Peter Wicke / Lothar Müller (Hrsg.): Rockmusik und Politik - Forschungen zur DDR-Geschichte. Links-Verlag Berlin 1996

(aus: Musik & Bildung 5/96 S.58)

Dieses sehr zu empfehlende Buch aus der Reihe "Forschung zur DDR-Geschichte" beleuchtet mit prägnanten Schlaglichtern das Spannungsverhältnis zwischen der politisch-subkulturellen Rockmusikbewegung in der ehemaligen DDR und den politisch-administrativen Reglementierungsversuchen der staatlichen Kulturinstanzen und -machthaber.

Ein Teil der Rockmusik ist immer wieder aufs neue als Sprachrohr einer ihre eigene Identität suchenden Jugend entstanden und rezipiert worden. In ihm artikuliert sich über die jugendspezifischen Probleme hinaus nicht selten auch eine oppositionelle Haltung gegenüber politischer Bevormundung und kultureller Zensur.

Es ist kein Wunder, daß gerade in Gesellschaftsformen, in denen diese Restriktionen eine dominierende staatliche Funktion hatten, die Widersprüche am heftigsten ausgetragen wurden und sich eine oppositionelle, teilweise subkulturelle Musiklandschaft herausbildete.

Im Vorwort heißt es dazu: "In allen gesellschaftlichen Bereichen blieb ein immer größer werdender Rest an wirklichem Leben, auf den die Schablonen nicht paßten, war in den politbürokratischen Amtsstuben die Wirklichkeit nach dem Schnittbogen der `marxistisch-leninistischen Weltanschauung` erst einmal zugeschnitten. Doch wird mit dem Instrumentarium eines umfänglichen Verwaltungsapparates an einer massenkulturellen Form wie Rockmusik herumhantiert, erscheint der Widerspruch besonders augenscheinlich und ohrenfällig. Insofern ist die Vergeblichkeit, mit der hier eine ausufernde Verwaltung hinter der ideologischen Phraseologie von der `sozialistischen Unterhaltungskunst` für die `allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit` mit so banalen Dingen wie fehlenden Trommelstöcken gekämpft hat, symptomatisch für das alltägliche Funktionieren des DDR-Systems" (S. 7).

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Teil untersuchen die Autoren in drei analytischen Beiträgen den Wandel im staatlichen Reglementierungssystem für die Unterhaltungskunst, den Einfluß der  Staatssicherheit und die Entwicklung der alternativen Rockszene. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Einflüsse und persönlichen Kontakte westdeutscher Rockmusiker.

Im zweiten Teil kommen in Interviews und Gesprächen Verantwortliche aus unterschiedlichen Bereichen des Partei- und Staatsapparates mit ihrer heutigen Sicht der Vergangenheit zu Wort. Befragt wurden u.a. Mitarbeiter in der ZK-Abteilung Kultur, im FDJ-Zentralrat, im Kulturministerium, beim Jugendradio DT 64, beim VEB Deutsche Schallplatten und im Ministerium für Staatssicherheit.

Der dritte Teil enthält eine Reihe wichtiger Dokumente zur staatlichen Kontrolle der Rockmusik in der DDR aus dem Zeitraum von 1971 bis 1989. Hier geht es im wesentlichen um politischen Entscheidungen zur Reglementierung der Jugendtanzmusik, um die Produktions- und Arbeitsbedingungen der Rockmusiker und um die Resolution von Rockmusikern und Liedermachern zur inneren Situation und zum Aufruf des Neuen Forum vom 18. September 1989.

Ein ausführlicher Anhang mit Erklärungen der einzelnen Institutionen und der Bands und Musiker runden das Bild positiv ab. Das Buch bildet eine Fundgrube für den Musikunterricht. Selbstverständlich darf man bei einer Publikation, die sich nicht speziell an den Musiklehrer wendet, keine didaktischen und methodischen Hinweise für den Unterricht erwarten. Schwerpunktsetzungen, didaktische Reduktionen und Materialaufbereitung müssen vom interessierten Lehrer selbst vorgenommen werden. Dies wird angesichts der Fülle der Materialien kein leichtes, aber sicherlich ein lohnendes Unterfangen
sein.
 
Ich kann mir dieses Buch gut als Grundlage für das immer wieder gern unterrichtete Thema "Musik und Politik" vorstellen, ein Thema, welches sich traditionell an den Verhältnissen im Dritten Reich orientiert oder den Funktionen von Nationalhymnen nachgeht. Dabei ist hervorzuheben, daß die sehr differenzierte und sachkundige Darstellung in diesem Buch den naheliegenden Fehler eines platten Links-Rechts-Vergleiches vermeiden hilft. Es wäre wünschenswert, daß sich aus diesem Ansatz heraus neue Unterrichtsmodelle, die das Thema "Musik und Politik" beleben könnten, entwickeln würden.