"Das habt Ihr dich nicht selbst gespielt...!" – Homerecording: Schallplattenproduktion selbst erfahren
(aus: Musik und Bildung 7/8-96 S. 676 ff)
Das folgende Gespräch hat weniger wörtlich als dem Sinne nach am Ende einer Projektwoche stattgefunden. Vielleicht regt es Sie an, selbst einmal ein ähnliches Projekt durchzuführen. Zwar haben wohl die wenigsten Musiklehrer eine Acht-Spur-Maschine im Keller. Landesbildstellen verleihen jedoch ähnlich wirkende Vier-Spur-Kassettenspieler. Und haben Sie sich schon mal unter Ihren Schülern nach derartigen Möglichkeiten umgehört? Nur Mut, von der technischen Seite her haben die oft mehr Kenntnisse und Phantasie als Sie. Warum sollten Sie das nicht ausbeuten?
"I can't explain!" tönt es lautstark aus dem ehrwürdigen Musikraum heraus: eine Gruppe Untersekundaner intonierte einen Oldie der "Who". Sollte dies das Motto des Projekts Nr. 5 "Mehrspuraufnahmetechnik" gewesen sein? Der Projektleiter wollte eigentlich das Gegenteil, als er das Projekt anbot: Wenn man unter nahezu professionellen Bedingungen die Produktion eines Masterbandes am eigenen Leibe durchgestanden hat, ist man sicherlich eher in der Lage, bei veröffentlichten Schallplatten zu unterscheiden, wo die Kunst der Technik aufhört und die Technik der Kunst (also das persönliche Können) anfängt.
Die laute Musik lockt immer mehr Besucher an. Jetzt spielt eine andere Gruppe - überwiegend Oberstufler - jazzrockige Klänge, "Mensch, da läuft ja Avantgarde - da gehn wir rein!" Zum perfekten Sound auch noch eine gute Bühnenshow. "Wußte gar nicht, daß der Christian Sologitarre spielen kann; der hatte doch immer Schwierigkeiten, die Akkorde im Takt zu wechseln!" Ach so - jetzt wird alles klar, an den Instrumenten und Mikros fehlen die Kabel, und der Schlagzeuger haut gar nicht voll auf die Felle. Wie im Fernsehen: Playbackmusik und dazu nichts als Mime.
"Das habt Ihr doch nicht selbst gespielt!?" Die Fotos von der Arbeit im Tonstudio, neben weiteren Materialien an eine Stellwand geheftet, scheinen das Gegenteil zu beweisen. Axel, der Keyboarder wird langsam sauer, daß man ihm so wenig zutraut. "Natürlich, auch wenn's manchmal erst nach dem zehnten Mal klappte. Das hat jedenfalls mehr Nerven gekostet als ein normaler Schultag. Und das schlimmste war, daß das Rauchen verboten war!"
Um jetzt nicht noch mehr in die Schußlinie der Kritik zu geraten, wendet sich der Musiklehrer interessiert der Rückseite der Stellwand zu. Ihn peinigen noch andere Gewissensbisse: Hatte er doch aus verschiedenen Gründen nur Schüler zu seinem Projekt zugelassen, die über etwas Spielfertigkeit auf den Instrumenten verfügten. Wieder wurden die etwas Fortgeschrittenen gefördert. Die anderen können sich bestenfalls hier bei der Vorstellung der Projektergebnisse informieren.
Beim Vorbereitungstreffen, fanden sich außer dem technisch versierten Jürgen folgende Instrumentalisten zusammen: ein Drummer, zwei Bassisten, zwei Gitarristen, ein Keyboarder, ein Flötist und ein Saxophonist, wobei die meisten in jeweils einer von zwei bereits existierenden Bands mitspielten, deren restliche Mitglieder jedoch beim Projekt nicht dabei waren. Hieraus ergab sich eine natürliche Aufteilung in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Stilrichtungen. Außer dem "Who"-Titel wurde jeweils ein eigenes Stück auf die Beine gestellt.
Wenn man allerdings genauer hinhört: Samt einer "Supertramp" entlehnten Harmonienfolge mit den obligaten Major-7-Akkorden hatten sie nichts vorzuweisen: kein Arrangement, keinen Fahrplan - nicht mal eine Melodie; denn der Text entstand doch erst kurz vor der Gesangssynchronisation und bestand aus abgeschriebenen Sätzen einer englischen Gebrauchsanweisung für das Hallgerät!
"Wenn man Euch so hört", mischt sich ein Besucher ein, "müßte man meinen, die Studiotechnik ist eine Wunderkur, denn die Stücke klingen nicht übel." Jetzt kann Jürgen, der Tonmeister, endlich zu Worte kommen: "Zwar nicht Wunderkur, aber doch sehr hilfreich, wenn man nicht gerade Stanley Clarke oder Billy Cobham ist. Das Wichtigste ist das Mehrspurgerät. Statt wie mein Tonbandgerät zu Hause mit den zwei Spuren für jeweils eine der beiden Boxen stand uns ein Gerät mit acht direkt übereinander liegenden Spalten zur Verfügung. Profis nehmen heute mindestens 24-Spur-Maschinen. Und diese acht Spuren kann man vollkommen getrennt auf Aufnahme oder Wiedergabe schalten. Zuerst war der Schlagzeuger allein dran, an dessen Metrum die anderen sich orientieren konnten."
"Fairerweise sollten wir nicht verschweigen, daß ich gar nicht selbst gespielt habe. Im Studio stand ein digitaler Rhythmus-Computer, den ich aus mehreren Gründen benutzte: Die Aufnahmen fanden im Keller einer normalen Wohnsiedlung statt, wir mußten also Rücksicht nehmen auf Nachbarn und schlafende Kinder. Außerdem hatten wir nicht genug geeignete Mikrofone, und schließlich muß ich zugeben, daß mein altes Schlagzeug lange nicht so ,heavy' klingt wie der Computer." "Deswegen ist die Aufnahme wohl auch so perfekt geworden", meint der Gitarrist. "Ausnahmsweise kommen bei Dir Baßdrum- und Snareschläge mal genau zusammen, und Dein typisches Verschleppen fehlt mir so richtig!" "Erstens werden diese Geräte heutzutage bei fast jeder Platte verwendet und außerdem braucht man zum Programmieren schon einen Drummer, wenn nicht gerade Disco-Stampf rauskommen soll."
"Der Gitarrist braucht sich gar nicht so aufzuregen", versucht der Tonmeister zu vermitteln. "Du hast wohl vergessen, wie wir von Dir endlich mal einen sauberen Wechsel von C-Dur zum Barre-F-Dur und zurück gezaubert haben: linke Hand auf C eingestellt, auf Spur 6 nur die C-Takte aufgenommen, Band zurück, Hand auf F justiert und auf Spur 7 bei den entsprechenden Pausen gespielt, schließlich beides wieder zusammengemischt."
"Richtig", unterstützt ihn der Flötist. "Und Dein Gitarrensolo hat immerhin zehn Minuten pro Takt gedauert: Zwei Stunden für zwölf Takte! Deine einzige Rettung war die Möglichkeit der Mehrspurmaschine, jeden Takt, ja fast jeden Ton unhörbar bei laufendem Band einzublenden, so daß Fehltritte mühsam ausgelöscht werden mußten. Hätten wir das mit einem normalen Tonbandgerät gemacht, so müßten wir alle jedesmal wieder von vorne mitspielen, nur weil Dein Solo zuviel blue notes enthielt."
Natürlich muß jetzt auch der Flötist sein Fett abbekommen: "Na, wenigstens von Dir, wenn nicht von unserem Tonmeister oder gar vom Musiklehrer hätte man doch erwarten können, daß Du merkst, wenn Deine Flöte zu hoch gestimmt ist!" - "Am späten Abend nach zehn Stunden größter Konzentration hört wohl so keiner mehr richtig." "Man gut, daß im Studio der Harmonizer stand. Mit Hilfe dieses Geräts konnten wir am nächsten Morgen die Gesamttonhöhe dieser Spur wieder senken, ohne daß sich das Tempo änderte."
Es stellt sich heraus, daß die Technik bei allen ein wenig nachgeholfen hat. "Zuerst war ich auch nicht mit meinem Baß-Sound zufrieden. Ich spiele ungern mit Plektrum, und beim Fingerspiel sprechen die Töne nicht gleichmäßig genug an. Deswegen mußte Jürgen den Begrenzer ganz stark einsetzen. Das Gerät verstärkt automatisch die leisen Töne und zieht die lauten zurück. Auch beim Gesang war das die letzte Rettung. Zwar hört man jetzt auch das Schmatzen und Luftholen, dafür konnte der Sänger aber die ganze Palette vom Flüstern bis zum Schreien ausnutzen, ohne von der lauten Gitarre übertönt zu werden und ohne daß es verzerrt klang."
"Ich hätte gar nicht gedacht, daß meine Stimme so dünn klingt", gibt einer der Sänger zu. "Da hat das ,Doppeln' viel gebracht." Studioerfahren klärt er die umstehenden Besucher auf: "Ich habe zweimal genau das gleiche gesungen und zwar auf zwei getrennten Spuren. Durch die minimalen Tonunterschiede klingt die Summe voller, ohne daß man den Eindruck hat, es sängen zwei. Den Effekt kann man zwar auch mit dem Harmonizer oder mit einem Chorus- Gerät erzielen - es klingt jedoch etwas ,technischer'."
Inzwischen hat sich der Musiklehrer hinter der Stelltafel hervorgewagt. Die Zwischenzeit hat er genutzt, um über musikdidaktische Ansätze zum Thema Popmusik nachzudenken. Mit viel Liebe und Mühe haben führende Köpfe eine Differenzierung der Musik in Primär-, Sekundär- und Tertiärkomponenten ausgeknobelt. Hier scheint sich ihre (nicht der Köpfe, sondern der Komponenten) Überflüssigkeit zu zeigen: Komposition, Arrangement, Interpretation, Sound sind derartig eng verwoben, verwischen ihre Grenzen, daß es müßig ist, einen derartigen Begriffsapparat zur Analyse einzuführen. Was wird dann aber aus all den offenen und versteckten Bewertungen, vornehmer ausgedrückt, den "Wertkategorien", die im Grunde hinter diesen Ansätzen stecken ?
Unser Musiklehrer scheint hier nicht gern weiterdenken zu wollen: "Ihr kennt wohl nur Eure eigenen Probleme. Nicht das Aufnehmen und Synchronisieren ist die Hauptsache, sondern das Abmischen; und da trägt der Tonmeister die größte Verantwortung. Vor allem ist da die Balance einzustellen, also das Lautstärkeverhältnis der Instrumente untereinander. Jetzt kann sich die leise Konzertgitarre gegen das Schlagzeug durchsetzen, und das Hallgerät sorgt für einen warmen räumlichen Klang. Mit den Filtern wird der Baß und die Baßdrum im tiefen Frequenzbereich etwas abgesenkt, um die allgemeine Durchsichtigkeit zu erhöhen. Und nicht zu vergessen das Echogerät, mit dem wir die leiser werdenden Tonwiederholungen auf der Silbe ,sky' nachträglich ermöglichten. Und dann die Idee, einen kräftigen Beckenschlag rückwärts, also mit umgedrehtem Band aufzunehmen, so daß sich die Einleitung buchstäblich auf die eins der ersten Strophe hineinzusaugen scheint. Und erst der Flanger in der Gesangsspur von. . ."
"Was haltet Ihr davon, die Stücke einem Musikverlag oder einer Plattenfirma in Hamburg anzubieten?" Zunächst Zustimmung: Für ein Demoband reichen musikalische und technische Qualität allemal. Aber der etwas nüchtern denkende Axel winkt ab. Na, da fehlen uns noch ein paar Dinge. Die Technik hilft uns zwar hier und da bei spieltechnischen Mängeln, aber eins fehlt vor allem: Der eigene Stil, eine eigene Grundidee oder wenigstens irgendein verkaufsträchtiger Gag. Im Grunde genommen haben wir nur nachgeahmt, was andere schon vorgekaut haben: Ein wenig ,Who', ein Schuß ,Supertramp' und ,Toto' und ein Hauch von ,Weatherreport'. Und nicht zuletzt fehlt uns das Wichtigste: die Beziehungen."
"Das mußte ja mal gesagt werden", denkt sich der Musiklehrer und schleicht sich ein wenig selbstgefällig über den Erfolg seiner musikpädagogischen Arbeit davon. Explained. . . ?