Jens Fliege: Von der Aufklärung zur Subversion. Lit-Verlag Münster 1997

aus: Musik & Bildung 2/99 S. 60

Aus der von Rainer Dollase, Hans-Jürgen Feurich, Thomas Münch, Ilse Storb und Peter Wicke herausgegebenen sehr fruchtbaren Reihe "Populäre Musik und Jazz in der Forschung" liegt nunmehr ein dritter Band vor.

Der Songwriter und Essayist Jens Fliege versucht in dieser beachtenswerten Arbeit mit den Begriffen "Aufklärung" und "Subversion" die Entwicklung deutschsprachiger Popmusik von den späten 60er Jahren bis in die frühen 80er zu charakterisieren.

Dieses Vorhaben scheint auf den ersten Blick ein rein musikwissenschaftliches Interesse zu provozieren. Beim näheren Hinschauen kann diese 1997 an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg verfaßten Magisterarbeit jedoch auch von Nutzen für die Vorbereitung des alltäglichen Musikunterrichts von Nutzen sein.

Bereits im ersten Kapitel findet der Musiklehrer eine übersichtliche Darstellung des Begriffs "Popmusik", die neuste Erkenntnisse und Definitionen einschließt. Dieser Begriff spielt im Musikunterricht immer wieder eine zentrale Rolle. Daher ist es dem Kollegen, der sich an diese Thematik herantastet, anzuraten, sich mit den inhaltlichen Dimensionen dieses Wortes auseinanderzusetzen.

Die zentrale These des Buches wird zunächst von der Literaturwissenschaft geprägt: In Wechslewirkung mit den politischen Veränderungen dieser Zeit hat sich in der Popmusik eine Entwicklung von einer aufklärerischen Sprechweise zu einem Pool von subversiven Sprechweisen vollzogen.

Zunächst war ich geneigt, das Studium dieser Schrift einem Germanisten zu überlassen. Die Beispiele, die der Autor exemplarisch von der Rockgruppe "Ton, Steine, Scherben" um den legendären Sänger Rio Reiser aufzeigt, haben jedoch sofort mein Interesse als Musiklehrer geweckt.

Am Beispiel der seinerzeit bekannten Gruppen "Floh de Cologne", "Lokomotive Kreuzberg" und "Ton, Steine, Scherben" wird der Zusammenhang zwischen der politischen Studentenbewegung seit 1968 und dem musikalischen Protestpotential, das sich zwischen Agitation und Underground bewegt, analysiert. Die von Jens Fliege ausgewählten Beispiele vermitteln einen lebendigen Einblick in die jüngste Geschichte. Hier wird ein wesentlicher Bereich der Rockmusik-Geschichte nachgezeichnet. Schon von daher bietet diese Schrift reichlich Material für eine Unterrichtseinheit beispielsweise in einer 10. Klasse.

Den Übergang zur Hippie-Bewegung dokumentiert Jens Fliege an Hand einiger charakteristischer Songs. Auch hier kann das Buch als eine Fundgrube für die Unterrichtsvorbereitung angesehen werden. Sorgfältig untersucht der Autor die sprachliche Struktur der Lieder und stellt den Bezug zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen her.

Den sprachlichen Übergang zur Neuen Deutschen Welle zeichnet der Autor neben Analysen zu "Ton, Steine, Scherben" an der sehr widersprüchlichen Gruppe "DAF" nach. Hier wird klar, wie sich in der deutschen Popmusik aufklärerische Agitation in stellenweise brutale Subversion nahtlos wandeln konnte.

Die in diesem Buch rein auf den Text bezogenen Analysen wären durch eine Untersuchung der jeweiligen musikalischen Mittel zu ergänzen. Da eine musikalische Analyse nicht in der Intention des Autors liegt, wird sich der Musiklehrer, der diese Themen unterrichten will, zunächst wohl nur auf die eigenen Kräfte verlassen müssen.