"Weil ich anders aussehe...": Bui Doi - Der Staub der Zeit

(aus dem Musical "Miss Saigon" - Eine Anregung für den Musikunterricht in der Mittelstufe)

aus: Musik & Bildung 2-98 S; weitere Informationen beim Schott-Verlag

Bui Doi bedeutet soviel wie Staub der Zeit. Mit diesem Schimpfwort wurden während des Vietnamkrieges und vor allem in der Zeit danach jene Kinder geschmäht, die eine Vietnamesin als Mutter und einen US-Soldaten als Vater hatten. Ihre Herkunft ist ihnen unauslöschlich ins Gesicht geschrieben. Sie haben dunkle Haut aber blaue Augen, sie tragen asiatische Gesichtszüge - mit blonden Haaren. Kaum auf der Welt wurden diese wohl unschuldigsten Opfer des Krieges mit bitterster Ablehnung gestraft.

Von der Gesellschaft mißachtet, oft sogar von den eigenen Müttern und deren Familien verstoßen, lebten die Bui Doi auf den Straßen und waren ständigen Grausamkeiten und Demütigungen ausgesetzt. Obwohl im Rahmen des Orderly Departure Programme der US-Regierung seit 1964 mehr als 50.000 Bui Doi Asien verlassen konnten, haben nur wenige, die Amerika erreichten, ihre leiblichen Väter gefunden: lediglich ein Prozent.

Das weltweit erfolgreiche Musical Miss Saigon greift das Schicksal dieser Kinder in bewegender Weise auf und setzt somit Akzente, die das Musical deutlich von seiner berühmten Vorlage, der Oper Madame Butterfly von G. Puccini unterscheidet. Ein Vergleich beider Werke ist in vielerlei Hinsicht für den Musikunterricht der Mittelstufe äußerst interessant. An dieser Stelle soll es lediglich um einen kleinen Ausschnitt aus dem Musical gehen. Doch was hat das Schicksal von Mischlingskindern mit dem Heftthema Toleranz zu tun?

Die zwei Seiten der Toleranz

Der Begriff Toleranz wird heute allgemein in dem Sinne gebraucht, daß jemand großzügig oder aufgeschlossen gegenüber Fremdartigen oder Andersdenkenden ist. Man hat eine tolerante Gesinnung, wenn man andersartige oder fremde Menschen, Verhaltensweisen oder Meinungen gelten läßt. Tolerante Personen können als aufgeschlossen, geduldig, gütig, nachsichtig, vorurteilslos, versöhnlich, verständnisvoll oder entgegenkommend bezeichnet werden. Selbst sexuelle Freizügigkeit wird mit dem Begriff Toleranz "toleriert". Toleranz haftet in diesem Sinne etwas Gönnerhaftes an.

Dieser allgemeine Sprachgebrauch verschleiert jedoch, daß in dem Begriff Toleranz noch eine ganz andere Dimension enthalten ist. Das entsprechende Verb wurde im 1. Jh. aus dem lateinischen tolerare entlehnt und bedeutet tragen, ertragen, dulden. Letzteres wiederum kann aus dem griechischen télos abgeleitet werden: Auferlegung, Zahlung. Im christlichen Sinne wird das Verb im Sinne von Leid auf sich nehmen, Schweres ertragen gebraucht.

So gesehen, beinhaltet Toleranz nicht nur Aufgeschlossenheit dem Andersartigen gegenüber. Toleranz kann gleichzeitig als Eingeständnis dafür verstanden werden, daß ein anderer Mensch auf Grund seiner Andersartigkeit leidet, daß er Schweres zu ertragen hat. Ihn tolerieren heißt dann nicht nur, sein Leid zu respektieren. Tolerieren bedeutet auch, in die aktive Verantwortung einbezogen zu werden.

Diese aktive Toleranz gegenüber den Leidenden wird in einer zentralen Szene des Musicals "Miss Saigon" mit den Mitteln des Musiktheaters eindringlich thematisiert.

Kinder zwischen den Welten

Als Einstieg dienen einiger Dokumentaraufnahmen, die unter folgenden Fragestellungen reflektiert werden:

Das Unterrichtsgespräch führt sofort auf die Kriegslage hin. Über all auf der Welt stehen gerade die Kinder hilf- und schutzlos zwischen den Fronten. Schnell sind aktuelle Beispiele benannt. Kinder erleiden Hunger und Trennung von der Familie. Sie werden mit Aggression und Brutalität konfrontiert, ohne die Ursachen verstehen zu können. In der Not müssen sie frühzeitig Familienfunktionen für die jüngeren Geschwister übernehmen. Sie haben keine andere Wahl: sie müssen den Krieg samt seiner schrecklichen Folgen erdulden , "tolerieren". In diesem Zusammenhang weist der Lehrer auf die doppelte Bedeutung des Wortes hin.

Daß Kinder Opfer von Kriegen sind, ist eine altbekannte Tatsache. Eine Auseinandersetzung mit dem Bild von dem Amerikaner und dem Mischlingskind kann die Diskussion verschärfen. Eine genaue Bildbetrachtung führt zu der Vermutung, daß es sich hier um eine Mischlingskind handelt. (Sollte dies aus dem Bild heraus nicht direkt erkannt werden, muß der Lehrer auf diese Tatsache hinweisen.):

Die Lage des Vaters ist rasch beschrieben. Als Soldat hat er jederzeit mit der Trennung von seinem Kinde zu rechnen. Erfahrungen von Gewalt, Tod und Entbehrung prägen sein Gesicht.

Das Mischlingskind ist dieser Trennung hilflos ausgesetzt. Es kann paradoxerweise nur solange seinen Vater behalten, wie der Krieg andauert. Das Ende des Krieges bringt zwangsläufig die Trennung der Familie. Das Kind hat aber noch etwas anderes zu erleiden: Da es weder wie ein "normaler" Amerikaner noch wie ein Vietnamese aussieht, wird er von beiden Seiten mißachtet und geschmäht. Es steht nicht nur zwischen den Fronten, es steht zwischen zwei Welten.

Um die bisherige Diskussion auf eine historische Grundlage zu stellen, wird mit der Klasse in Gruppenarbeit einerseits die Geschichte des Vietnam-Krieges aufgearbeitet. Eine andere Gruppe informiert sich über die "Bui Doi" (siehe Vorbemerkung) und faßt die Interviews mit den beiden Mischlingskindern zusammen. Die Auswertung der Gruppenarbeit kann durch folgende Aufgabenstellung ergänzt werden:

Der Staub der Zeit

Nachdem einige Interviews und Briefe vorgetragen wurden, stellt sich die Frage:

Die Berichte zeigen, daß diese Kinder von beiden Seiten wie Ausgestoßene behandelt wurden. Viele wurden in menschenunwürdigen Lagern zusammengepfercht. Sie galten als Makel der jeweiligen Gesellschaft. Sie wurden gemieden oder verschwiegen. Bei aller Aufgeschlossenheit fremder Kulturen gegenüber: Bei Mischlingskindern scheint die Grenze der Toleranz erreicht worden zu sein.

Um das zu verdeutlichen, werden die eben erstellten Interviews und Briefe an eine Pinnwand geheftet und mit einem Rand umgeben, der an einen Stacheldrahtzaun erinnert.

- Wie kann man diesen Menschen helfen? Welche Probleme treten dabei auf? Wie können wir aktive Toleranz praktizieren?

Da sich eine Gruppe von Schülern bereits über die "Bui Doi" informiert hatte, kommt das Gespräch auf das Rückführungsprogramm der US-Regierung. Angesichts der vom Lehrer vorgegebenen Zahlen wird deutlich, daß diese Maßnahmen nur ein bescheidener Anfang sind. Inzwischen hat sich auch ein Komitee gebildet, welches durch Kongresse und Werbekampagnen auf die Lage der Kinder aufmerksam machen will.

Der Lehrer weist darauf hin, daß es in dem Musical "Miss Saigon" ein Lied gibt, das sich dieser Kinder annimmt. Er verteilt den Liedtext und läßt ihn analysieren:

- Was bedeutet die Bezeichnung "Staub der Zeit"? Welchen Sinn hat es, diese Kinder als "Mahnmal" zu bezeichnen?

Danach fordert er die Klasse auf:

- Wir bilden selber gruppenweise kleine Komitees. Überlegt euch Aktionen, die uns helfen, unser Ziel zu erreichen: Toleranz für Mischlingskinder aufzubauen. Dabei sollt ihr das Lied einbeziehen.

Einige Gruppen plädieren für Aktionen mit der Sammelbüchse in der Fußgängerzone. Dabei soll das Lied gesungen werden. Andere wollen eine Stelltafel in der Schule aufbauen. In einer Gruppe wird ernsthaft darüber diskutiert, wie man Solidaritätsadressen an die amerikanische Regierung per Fax schicken kann. Ein Schüler will ein Bui Doi als Austauschschüler aufnehmen.

Eine Gruppe kommt auf die Idee, eine Werbeveranstaltung zu inszenieren. Die vorhin aufgebaute Pinnwand soll wie ein Mahnmal im Klassenraum stehen. Dazu erklingt das Lied "Bui Doi", - zunächst nur von der CD.

Die Wirkung ist auf alle verblüffend ergreifend. Die Schüler wollen nun selber den Refrain erlernen. Als vorläufigen Abschluß dieser kleinen Unterrichtseinheit studiert der Lehrer das Lied ein. Es kann bei leistungsfähigen Klassen auch mehrstimmig gesungen werden.

In den Folgestunden befaßt sich die Klasse intensiver mit dem Musical selbst. Mehrere Szenen werden beleuchtet und die Hauptpersonen charakterisiert. Das gesamte Musical kann aus dem Blickwinkel des Mischlingskindes Tam heraus erarbeitet werden. In einer weiteren Unterrichtseinheit kann der Begriff der Toleranz an Hand der dem Musical verwandten Oper "Madame Butterfly" thematisiert werden.

Aus der Geschichte

1945 - Rückkehr der Franzosen nach Indochina: Kolonie in Südostasien, zu der auch Vietnam gehört.

1946 – Nach einer Reihe von Zwischenfällen bombadieren die Franzosen die nordvietnamesische Hafenstadt Haiphong; 6000 vietnamesische Zivilisten sterben. Dies markiert den Ausbruch des 1. Indochina-Krieges (1946-1954).

1954 – Die ranzosen locken die Vietminh-Soldaten in die abgelegenen Dschungel-Kessel bei Dien Bien Phu im Nordwesten Vietnams, um den technisch unterlegenen Vietminh in einer offenen Schlacht endgültig zu besiegen.

1957-1960 - Diem macht sich beim südvietnamesischen Volk durch Korruption und übertriebenen Anti-Kommunismus unbeliebt. Erste nationalistische Widerstandsbewegungen formieren sich. 1964 - Die südvietnamesische Regierung steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die NLF hingegen vergrößert ihre Macht. Mittels des "Ho Chi Minh-Pfades", einem weitverzweigten Netz von Dschungelpfaden, wird sie von den nordvietnamesischen Kommunisten mit Waffen und Truppen unterstützt. 1967 – Der Krieg eskaliert: Die Zahl der US-Soldaten beträgt über 500.000. Die Amerikaner führen Flächenbombardements und Entlaubungsaktionen durch, setzen Napalmbomben ein.

1969 – Tod des Kommunistenführers Ho Chi Minh.

1972 – Verstärkung des Einsatzes der amerikanischen Luftwaffe gegen strategische, militärische Ziele in Nordvietnam.

1973 – In Paris wird ein Waffenstillstand unterzeichnet. Der Vietnamkrieg hat bis dahin bereits über zwei Millionen Menschenleben gefordert. Die US-Truppen ziehen nach und nach ab. Die Kämpfe zwischen der südvietnamesischen Regierung und dem Vietcong gehen jedoch weiter.

1975 – Nordvietnamesische Truppen aus Hanoi fallen in ganz Südvietnam ein. Am 30. April kapituliert die südvietnamesische Regierung in Saigon.

1976 – Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam.

Nguyen Diep Doan Trang: "Ich habe es hier sehr schwer"

Ich bin 19 Jahre alt. Über meinen Vater weiß ich nichts. Er war Amerikaner. Ich habe keine Informationen über ihn, aber ich habe ein Foto vom Freund meines Vaters. Der Freund meines Vaters war ein Mittler für meine Mutter und meinen Vater.

Letztes Jahr schloß ich meine High School-Ausbildung ab. Jetzt helfe ich meiner Mutter bei ihrer Arbeit als Hebamme. Meine Mutter näht meine Kleider und schneidert diese im amerikanischen Stil. Ich möchte in die USA gehen, weil ich anders aussehe als die Menschen hier und ich denke, daß ich mehr wie ein Amerikaner aussehe, deshalb wäre es besser für mich, wenn ich in Amerika leben würde. Ich fühle mich selbstsicher, denn ich bin größer als meine Freunde. Ich habe das Gefühl, anders zu sein und ich habe es hier sehr schwer.

Ich kenne Amerikaner durch das Foto vom Freund meines Vaters und durch Touristen sowie aus Zeitschriften. Ich möchte nach Amerika gehen, dort studieren und Chemiker werden.

Über den Krieg weiß ich nichts. Gar nichts. Aufgrund meiner Größe glaube ich, daß mein Vater ein stämmiger, großgewachsener Kerl ist.

Wenn er wüßte, daß es mich gibt, würde er mich lieben. Meine Mutter erzählte mir, daß mein Vater sie sehr geliebt hatte. Aber sie verloren den Kontakt zueinander.

Eines Tages möchte ich meinen Kindern von meinem Leben erzählen und davon, wie ich nach Amerika gekommen bin. Irgendwann werde ich heiraten und zwei Kinder haben. Aber zuerst möchte ich mit meiner Mutter und meinen zwei Halbschwestern nach Amerika gehen.

Vo Thi Quan Yen :"Ich weiß, ich bin ein Amerikaner"

Ich bin fünfzehn Jahre alt. Früher dachte ich, ich sei ein Vietnamese, dann meldete sich mein Vater. Jetzt weiß ich, daß ich ein Amerikaner bin. Den Namen meines Vaters weiß ich nicht. Bis vor kurzem kannte ich ihn überhaupt nicht. Bis zur siebten Klasse ging ich zur Schule, dann nicht mehr. Danach verkaufte ich Bananen auf der Straße. Jetzt lebe ich mit meiner Tante und meinem Onkel zusammen. Sie haben mich aufgezogen. Zu meiner Mutter habe ich ebenfalls Kontakt, aber ich habe keine Beziehung zu ihr, denn sie hat mich verlassen, als ich sechs Jahre alt war.

Mein Vater würde mich jetzt gerne in Amerika haben, deshalb möchte ich dort sein. Ich möchte wieder zur Schule gehen. Hier ist das Leben hart. Eines Tages möchte ich Arzt werden, wie mein Vater. Er war hier am französischen Grall Hospital Arzt. 1973 ging er.

Über den Krieg weiß ich nichts. Aber ich sah Filme darüber und jetzt bin ich der Meinung, daß die amerikanische Regierung die vietnamesische Bevölkerung nicht richtig behandelt hat. Sie taten den Vietnamesen schreckliche Dinge an.

Bis ich sechs Jahre alt war, hatte ich eine normale Kindheit und machte Dinge, die alle Kinder tun. Doch jetzt lebe ich mit meiner Tante und meinem Onkel zusammen, die sehr arm sind. Also arbeite ich jetzt. Ich bin Buddhist, weil meine Tante und mein Onkel auch Buddhisten sind. Mein Vater ist Christ, deshalb werde ich ein Christ sein, wenn ich nach Amerika gehe. Lange Zeit konnte ich mir das Gesicht meines Vaters nicht vorstellen, doch dann bekam ich sein Foto und nun denke ich, daß ich wie mein Vater aussehe.

Ich arbeite jeden Tag. Was ich gern tun würde, wäre Ball spielen oder Schwimmen gehen, aber ich kann nicht, weil ich arbeiten gehen muß. Nun freue ich mich darauf, meinen Vater zu sehen und hoffe, daß das Leben dann besser wird.

Ich möchte gehen, aber ich fühle mich schlecht, weil ich dann meine Tante und meinen Onkel zurücklassen muß und meine beiden Halbschwestern vermissen werde. Aber ich kümmere mich nicht darum, was mit meiner Mutter hier geschehen wird. Wenn ich nach Amerika komme, werde ich nur meine Tante, meinen Onkel und meine Halbschwester nach Amerika holen.

"Bui Doi". Auszüge aus "Tears Before The Rain: An Oral History of the Fall of South Vietnam" von Larry Engelmann
 
 
 
 

Bui Doi - Der Staub der Zeit

Eine Konferenz über das Schicksal amerikanisch-vietnamesischer Mischlingskinder in Washington. John spricht vor einem Auditorium, während ein Film mit Originalaufnahmen aus Kinderlagern gezeigt wird.

Ich hab´ gedacht, ich hab´s geschafft, was geht mich ihr Elend noch an?

Doch still und grauenhaft begleitet mich Vietnam.

Krieg hört nicht auf beim letzten Schuß, manch´ Bild bleibt grell im inn´ren Blick,

Gesichter angstgeschund´ner Kinder, wir ließen sie zurück.

Genannt Bui Doi, der Staub der Zeit, gezeugt im Grab, gebor´n im Streit.

Sie sind als Mahnmal lebendig, ein Schrei im Blick von jedem Kind.

Wir können nicht, wir dürfen nicht vergessen, daß sie unser sind.

Sie rennen gegen Mauern an, die eig´ne Heimat will sie nicht.

Ihr Makel, nackt für jedermann, steht ihnen im Gesicht.

Heut´ setze ich mich für sie ein. Wie viele war ich taub und blind.

Dann sah ich Lager für die Kinder, nur weil sie Mischling sind.

Genannt Bui Doi, der Staub der Zeit, gezeugt im Grab, gebor´n im Streit.

Wir schulden ihnen ihre Väter, ein Heim als Schutz vor´m rauhen Wind.

Denn jeder weiß im tiefsten Herzen, daß sie auch uns´re Kinder sind.

Hier herrscht höchste Not, um sie steht es schlecht.

Jemand muß bezahl´n für ihr Lebensrecht. Helft dabei!

Genannt Bui Doi, der Staub der Zeit, gezeugt im Grab, gebor´n im Streit.

Sie sind ein lebendes Mahnmal des Guten, das uns so mißriet.

Wir wissen wohl, die Kinder dort, sie brauchen viel, verdienen, daß etwas geschieht.
 
 

Inhaltsangabe "Miss Saigon"

Saigon im April 1975: die letzten Wochen des Vietnamkrieges. Im Nachtclub "Dreamland" wird ein Schönheitswettbewerb veranstaltet. Unter den Barmädchen ist auch die 17jährige Vietnamesin Kim, die hier ihren ersten Abend verbringt. Einer der Gäste, der junge amerikanische GI Chris, fühlt sich zu ihr hingezogen. Sein Freund John kauft beim Barinhaber, dem Chef-im-Ring, für Chris eine Liebesnacht mit Kim. Beide verlieben sich ineinander, und man arrangiert eine improvisierte Hochzeitsfeier. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Die militärische Lage in Saigon spitzt sich zu, und Chris verläßt mit dem letzten US-Hubschrauber die Stadt. Kurz darauf fallen die Truppen des Vietcong in Saigon ein.

Drei Jahre später. Kim hat inzwischen ein Kind geboren und lebt unter der Diktatur Ho Chi Minhs. Sie glaubt noch immer an die Rückkehr von Chris, der nichts von seinem Sohn Tam weiß. Eines Tages taucht Kims Cousin Thuy, mittlerweile Vietcong-Offizier, bei ihr auf, dem sie als Kind zur Frau versprochen wurde. Er fordert sein Recht ein. Als Kim sich ihm verweigert, gerät Thuy außer sich vor Wut. Nachdem ihm das Kind gezeigt wurde, versucht er im Zorn, den kleinen Tam zu töten. In ihrer Not erschießt Kim den Offizier und flieht. Zusammen mit dem Chef-im-Ring und tausend anderen "boatpeople" schlägt sie sich nach Bangkok durch.

In den Vereinigten Staaten hat Chris mittlerweile die Amerikanerin Ellen geheiratet und sich ein neues Leben aufgebaut. Doch er kann Kim und Vietnam nicht vergessen. Immer wieder wird er von Alpträumen gequält. Auf einer Konferenz über das Schicksal der vietnamesisch-amerikanischen Kinder, den "Bui Doi", erfährt Chris schließlich von seinem Freund John, daß Kim noch lebt und einen Sohn von ihm hat. Chris läßt die beiden ausfindig machen und fliegt zusammen mit Ellen und John nach Bangkok, um sein Kind zu sehen.

Überglücklich erfährt Kim von seiner Ankunft in Bangkok. Sie erzählt dem Chef-im-Ring, daß Chris gekommen sei, sie alle drei mit nach Amerika zu nehmen. Der Chef-im-Ring glaubt, daß sich nun endlich sein "Amerikanischer Traum" erfüllen wird und gibt Kim die Adresse von Chris´ Hotel. Wie in einem Alptraum durchlebt Kim noch einmal die letzten Stunden mit Chris: Hunderte Vietnamesen bestürmen die US-Botschaft, bitten verzweifelt um eine Ausreise aus Vietnam. Hilflos muß auch Kim zusehen, wie der letzte amerikanische Militärhubschrauber ohne sie vom Dach der US-Botschaft abhebt - mit an Bord ist Chris.

Wieder in der Wirklichkeit, läuft Kim zu dem Hotel, in dem Chris wohnt. Sie ist voller Vorfreude auf das Wiedersehen und will ihn in seinem Zimmer überraschen. Doch dort trifft sie nur auf Ellen, die ihr schließlich die Wahrheit über Chris´ neues Leben erzählt. In ihrer Verzweiflung sieht Kim nur einen Weg, ihrem Sohn Tam ein besseres Leben in der Zukunft zu ermöglichen: Sie erschießt sich mit Chris´ Revolver.

(Quelle: Programmheft zur deutschen Inszenierung)

Zur Entstehung von "Miss Saigon"

Alles begann an einem trüben Herbstnachmittag in Paris. Der französische Komponist Claude-Michel Schönberg blätterte während einer kurzen Kaffeepause in einer Illustrierten. Dabei blieb sein Blick an einem Schwarz-Weiß-Foto hängen. Die Fotografie zeigte ein kleines Vietnamesen-Mädchen kurz vor seinem Abflug vom Ho Chi Minh-Airport nach New York. Dort wartete ein Vater auf die erste Begegnung mit seiner Tochter, die er bis dahin noch nie gesehen hatte. Der Vater war einer jener vielen GIs, die sich während des Vietnamkrieges auf mehr als nur einen Flirt mit einer Vietnamesin eingelassen hatten. Jahrelang hatten ihn die US-Behörden auf Wunsch der Mutter des Kindes gesucht. Sie wollte damit ihrer Tochter ein besseres Leben in den Vereinigten Staaten ermöglichen. Der stille Schmerz in den Augen der Mutter und die Tränen des kleinen Vietnamesen-Mädchens spiegelten das Leiden aller Opfer des Krieges wider. Die Qual der unwiderruflichen Trennung zweier Menschen, die einander lieben.

Claude-Michel Schönberg war von diesem Bild mehr als ergriffen - und die Idee für ein neues Musical war geboren - eine Geschichte über die tragischen Folgen einer unglücklichen Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen fremder Kulturen. Doch wie würde das Publikum ein Musical annehmen, das während der letzten Tage des Vietnamkrieges spielt? . Ein halbes Jahr später entdeckte Alain Boublil, ein guter Freund von Claude-Michel Schönberg in einem Buchladen in der Londoner Tottenham Court Road Pierre Lotis Roman "Madame Chrysanthemum", die Geschichte einer Liebe zwischen einem französischen Marineoffizier und einer japanischen Geisha, das literarische Vorbild der Oper "Madame Butterfly". Erst jetzt entschlossen sich Schönberg und Boublil eine eigene Geschichte zu schreiben. Eine moderne Version des tragischen Mißverständnisses zwischen zwei Liebenden, deren Länder miteinander im Krieg stehen. Inzwischen war es Mai 1986 geworden und das Musical "Miss Saigon" stand kurz vor seiner Fertigstellung. Nun galt es, Cameron Mackintosh als Produzenten zu gewinnen. Schon wenige Takte des Werkes zogen den Erfolgsproduzenten in seinen Bann. Die Melodien hatten Schwung und Energie wie Mackintosh sie nie zuvor vernommen hatte. Er war sofort gefesselt und überzeugt: "Miss Saigon" würde sein nächstes Musical-Projekt werden.

(Quelle: Programmheft zur deutschen Inszenierung)