Ulli Götte: Minimal Music. Musikpraxis in der Schule Bd. 5. Bosse, Kassel 2002
(aus: Musik und Bildung 2/2002 S. 66)
Bereits vor fast zehn Jahren fragte Ulli Götte: "Minimal Music – Musikalisches Schlafmittel oder Weg zum bewussten Hören?" (Musik und Bildung 6/93 S. 45). Heute muß man feststellen, daß weder das eine noch das andere gilt. Minimal Music hat in der Musikpädagogik bisher ein Schattendasein geführt. Nur wenige Schulbücher handeln das Thema mit höchstens einer Doppelseite ab. Das meiste läuft auf eine Werkanalyse von Stücken bekannter Komponisten wie Steve Reich und Philip Glass hinaus. Martin Hoffmann hat einen interessanten fächerübergreifenden Unterrichtsimpuls über den Komponisten Giacinto Scelsi und den Maler Mark Rothko ausgearbeitet (in: Dieter Bührig [Hrsg.]: Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik; WEKA-Verlag Kissing 2002, Kapitel 9/5.2). Einen handlungsorientierten Umgang mit dem Musikstil findet man selten. Niels Knolle bietet beispielsweise die Unterrichtseinheit "Musikmachen mit dem Computer - Minimal Music" in dem Schulbuch Hauptsache Musik 9/10 (Klett-Verlag 1997. S. 84 – 87) an. Von Heidi Thum-Gabler stammt das Heft "Stationslernen im Musikunterricht – Minimal Music" (Lugert-Verlag 2002). Schließlich ist das Projekt "Minimal Music Komposition am Computer" von Bert Gerhardt zu nennen (siehe Musik und Bildung 1/01 S. 20).
Mit dem vorliegenden Heft wird endlich ein weiterer positiver Schritt in Richtung Neuer Musik getan. Ulli Götte benennt dabei folgende Chancen für den Musikunterricht: "Einstieg in Neue Musik, Aufbrechen der verkrusteten Dichotomien der E- und U-Musik, weltmusikalische Implikationen. Neue Formen des gemeinsamen Musizierens, Zeit in der Musik, Musik und Kunst – Minimal Music und Minimal Art, rhythmische Erfahrungen, Einstieg in das Komponieren" (S. 49).
Im ersten Teil des Buches werden die theoretischen Grundlagen der Minimal Music beleuchtet. Wir erfahren von einem Insider interessante Details zur Vorgeschichte, ausführliche Anmerkungen zu den bekanntesten Komponisten und zu ihren Konzepten, sowie Einblicke in die aktuelle Szene.
Der zweite Teil ist der Praxis vorbehalten. Werke von Steve Reich, Philip Glass, Terry Riley und La Monte Young gehören hier ebenso zur Materialsammlung wie vom Autor eigens für den schulischen Bereich konzipierte Stücke. Als Ergänzung dazu folgen sowohl Anregungen zur Improvisation als auch zu eigener kompositorischer Arbeit der Schüler.
Ein ausgiebiges Literaturverzeichnis rundet das sehr positive Bild ab. Ich möchte Ulli Göttes Schrift jedem Kollegen empfehlen, der "Berührungsängste" vor Neuer Musik hat und der Musikunterricht nicht nur als Werkanalyse auffaßt.