Michael Heinemann: Kleine Geschichte der Musik. Reclam, Stuttgart 2004. 356 S.

(aus: Musik & Bildung 3/2005)
Wer nach einer Musikgeschichte im traditionellen Stil sucht, sollte diese Rezension übergehen. Das kleinformatige, handliche Paperback aus dem Reclam-Verlag ist alles andere als eine chronologisch, tabellarische Geschichtsdarstellung. Vielmehr unternimmt der Autor den Versuch, die Entwicklung der Musik an zentralen technischen, ästhetischen und sozialgeschichtlichen Begriffen der jeweiligen Zeit festzumachen. Dabei bedient er sich dem Stil von Essays, so dass er jederzeit den Bezug zu früheren oder späteren Stationen aufzeigen kann.
Das Schlagwort "Weltmusik" spannt den Bogen vom ersten zum letzten Kapitel, von den "antiken Mythen der Musik" zu zeitgenössischen "Perspektiven multikultureller Offenheit": Ziel der Komponisten ist es seit jeher, "Klänge zu finden, deren Wert darin liegt, dass sie uns auch angesichts des Todes noch etwas zu bedeuten vermöchten. Darin läge, wie sich noch der sterbende Sokrates erinnerte, ein Inbegriff von Schönheit. Sonst wäre das Ende der Musik das Ende der Welt" (S. 334).
Auch wenn der Autor weitgehend auf Geschichtszahlen verzichtet, so bedeutet das nicht, dass die Abfolge seiner Essays beliebig sind. Das mag eine kurze Übersicht über die ersten Abschnitte deutlich machen:
Funktion (Dichter und Sänger, Epen und Psalmen), Notation (musikalische Zeichensysteme im Mittelalter), Individuum (Musikalisches Bewusstsein im 12. Jahrhundert), Komposition (Frühe Mehrstimmigkeit und Ars nova), Intellektualität (Bildung und Werk im 14. Jahrhundert), Neuheit (Renaissance und Geschichtsbewusstsein), Sprache (Musik und Rhetorik in der frühen Neuzeit), Spiel (Klangsinn und Instrumentenbau im 17. Jahrhundert), Affekt (Rationalismus und Leidenschaft), Kritik (Emanzipation des Hörens im 18. Jahrhundert) usw.
Einige kommentierte schwarz-weiß Abbildungen lockern den kompakt gehaltenen Text auf. Die Literaturhinweise beschränken sich auf wesentliches. Das Personen- und Sachregister wurde von Yvonne Pickmann umfangreich und dennoch übersichtlich zusammengestellt.
Ich habe verschieden Kapitel mit Spannung durchgelesen und kann das kleine Buch aufrichtig weiterempfehlen. Die Frage ist nur, ob es auch den Leser dieser Zeitschrift, den Musiklehrer interessieren könnte. Gerade weil es keine tabellarische Musikgeschichte ist - davon gibt es schon genug - , gehört es meiner Meinung nach in den Bücherschrank eines jeden Kollegen, der in der oberen Sek. I und der Sek. II unterrichtet, ist es doch eine Fundgrube für Zitate zum Thema Musikgeschichte.