(aus: Musik und Bildung 6/89 S. 359)
Musiklehrer, die konkrete Impulse für ihren täglichen Unterricht suchen, mögen diese Rezension überschlagen. Das Buch wendet sich u.a. an Musikerzieher, welche eine grundlegende Sensibilität gegenüber unreflektiertem Mediengebrauch ("Plattenlegen") bewahrt haben. Daneben bietet es kontroverse Texte für Aspekte eines Leistungskursthemas "Musik im 20. Jahrhundert".
Im Zentrum (qualitativ, nicht quantitativ!) der Auseinandersetzung über das konstatierte Spannungsfeld Konzert - Konserve stehen Interviews und Gespräche mit den beiden renommierten Musikern Sergiu Celibidache und Glenn Gould, dieser ein entschiedener Gegner, jener ein Befürworter. Deren subjektive, engagierte Stellungnahmen sind lesenswert, sind spannend, bedürfen keiner Rezension.
Nicht so die "begleitenden" Texte der Herausgeber. Sie sprechen von "Apokalyptikern" und "Integrierten" (S, 10). Der Rezensent kann naturgemäß nicht neutral sein, daher mischen sich Empfehlung, Skepsis und leider auch Verärgerung. Letzteres bezieht sich auf die auffallend stolze Begründung für die Daseinsberechtigung dieses Buches von einem der Herausgeber: "Vor genau fünfzig Jahren erschien Walter Benjamins berühmte Schrift ,Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit'. Jedenfalls ist auffallend, daß seit Einführung der Langspielplatte keine nennenswerte ästhetische Debatte stattgefunden hat. Anstöße zu einer solchen zu geben, ist unser Anliegen, weshalb der Akzent des vorliegenden Buches auch nicht auf der Abgeschlossenheit eines Systementwurfs, sondern auf der Offenheit einer Polyperspektivität liegt..." (S. 7).
Seit Benjamin nichts Neues? Durch Bezug auf nach 1937 erschienene Literatur zu dieser Frage widersprechen sich die Herausgeber selbst. Bleibt vom Rezensenten nachzutragen, daß es noch erheblich mehr lesenswerte Bücher zu dem Thema gibt. Diese Debatte zu bibliographieren wäre eine dankenswerte Aufgabe für die Herausgeber gewesen, wollten sie ihrem Anspruch einer Ästhetikdebatte gerecht werden.
Endlich eine Polyperspektive? Die Benjamin-These vom Verlust der Aura des Kunstwerks wird rekapituliert. Neu sind "Probebohrungen" bei Produzenten und Tonmeistern einiger Schallplatteneinspielungen. Diese Bohrversuche nehmen sich für den Rezensenten eher als zufällig, denn als systematisch aus, fehlen doch materialistische Analysen der aktuellen Produktionsbedingungen. Neu ist auch die für das Buch durchgängige Methode, diese Analyse durch den Rückgriff auf Werbesprüche zu ersetzen. Mit dummer, apologetischer Werbung läßt sich doch nicht ernsthaft argumentieren! Dem Rezensenten erscheint all dies kein qualitativer Fortschritt seit Benjamin zu sein.
Trotz dieser Mängel möchte der Rezensent das Buch wärmstens empfehlen, gerade weil es in nahezu jedem Abschnitt zu Skepsis und Widerspruch herausfordert. Einer fundierten Diskussion willen (d.h. einer Mystifizierung sowohl des Konzerts als auch der Konserve vorbeugend) sollte sich der Leser jedoch vorher eingehend über die materiellen Bedingungen sowohl des bürgerlichen Konzertwesens als auch der technischen Reproduktion informieren. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die bekannten Bücher von Faulstich: "Rock Pop Beat Folk" (Tübingen 1978), Helms: "Schlager in Deutschland" (Wiesbaden 1972), Borris: "Kulturgut Musik als Massenware" (Wiesbaden 1978), Schwenk: "Audiovisuelle Medien im Musikunterricht" (Stuttgart 1978), Blaukopf: "Technik, Wirtschaft und Ästhetik der Schallplatte" (Karlsruhe 1970), Zeppenfeld: "Tonträger in der BRD" (Bochum 1978), Balet: "Die Verbürgerlichung" (Frankfurt 1972), Kemmelmeyer: "Der Schlager" (Regensburg 1976).