Grenzüberschreitungen I: "Crossroads" – Tracy Chapman und Eric Clapton
(aus Musik und Bildung 1/90 S. 38 ff)
Junge Menschen im Alter von 15 - 17 Jahren sind massiv mit Grenzüberschreitungen konfrontiert: entwicklungspsychologisch durch die Überwindung der Pubertät, das Suchen nach einer eigenen Identität, die Loslösung vom Elternhaus und ersten tiefen Erfahrungen mit partnerschaftlicher Liebe, soziologisch durch die Hinwendung zu Peer-groups, den Aufbau einer eigenen (Sub-) Kultur und das Ende der Schulpflicht sowie politisch mit derzeit aktuellen Vorgängen in den deutsch-deutschen Beziehungen.
Auf künstlerischem Gebiet werden Grenzüberschreitungen gerne mit Topoi wie "Scheideweg", "Brücke", "Flucht" oder "Utopie" umschrieben. Insbesondere die Rockmusik als Teil jugendlicher Subkultur bedient sich gerne dieser Topoi in unterschiedlichster Ausprägung. Was liegt näher, als diese elementaren Lebensäußerungen Jugendlicher in einer Unterrichtseinheit "Grenzüberschreitungen" zu thematisieren.
In einem ersten Teil stelle ich hier eine Doppelstunde zum Thema "Scheideweg/ Kreuzweg" vor. Dazu liegen der Titelsong Crossroads von Tracy Chapmans aktueller CD (Electra 960 888-2) und der gleichnamige (nicht identische), über zehn Jahre alte Song von Eric Clapton bzw. der Gruppe "Cream" (auf der Doppel-CD "Backtrackin", PolyGram 821 937-2) vor. Beide Musiker, v. a. Tracy, sind zur Zelt bei Jugendlichen sehr beliebt (und auch ich selbst verberge meine Zuneigung nicht).
Unterrichtsskizze
Der Unterricht beginnt mit voraussetzungslosem Hören, d. h. ohne Text- oder Notenvorgabe. Der erste Höreindruck vermittelt zwei konträre, den Hörgewohnheiten stark angepaßte Musikräume: Chapman arbeitet im Studio, perfektioniert in Sound und Interpretation; die Reinheit der CD-Einspielung lenkt fast schon von der Musik ab, Clapton spielt live vor einer begeisterten Fangemeinschaft; musikalische Spontaneität inspiriert Musiker wie Zuhörer. Das sich anschließende Unterrichtsgespräch benennt erste musikalische Analyseelemente: Tracy - im Arrangement komplex und gleichzeitig intim - in einfachster Liedform, Eric eher herausdrängend. in "klassischer" Blues-Form mit elementarer Rockmusikbesetzung. Die Gemeinsamkeit des Themas wird erst mit Vorlage der Texte deutlich werden, da beim Hören nur wenige Reizworte verstanden werden.
In einer zweiten Phase steht die Textinterpretation im Vordergrund. In Partnerarbeit werden die Grundgedanken der Texte herausgearbeitet und miteinander verglichen.
Crossroads - Tracy Chapman
All you folks think you own my life
but you never made any sacrificedemon, they are on my trail
I'm standing at the crossroads of hell
I look to the left I look to the right
There´re hands that grab me on every side.
All you folks think I got my price
At which I´ll sell all that is mine
You think money rules when all else fails
Go sell your soul and keep your shell
I'm trying to protect what I keep inside
All the reasons why I live my life.
Some say the devil be a mystical thing
I say the devil he a walking man
He a fool he a liar conjurer and a thief
He try to tell you what you want
Try to tell you what you need.
Standing at the point
The road is cross you down
What is at your back
Which way do you turn
Who will come to find you first
Your devils or your gods.
All you folks think you run my life
Say I should be willing to compromise
I say all you demons go back to hell
I'll save my soul save myself.
All ihr Leute meint, euch gehört mein Leben
Aber ihr habt nie ein Opfer gebracht
Dämonen , sind mir auf der Spur
Ich stehe am Scheideweg zur Hölle
Ich blicke nach links, ich blicke nach rechts,
Da sind Hände, die von allen Seiten nach mir greifen.
All ihr Leute meint, ich habe meinen Preis
Zu dem ich alles verkaufe, was mir gehört.
Ihr meint, Geld regiert, wenn alles andere versagt.
Geht hin, verkauft eure Seele und behaltet eure Hülle.
Ich versuche zu schützen, was ich in mir trage:
Jeden Sinn, warum ich mein Leben führe.
Manche sagen, der Teufel ist ein mystisches Wesen.
Ich sage, der Teufel ist ein leibhaftiger Mensch,
Ist ein Narr, ist ein Lügner, Taschenspieler und ein Dieb.
Er versucht dir einzureden, was du willst,
Versucht dir einzureden, was du brauchst.
Du stehst an der Stelle:
Die Straße wird zum Scheideweg.
Was ist hinter deinem Rücken,
Welche Richtung schlägst du ein;
Wer wird kommen und dich als erster finden?
Deine Teufel oder deine Götter ?
All ihr Leute meint, ihr beherrscht mein Leben;
Sagt, ich sollte zum Kompromiß bereit sein.
Ich sage, all ihr Dämonen, schert euch zur Hölle,
Ich rette meine Seele, rette mich.
Crossroads - Eric Clapton
I went down to the crossroads, fell down on my knee
Down to the crossroad, fell down on my knee
Asked the Lord above for mercy, take me if you please.
I went down to the crossroad, tried to flag a ride
Down to the crossroad, tried to flag a ride
Nobody seemed to know me, everybody passed me by.
When I'm goin' down to Rosedale, take my rider by my side
Goin' down to Rosedale, take my rider by my side
We can still barrelhouse, baby, on the riverside.
You can run, you can run. Tell my friend, boy, Willie Brown
Run, you can run. Tell my friend, boy, Willie Brown
And I'm standin, at the crossroads. Believe I'm sinkin' down.
Ich ging rüber zum Kreuzweg, fiel auf die Knie,
Rüber zum Kreuzweg, fiel auf die Knie.
Bat den Herrn droben um Gnade, nimm mich bitte auf,
Ich ging rüber zum Kreuzweg, wollte mitgenommen werden,
Rüber zum Kreuzweg, wollte mitgenommen werden;
Niemand schien mich zu kennen, jeder mied mich.
Wenn ich nach Rosedale will, nehm ich meine Klamotten mit,
Rüber nach Rosedale, nehm meine Klamotten mit.
Wir könnten immer noch einen draufmachen, Baby, unten am Hafen.
Du kannst abhauen, rennen, ich sag's dir, Willie Brown,
Abhauen und rennen, ich sag's dir, Willie Brown;
Und ich steh am Kreuzweg. Ich glaube ich breche zusammen.
Die Auswertung der Gruppenarbeit ergibt : Beide stehen vor der Entscheidung "Gott oder Teufel", die eigene Seele leben oder sich verkaufen, Seelenfrieden oder ein Leben bei den "Taschenspielern", "in der Hafenkneipe". Tracy ist kämpferischer, selbstbewußter, entschiedener als Eric, der am Ende nahezu verzweifelt. Sie hat ihren Feind klar erkannt, wird also den "richtigen" Weg einschlagen. Er schwankt, zerbricht an dem Bemühen um Entscheidung. Clapton singt nicht nur den Blues, er lebt ihn (wenn man seine Biographie kennt, verwundert dies nicht :lange Jahre der Selbstisolation vor dem gigantischen Comeback 1974). Chapmans Stimme trägt den Blues; Text und Arrangement lassen ihn außen vor (Biographisches findet sich im ZEIT-Magazin Nr, 45/1989).
Die dritte Phase - erneutes Hören mit besserem Text-"Verständnis" - soll die Lebensartikulation beider Musiker präzisieren und wenn möglich bewerten. Weitere Details der musikalischen und textlichen Analyse zeitigen zwei Lager in der Diskussion:
Tracy Chapman scheint ehrlich. Ihre äußere Erscheinung ist anti-kommerziell, schlicht und betont nicht-sexy; sie ist kein Glitter-Girl, ihr Blick scheint nach innen gerichtet zu sein. Sie singt bitter, fast nuschelnd ohne viel Aufhebens zu machen Viel ihrer Phrasen fallen rasch nach unten ab, sie singt gerne dem natürlichen Sprechrhythmus entsprechend, meidet lange, schöne Melodiebögen. Dramatik und extensive Textausdeutung scheinen ihr fremd zu sein. Ihre Musik ist dagegen raffiniert, ausgefeilt; zum Playback könnte genauso gut ein übliches Liebeslied gesungen werden. Sound und Arrangement lassen nichts von zweifelnden Gedanken spüren. Hat Tracy sich hier nicht den Anforderungen der Popindustrie unterworfen, sich also doch "verkauft", auch wenn sie meilenweit von der Diskomusik entfernt ist? Die textlich avisierte Entscheidung, welchen Weg Tracy am "Crossroad" beschreiten wird, scheint, scheint musikalisch in Frage gestellt.
Für Clapton stellt sich die Frage des "Verkaufens" nicht. Er huldigt dem größten Klischee, das die Rockmusik hervorgebracht hat, dem Blues-Schema samt obligaten Gitarrensoli. Der Verzicht auf ein ausgefeiltes Arrangement erlaubt dafür improvisatorischen Spielraum. Synkopische Betonungen verzerren den "natürlichen" Sprachrhythmus, treiben den Blues voran. Der spontane "Shouting"-Gesang läßt nur schwer eine zusammenhängende Melodie erkennen. Und die kann er auch nicht gebrauchen, würde sie doch im Widerspruch stehen zur eigenen Unsicherheit. Und doch verbindet sich hier Unsicherheit mit unbändiger Lust zum Musizieren: Der Blues wird zum Vorwand, die Gitarre mächtig zu malträtieren: Eigentlich ist es doch ganz schön, "blue" zu sein! Das Spieltempo steht im Widerspruch zur Verzagtheit des Textes. Aber diese Verbindung von Lust und Schmerz ist Blues. In seiner Musik "bricht" er eben nicht zusammen. Auch bei ihm ist die Entscheidung, welcher Weg zu beschreiten ist, widersprüchlich.
Kreuzwege sind nicht nur ein Ort der Entscheidung, sondern auch ein Anlaß zur Besinnung. Vor der Entscheidung nachdem "richtigen" Weg wird gerne Rückschau gehalten, findet ein Abwägen der Möglichkeiten statt, oder gibt es eine visionäre Vorausschau. Manchmal bleibt man aus Angst vor einer Entscheidung im bloßen Suchen stecken, sogar dann, wenn die Wege deutlich vorgezeichnet sind, wie beispielsweise in A. Paul Webers Lithographie "Scheidewege": Die Eule steht für Weisheit und Verinnerlichung, der Pfau symbolisiert Eitelkeit, Tand und Äußerlichkeit. Ein Vergleich mit Chapmans Teufel oder Götter und mit Claptons Gott oder Taschenspieler liegt auf der Hand, wenngleich der Bezug der beiden Gestalten in Webers Bild zum Kreuzweg ein anderer ist, als der unserer beiden Musiker. Dieser Vergleich beschließt den ersten Teil der Unterrichtseinheit. In einem zweiten Teil soll (dort mit Tracy Chapmans Bridges von der gleichen LP und Simon & Garfunkels Bridge ober Troubled Water) das Thema "Brücken" behandelt werden.