Grenzüberschreitungen II: "Bridges" – Tracy Chapman und Simon & Garfunkel
(aus Musik und Bildung 2/90 S. 103 ff)
Der Begriff "Scheideweg" (s. erste Doppelstunde, MUSIK & BILDUNG 1/90) impliziert etwas Absolutes, Unwiderrufliches. Daher vielleicht die unausgesprochene Angst zur Entscheidung, wenn man vor einem Scheideweg steht. Scheidewege sind Einbahnstraßen, weil Zeit eine nicht umkehrbare Dimension ist. Der Topos "Brücken" hat demgegenüber zwei Aspekte: Einerseits dokumentiert seine Existenz Trennendes, macht Gräben bewußt, insofern haben auch Brücken etwas Absolutes, Unbarmherziges an sich. Andererseits schaffen sie Verbindungen zumeist in beiden Richtungen oder helfen, gefährliche Abgründe sicher zu überwinden. Brücken zeigen nicht nur Grenzen, sie erlauben auch Hoffnung zur Vereinigung. Brücken überspannen nicht nur unwirtliche Landschaften, ihre Bögen können dem Bedrängten Schutz, "Heim", ja sogar eine Möglichkeit zur Abkapselung bieten. Ich brauche wohl nicht näher zu erläutern, daß die hier verschlüsselte psychische Welt gerade von den Jugendlichen intensiv gelebt wird.
Unterrichtsskizze

Eine vergleichende Bildinterpretation eröffnet den Musikunterricht. An Hand der Bilder von Edvard Munch und Edgar Ende wird das Sujet des Unterrichts erschlossen. Bei beiden stehen Brücke, Personen und Umfeld in unterschiedlichem Kontext zueinander. Munchs Mädchen wirken mehr wie ein Dreiklang als wie Menschen; sie haben sich unserem voyeuristischen Blick entzogen und scheinen sich einem schlundartigen Abgrund zuzuneigen. Sie bieten kein Merkmal von Individualität. Paradoxerweise wirkt das Wasser still, die Brücke dagegen wie ein reißender Fluß. Das markant trennende Ufer umschließt festungsartig ein nicht gerade anheimelndes Haus, das eher eines des Todes als ein Haus des Lebens ist. Die Gesamtstimmung des Bildes vereint Melancholie und brennende Angstgefühle. Die Brücke birgt weder Trost noch Verbindung noch Schutz. Sie wirkt wie eine Endstation der Selbstzerstörung. Defätismus beherrscht die Szene.
Endes Brücke ist zwar kein fließender Strom. hat aber auch durch den rasenden Zug ein Moment der Rastlosigkeit, der Unstetigkeit. Wieder das Paradoxon: Auf der Brücke herrscht Vergänglichkeit, ihre Bögen dagegen bieten Schutz für einen Moment der Besinnung, allem Unbill zum Trotz. Auch bei Ende ist es eine Person bar jeglicher Individualität. Das Symbol für Wissensgier ist eindeutig. Insofern enthält das Bild einen starken Kern der Hoffnung. In einem Ausstellungskatalog heißt es: Trotz aller Desillusion, Trauer und Melancholie, die Endes Malerei kennzeichnet, findet wir Fingerzeige, Symbole und Metaphern in den so negativ gemalten Erdflächen mit ihren entblößten Wesen ohne Fleisch und Blut, die auf Wandel, auf den Neuanfang hinweisen (Edgar Ende 1901-1965, Ausstellungskatalog, hrsg. von Jörg Krichbaum. Edition Weitbrecht 1987).
Da der Unterricht bislang aus reinem Unterrichtsgespräch bestand, folgt eine Phase, in der die beiden Musikbeispiele in zwei Gruppen gehört, analysiert und interpretiert werden, wobei eine Gruppe in einen anderen Raum geht. Gemeinsame Fragestellung ist: Welches Verständnis des Symbols "Brücke" läßt sich aus dem Text erkennen, und welcher musikalischen Mittel bedient man sich ? (Gewissenhafte Methodiker werden mir an dieser Stelle grobe Brüche vorwerfen: Die Bilder können aufgrund ihrer total anderen Aussagen in keiner Weise mit den Musikbeispielen verknüpft werden. Auch der ästhetische Anspruch der Maler und der Musiker differiert sicherlich. Erlauben Sie mir dennoch, "gewissenlos" zu sein, da es mir bei diesem Thema nicht auf "loses Wissen", sondern auf das Aussprechen psychischer Situationen ankommt.)
BRIDGES - TRACY CHAPMAN
All the bridges that you burn
Come back one day to haunt you
One day you´ll find you´re walking lonely
Baby I never meant to hurt you
Sometimes the best intentions
Still don't make things right
But all my ghosts they find me
Like my past they think they own me
In dreams and dark corners they surround me
Till I cry I cry
Let me take this time to set the record straight
Let me take this time to take it all back
Let me take this time to tell you how I fett
Let me take this time to try and make it right
But you can walk away
Be all one
Spend all your time
Thinking about the way things used to be
If love feels right
You work it out
You don `t give it up Baby
Anybody tell you that
You should take some time maybe sleep on it tonight
You should take some time baby heed the words I say
You should take some time think about your life
You should take some time before you throw it all away
I ain `t got the time
To sit here and wait around
But I got the time
If you say I`m what you want
All die Brücken, die du abbrichst
Sind eines Tages wieder da und suchen dich heim
Eines Tages wirst du feststellen, dein Weg ist einsam
Baby, ich wollte dich nie verletzen
Manchmal können auch die besten Absichten
Es nicht wieder gutmachen
Doch all meine Gespenster, sie finden mich
Wie meine Vergangenheit meinen sie, sie besitzen mich
In Träumen und dunklen Ecken umzingeln sie mich
Bis ich schrei, ich schrei.
Laß mir diese Zeit, es klar zu kriegen
Laß mir diese Zeit, alles zurückzunehmen
Laß mir diese Zeit, dir zu sagen, was ich empfand
Laß mir diese Zeit, zu versuchen, es wieder gutzumachen
Aber man kann fortgehen
Ganz allein sein
All seine Zeit verbringen
Mit den Gedanken daran, wie alles war
Wenn man an der Liebe nicht zweifelt
Dann schafft man es
Man gibt sie nicht auf, Baby
Das sagt dir jeder
Du solltest dir etwas Zeit nehmen, vielleicht heut nacht darüber schlafen
Du solltest dir etwas Zeit nehmen, Baby, beachten, was ich sage
Du solltest dir etwas Zeit nehmen, über dein Leben nachzudenken
Du solltest dir etwas Zeit nehmen, bevor du alles wegwirfst
Ich hab nicht die Zeit hier rumzusitzen und zu warten
Aber ich habe Zeit wenn du sagst, daß du mich willst.
(Übers.: Teja Schwaner. Begleitheft zur CD 960 888-2. Elektra)
SIMON & GARFUNKEL: BRIDGE OVER TROUBLED WATER
When you' re weary, feeling small
When tears are in your eyes, I will dry them all;
I`m on your side, when times get rough
And friends just can't be found,
Like a bridge over troubled water
I will lay me down
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.
When you`re down and out
When you`re on the street
When evening falls so hart
I will comfort you.
I'll take your part
When darkness comes
And pain is all around,
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.
Sail on silvergirl
Sail on by,
Your time has come to shine.
All your dreams are on their way.
See how they shine.
If you need a friend
I'm sailing right behind.
Like a bridge over troubled water
I will ease your mind.
Like a bridge over troubled water
I will ease your mind.
Die im Plenum stattfindende Auswertung der Gruppenarbeit zeitigt folgende Ergebnisse: Bei Tracy Chapman ist man sich streckenweise nicht sicher, ob sie mit sich selbst oder mit ihrem Freund spricht. Auch inhaltlich sind ihre Gedanken zerrissen, widersprüchlich. Der Ausdruck "Brücke" wird nur einmal verwendet, ist eigentlich nur Anlaß, Zweifel und gleichzeitig Hoffnungen auf einen Neubeginn auszudrücken. Brücken suchen heim, sind wie Gespenster, die umzingeln, bis ich schrei. Keine besonders freundliche Vorstellung von Brücken! Tracy scheint sie zu hassen – gerade weil sie dokumentieren, daß es trennende Abgründe gibt? Jeder Mensch bleibt allein, da helfen auch Brücken nicht viel. Dennoch: es gibt die Brücke Liebe. Nur wenn man an ihr nicht zweifelt, brennt diese "Brücke" nicht.
Die Musik besticht zunächst durch den für Tracy Chapman typischen intimen und perfekt durcharrangierten "effektiven" Sound, der gleichwohl Soundeffekte meidet. Ihr Gesang ist unverwechselbar dem Sprachrhythmus nahe, ihre Stimme klingt durchgehend trotzig-melancholisch. Sound und Stimme differenzieren sich wenig, obgleich die Textaussagen unterschiedlich, ja widersprüchlich sind. Nur einmal wird durch eine paradoxe Winzigkeit die Textaussage musikalisch verstärkt: Ihr Flehen "Du solltest dir Zeit nehmen" wird durch das Nicht-Zeit-Nehmen, also durch leichte Tempoerhöhung sublimiert.
Simon & Garfunkels Ballade erschließt eine ganz andere Welt. Der Text ist schlicht, absolut eindeutig und enthält bis auf den Begriff "Brücke" keine Symbolik. Damit unterscheidet er sich deutlich von den meisten Simon & Garfunkel-Texten. Hier ist die Brücke klares Symbol der Zuneigung, der Schutzfunktion und der Verbindung. Liebe überbrückt Melancholie, Einsamkeit, Dunkelheit und Aufregung. Das erzählende "Ich" ist selbstsicher, widerspruchsfrei, stabil.
Wärme, Zuneigung und Zuversicht entwickeln sich deutlich in der Musik: Schlicht, unpathetisch, leise und elegisch beginnt der Gesang der ersten Strophe, begleitet von einem ruhigen Klavierspiel. Im Gegensatz zu Tracy Chapman singt Art Garfunkel fließend und synkopiert schwebend über die Taktschwerpunkte hinweg, so daß der Sprachrhythmus aufgeweicht wird, was typisch für den Gesang des Duos ist. Die zweite Strophe bringt als Steigerungselement lediglich einige Soundeffekte als Klangfarbenbereicherung. Während die beiden ersten Strophen textlich stets eine Verbindung von Verzagtheit und Mutzuspruch beinhalten, artikuliert die dritte Strophe eindimensional Zuversicht. Das Arrangement weitet sich rasant zu einer riesigen Klangwolke aus. Kurzzeitig begleitet Paul Simon die Hauptstimme mit schlagerhaftem Terzengesang. Dann überläßt er wieder Art Garfunkel das Feld, der in glasharter, vibratofreier Tenorstimme strahlend (nicht jedoch ohne auf die für Popmusik obligaten Kickser ganz zu verzichten) lautstark im hohen Register jubiliert. Die Orchestersteigerung schließt mit einem pathetisch-jubelnden Es-Dur-Akkord.
Fazit: Beim ersten Beispiel drückt der Text eine zerrissene psychische Situation aus. Die Musik ist zwar intim arrangiert, trägt jedoch nur wenig zur Textausdeutung bei. Der Gesang bleibt im Ausdruck ebenfalls eindimensional, Das zweite Beispiel zeigt die Eindimensionalität im Text (untypisch für die Gruppe), bringt dagegen steigernde Eindringlichkeit durch Arrangement und Stimmbehandlung.
Wer ist ehrlicher? Ohne diese Frage explizit an die Schüler zu stellen, kommt sie bei der Diskussion als Wertung schnell ins Spiel. Je nach Persönlichkeitsstruktur fällt die Antwort unterschiedlich aus. Gott sei Dank gibt es keine Vereinheitlichung - im Gegenteil : Die Positionen werden hart verteidigt. Jener gewissenhafte Methodiker, von dem oben schon die Rede war, wird den Einwand erheben, daß am Ende der Stunde weder ein Ergebnis, noch eine Sicherung vorliegen. Für mich persönlich liegt aber das Ergebnis darin, daß der Topos "Brücke" als Brücke zur Reflexion der eigenen psychischen Lage gedient hat - womit wir prinzipiell das Gebiet des Musikunterrichts verlassen haben. Genau das tue ich leider viel zu wenig.
(Die behandelten Stücke finden sich auf folgenden CDs : Tracy Chapman. Crossroads. CD Elektra 960 888-2; Simon & Garfunkel. Bridge Over Troubled Water CD CBS63699 )