Freitod – Analyse und Interpretation zweier Lieder (Simon & Garfunkel – Franz Schubert)

(aus: Musik und Bildung 10/89 S. 545 ff)

Das Thema "Einsamkeit, Tod, Freitod" kann meiner Meinung nach erstmalig im Musikunterricht des 10. oder 11. Jahrganges angesprochen werden, da sich in diesem Alter die erforderliche Sensibilität für existentielle Fragen mit einer ersten persönlichen Konfrontation, oder zumindest Betroffenheit, vereinigen. Anlaß zu einem Gespräch über das Thema bietet die Gegenüberstellung der beiden Lieder "Save the life of my child" (auf der auch heute noch leicht zugänglichen LP "Bookends") von Simon and Garfunkel und "Der Leiermann" von Franz Schubert.

Ich gehe davon aus, daß es zu peinlich ist, Unterricht mit den Worten einzuleiten: "Jeder von uns hat schon einmal..." oder "Wer möchte mal zum Thema Einsamkeit seine eigenen Erfahrungen äußern...?" Der im allgemeinen akzeptierte Ansatz, von der Erfahrungswelt der Schüler auszugehen, bedeutet nicht, den konkreten Einzelfall auf den "Operationstisch" Unterricht zu legen. Statt dessen bietet sich das Abstraktionsprodukt Musik an, sich individuelle Gedanken über den Umweg der verallgemeinerten künstlerischen Aussage zu machen. Hierin liegt vielleicht eine Hauptfunktion der Kunst. Zwei Musiker haben es gewagt, Stellung zum Thema zu beziehen, knapp 150 Jahre liegen dazwischen. Abgesehen von den klanglichen Möglichkeiten, die ihnen jeweils zu ihrer Zeit zur Verfügung standen, hat jeder ein seiner Zeit entsprechendes Verhältnis zum Phänomen Tod. Hieraus leite ich den Unterrichtsgegenstand ab: Welche Mittel benutzt der jeweilige Komponist, und welche Auffassungen über das Sujet lassen sich aus der Analyse von Text und Musik erkennen?

Der Unterricht beginnt mit der Ankündigung zweier Lieder zum gleichen Thema. Zuerst erklingt das Lied von Simon & Garfunkel ohne Einblick in die Noten. Es ordnet sich in der Regel auf den ersten Blick "nahtlos" in die Hörerfahrung der Schüler ein. Ohne weiteren Kommentar folgt das Schubert-Lied, ebenfalls ohne Notenbild. Nach meinen Erfahrungen ist der "Hörschock" dabei so groß, daß es gar nicht zu der häufig beklagten Abneigung der Schüler gegenüber dem Kunstlied kommt.

Die anschließende Diskussion über die Frage nach den Inhalten bzw. etwaigen Gemeinsamkeiten spiegelt in einem breiten Spektrum die unterschiedlichen Hörgewohnheiten der Schüler wider. Viele sehen keine Gemeinsamkeit: hier seichte Tanzmusik, dort die Einsamkeit eines alten Mannes. Andere Schüler haben dagegen einige englische Wörter aufgeschnappt: " Save the life", "cried", "supermarket", "Cfficer" usw. Wenn sie zusätzlich noch den hektischen Sound (z. B. das Stimmengewirr a la Bahnhofshalle, die Sirene) genauer beachtet haben, kommen sie dem Thema sehr nahe: "Unfall, Unglück, Verzweiflung".

Einige Schüler treffen das Thema: "Selbstmord eines Jungen". Obwohl der Text des Schubert-Liedes gut zu verstehen ist, kommen nur selten Schüler auf das Thema "Tod". Der Leiermann ist heute nicht als mögliche Symbolfigur für Tod bekannt. Außerdem wird die Textzeile "Wunderlicher Alter..." nicht gebührend beachtet. In der nächsten Unterrichtsphase werden anhand der Noten die Texte erschlossen und gegenübergestellt. Bei beiden muß der Lehrer Hilfestellungen geben. "He must be high something" sollte nicht im engen Sinne als Drogengebrauch, sondern allgemeiner als "innerlich verzweifelt" gedeutet werden. "Though it never made the New York Times, in the Daily News the caption read": Es machte zwar nicht Schlagzeile in der Weltpresse, stand jedoch im Lokalteil. "Freaky holiday" kann verglichen werden mit dem "Gefühl in einer Geisterbahn" .

Beim Schubert-Lied muß auf den Vergleich Leiermann - Tod hingewiesen werden. Mit diesem Schlüssel öffnen sich dann relativ leicht andere Metaphern: "Drüben hinter dem Dorfe" - am Ende des Lebens; "mit starren Fingern..." - unerbittlich ; der "leere Teller" - keiner will ihn wahrhaben usw. Meinungsverschiedenheiten provozieren v. a, die beiden letzten Sätze: Äußert sich hier Todeserwartung, oder Todessehnsucht mit einem klaren Gedanken an Selbsttod ?

Damit ist das gemeinsame Sujet beider Lieder gefunden. Unter Umständen wenn im bisherigen Unterrichtsverlauf das Unterrichtsgespräch nicht allzu überstrapaziert wurde, kann sich die Frage nach den möglichen Beweggründen für den Entschluß "Freitod" anschließen. Lassen sich aus den Texten überhaupt Gründe ableiten? Wenn ja, welche?

In der nächsten Phase werden beide Stücke noch einmal gehört, jetzt mit Noten und unter der Fragestellung nach den musikalischen Mitteln. Hier bietet sich arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Auswahl und Gewichtung der zu untersuchenden Parameter überlasse ich gerne den Schülern. Bei Simon and Garfunkel sind zu analysieren: Gesamtstimmung infolge des Sounds, Rhythmus, Gesangs- und Klavierstimme, konkrete Textausdeutungen sowie Charakter des Nachspiels. Auf eine Besonderheit sei hingewiesen: der üblicherweise als "Bahnhofsansage" geortete Klang in der Mitte des Liedes entpuppt sich bei genauerem Zuhören als Zitat des sehr verhallten Anfangs von Simon and Garfunkels "Sounds of Silence" (allein diese Querverbindung bietet Stoff für eine weitere Unterrichtsstunde).

Bei der Analyse des Schubert-Liedes stehen im Vordergrund: Gesamtstimmung infolge der Archaisierung, Verhältnis Gesang Klavier (z. B. starre Trennung, abgesehen von den beiden letzten Sätzen), Harmonik (Bordun, dadurch Überlagerung von Tonika und Dominante), Akzentsetzungen, sowie konkrete Textausdeutungen ("schwanken").

Die Zusammenfassung der Text- und Notenanalyse führt in der abschließenden Phase zu divergierenden Grundhaltungen gegenüber dem Tod: hier einziger Ausweg aus einer verzweifelten Situation, eine aufgezwungene Entscheidung, die durch die Sensationslust der Öffentlichkeit ins Makabre umschlägt, ein Todeswille, der in Panik und Hektik geboren wird, - dort der Tod als Freund und "Mitspieler", innere Gelöstheit und Frieden (u.U. wird das Nachspiel bei Simon and Garfunkel ebenfalls in diesem Sinne gedeutet; hier, wie bei diesem Thema auch an anderen Punkten, gibt es m. M. nach kein "richtig" oder "falsch").
Geschrei
Boecklin
Weiterführende Impulse für diese Diskussion bietet ein Vergleich zweier Bilder. Böcklins "Selbstbildnis mit dem Tode" und Munchs "Geschrei". Dabei sollte eine vordergründige Zuordnung der Bilder zu den Musikbeispielen vermieden werden. Es kommt vielmehr darauf an, das Gespräch über die Lebenserfahrung "Tod" zu vertiefen, dessen Verallgemeinerung durch die verschiedenen Künste deutlich zu machen. Mit anderen Worten: der Prozeß der Diskussion steht im Vordergrund, nicht das Diskussionsergebnis, geschweige denn gar eine "vereinheitlichte" Meinung.

Abschließend möchte ich auf weitere Lieder zu dem Thema hinweisen: "A most peculiar man" von Simon and Garfunkel (auf der LP "Sounds of Silence") und Schuberts "Tod und Mädchen".

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann,

und mit starren Fingern dreht er, was er kann,

barfuss auf dem Eise wankt er hin und her,

und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an,

und die Hunde knurren um den alten Mann,

und er lässt es gehen alles wie es will,

dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still,

Wunderlicher Alter, soll ich mit dir geh'n ?

Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh'n ?

Save the Life of my Child

"Good God! Don't jump!"

A boy sat on the ledge

An old man who had fainted was revived

And everyone agreed it would be a miracle indeed

If the boy survived.

"Save the live of my child!"

Cried the desperate mother

The woman from the supermarket

ran to call the cops,

"He must be high on something," someone said

Though it never made The New York Times,

In The Dayly News, the caption read,

"Save the life of my child!"

Cried the desperate mother

A patrol car passing by

Halted to a stop

Said officer MacDougal in dismay,

"The force can't do a decent job

'Couse the kids got no respect

For the low today (and blah blah blah)"

"Save the live of my child!"

Cried the desperate mother,

"What's becoming of the children?"

People asking each other.

When darkness fell, excitement kissed the crowd

And made them wild

In an atmosphere of freaky holiday

When the spotlight hit the boy,

The crowd began to cheer,

He flew away,

"Oh, my Grace, I got no hiding place"