Markus Kosuch: Erlebnisraum Oper - Sergej Prokofjew: Die Liebe zu den drei Orangen. Klett Verlag Stuttgart 1997

Unterrichtsimpulse und -materialien zur Szenischen Interpretation von Musicals und Opern finden immer häufiger Zugang in die Fachliteratur. Immer mehr Kollegen erkennen, daß es nicht ausreicht, Musiktheater in Form von kognitiv ausgerichteten Werkanalysen zu unterrichten. Gerade das auf Ganzheitlichkeit beruhende musikalisch-szenische Spiel bietet sich an, ganzheitliche Erfahrungen durch vielschichtige Zugangsweisen zu vermitteln.

Dies ist nichts Neues, und es erübrigt sich an dieser Stelle, die pädagogischen Dimensionen der Szenischen Interpretation aufzuzeigen. Viele praktische Versuche sind in dieser Hinsicht bereits veröffentlicht worden. Meistens stammen sie aus dem Hochschulbereich oder entstanden in Folge einer Zusammenarbeit zwischen einem Musik- und einem Deutschlehrer.

Die vorliegende Broschüre, ein "Arbeitsheft für den fächerübergreifenden Unterricht an allgemeinbildenden Schulen ab Klasse 8", dokumentiert einen neuen und andersartigen Weg. Sie ist das Ergebnis eines Projekts der Staatsoper Stuttgart in Kooperation mit dem Landesinstitut für Erziehung und Unterricht Baden-Württemberg, der Musikhochschule Stuttgart, der Landesarbeitsgemeinschaft Theater und Schule Baden-Württemberg und dem Klett-Verlag. Die Zusammenarbeit der künstlerischen Kräfte eines Opernhauses mit Schülern und Lehrern ist ein überzeugendes Beispiel für die stärkere Öffnung von Schulen zum kulturellen Umfeld:

"Erstmals ist die Methode der Szenischen Interpretation Zentrum der Jugendarbeit an einer Staatsoper. Das künstlerische Werk des aktuellen Spielplans steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Die szenische Interpretation - und damit die eigene Erfahrung mit dem Opernstoff - bildet die Grundlage für den Opernbesuch, für Gespräche mit den künstlerischen Mitarbeitern und den Blick hinter die Kulissen. Der Opernbesuch ist wesentlicher Bestandteil dieses Projekts... Es geht in der gesamten Arbeit nicht um die Vermittlung der Inszenierung, sondern um die eigene Auseinandersetzung mit Libretto und Musik" (S. 4).

Seit der Spielzeit 1995/96 läuft an der Staatsoper das Projekt "Erlebnisraum Oper". Von schulischer Seite arbeiten Lehrer und Referendare unterschiedlicher Schularten in derzeit vier Arbeitsgruppen mit. Die Pädagogen haben dabei die Aufgabe, die Materialien so zu gestalten, daß die Szenische Interpretation das Zentrum für den fächerübergreifenden Unterricht bildet und Themen, die sich aus dieser Arbeit ergeben, in Deutsch, Geschichte, Kunst oder dem Fremdsprachenunterricht weiter bearbeitet werden können.

Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" bietet sich zur Auseinandersetzung um folgende Schwerpunkte an: - "Motive ins Theater zu gehen": Die Beteiligten nehmen die Perspektive der Anhänger unterschiedlicher Theatergenres ein und versuchen ihre Interessenslage zu artikulieren. - "Commedia dell´arte": Haltungen der Figuren der Commedia dell´arte werden spielerisch erprobt. - "Funktionen von Komik und Unterhaltung": Über improvisierte Szenen versuchen die Schüler den Prinzen zum Lachen zu bringen.

Das Projekt ist in sieben Spieleinheiten zu jeweils ein bis zwei Unterrichtsstunden aufgeteilt: 1. Was willst Du im Theater? (Kollektive Einfühlung) 2. Die Figuren stellen sich vor. (Individuelle Einfühlung in die Figuren des Märchens) 3. Arbeit an Beziehungen: Liebe oder der Weg zur Macht? 4. Ein Kartenspiel entscheidet. (Musik-Stop-Standbild-Verfahren) 5. Was könnte den Prinzen nur zum Lachen bringen? (Szenische Befragung, freies Spiel) 6. Der Fluch: Worüber lacht der Prinz? (mit einem Schwerpunkt der musikalischen Arbeit) 7. Auswertung und Vorbereitung des Aufführungsbesuches.

Den vorliegenden Materialien merkt man es an, daß sie in konkreten Unterrichtsprojekten erprobt worden sind. Sie sind übersichtlich gestaltet, gut gegliedert und erwecken Neugier. Die Arbeitsanweisungen und weiterführenden Hinweise sind präzise formuliert worden. Viele Photos Begleiten den Text.

Alle Materialien können direkt kopiert und für den eigenen Unterricht übernommen werden. Sie sind so gehalten, daß man je nach Neigung auch nur einzelne Bausteine herausgreifen und phantasievoll in den traditionellen Unterricht einbeziehen kann.

Die Arbeit ist nicht nur fächer- sondern auch schulartübergreifend angelegt. Inwieweit die unterschiedlichen didaktischen und fachlichen Ansprüche dabei berücksichtigt wurden, bzw. zu Problemen führten, lassen sich an Hand der vorliegenden Materialien nicht erkennen. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, daß es beim gymnasialen Musikunterricht durchaus zu einer größeren Differenzierung und Vertiefung gerade der fachsprachlichen Aspekte kommen müßte.

Mit diesem Heft wird vom Klett-Verlag eine neue didaktische Reihe ins Leben gerufen, in deren Mittelpunkt die Szenische Interpretation steht. Es ist zu erwarten, daß weitere ausgezeichnete Unterrichtshilfe folgen.