspiel immer noch zu kurz zu kommen. In der Schule führt dies nicht selten dazu, daß die Lieder weniger nach Thematik oder Aktualität ausgesucht werden, sondern vielmehr unter dem Aspekt "Das kann ich spielen – das nicht".

Mit dem vorliegenden Heft bietet Rolf Berger einen Lehrgang an, bei dem auch schon Anfänger lernen, auf dem Klavier Lieder zu begleiten. Man schreitet von einfachsten zu schwierigeren Begleitungen fort, und alle Liedbeispiele orientieren sich an der Schulpraxis: von Volks- und Kinderliedern über Spirituals bis hin zu Folk-, Rock- und Popsongs reicht die Palette. Lieder wie "Dat du min Leevsten bist", "Greensleeves" und "Die Moorsoldaten" sind ebenso vertreten wie die Songs "Killing me softly", "Morning has broken" und "Letīs twist again".

Bergers Methode ist einfach, aber wirkungsvoll. Er verzichtet darauf, die Melodie, wie es üblich ist, auf dem Klavier mitspielen zu lassen (was nebenbei auch einige stimmbildende und pädagogische Vorteile hat). Statt dessen lernt der Anfänger, sich einfache Dreiklänge in enger Lage für das Spiel der rechten Hand einzuprägen. Die linke Hand übernimmt lediglich die Akzentuierung der Grundtöne des jeweiligen Akkords.

Die Akkorde werden gleich mit Begriffen wie Tonika, Dominante und Subdominante verbunden, so daß auf dieser Basis das Transponieren leichter fällt. Wenn man sich vor dem Spiel überlegt, wie in der jeweiligen Tonart die Akkorde der T, D und S heißen, ist man bald sogar in der Lage, Lieder auch ohne Noten und vorgegebene Akkorde zu begleiten. Meistens kommt man mit den drei Hauptfunktionen aus.

Zunächst übt man, die Lieder mit ganz einfachen rhythmischen Mustern zu begleiten: volltaktiges Akkordanschlagen, Wechselbässe, Backbeat, Arpeggio-Muster usw. Dabei wird darauf geachtet, daß sich die Hände beim Akkordwechsel möglichst wenig bewegen, daß man beim Spiel also möglichst wenig auf seine Hände schaut. Unter bewußtem Verzicht auf Virtuosität erzielt man schnell klanglich befriedigende Ergebnisse.

Jedes Lied wird in drei Schritten erarbeitet: Zuerst macht man sich die in Frage kommenden Akkorde klar. Dann wird das Lied unter volltaktiger Akkordbegleitung gesungen. Schließlich überlegt man sich ein passendes ausdifferenziertes Begleitmuster. Die Liedmelodie spielt dabei wie gesagt keine Rolle. Man überträgt gewissermaßen die typischen Eigenschaften der Gitarrenbegleitung auf das Klavier.

Mit jedem Kapitel wächst der Schwierigkeitsgrad stufenweise. Lieder, die mit zwei Akkorden auskommen, stehen am Anfang, z.B. "Was müssen das für Bäume sein". Am Ende befinden sich Lieder mit immerhin sechs Akkorden, z.B. "Londonderry Air". Auf Sept- und Vorhaltsakkorde kann man weitgehend verzichten.

Nach jedem Kapitel gibt der Autor eine Liste weiterer Lieder zum Üben an. Auch finden sich viele praktische Aufgaben, deren Lösungen am Schluß des Buches bereitgestellt werden.

Das Heft ist ausgesprochen übersichtlich aufgebaut. Die Darstellung der Gitarrensymbole folgt der weitgehend verbreiteten deutschen Bezifferung (Unterschied H und B). Gewöhnungsbedürftig ist allerdings Bergers "Trick", die Noten der rechten Hand, die sich klanglich um das c1 gruppieren, oktaviert darzustellen. Dadurch vermeidet er das Lesen vieler Hilfslinien, - der bereits etwas fortgeschrittene Klavierspieler wird jedoch leicht irritiert.

Insgesamt kann man dieses Heft besonders den Kollegen empfehlen, die sich auf dem Klavier nicht zu Hause fühlen. Mit wenig aber gezielter Übung lassen sich schnell Fortschritte erzielen. Aber auch Schüler können von dieser Methode profitieren. Immer wieder fragt mich der eine oder andere, wie man eine flüssige und ansprechende Klavierbegleitung ohne großartige Notenkenntnisse und Fingervirtuosität lernen kann. Dem nächsten werde ich dieses Heft in die Hand drücken.