Identifikation und Identität in Bezug auf populäre Musik

(Referat an der Universität Lüneburg, 1999)

Angesichts einer kurzen Redezeit kann ich nur einen relativ kleinen Ausschnitt eines Themas beleuchten, das sowohl Bereiche der Musikpsychologie wie der Musikpädagogik streift. Einige Überlegungen sind sicherlich auch für den Bereich der angewandten Kulturwissenschaften von Interesse. In meinen Ausführungen geht es um die Begriffe "Identifikation" und "Identität", insofern sie bei der Rezeption populärer Musik und für die "Einfühlungsphase" bei der sog. "Szenischen Interpretation" Erklärungsansätze liefern können.

Die aus dem Duden geläufigen Definitionen von Identifikation als "Sichgleichsetzen mit den Motiven anderer Personen" und Identität als "die innere Einheit des Selbst" gehen im wesentlichen auf Sigmund Freud zurück. Er differenzierte Identität als Einheit von "Es", dem Bereich der Triebwünsche, dem "Über-Ich", also der moralischen Instanz, und dem "Ich" als Träger des Gesamtwillens. Identifikation ist für Freud die Übernahme eines fremden Ich anstelle des eigenen. In emotionalen Extremsituationen führt diese Übernahme zu bekannten Erscheinungen wie beispielsweise die Hysterie bei Konzerten der Backstreet Boys, aber auch zur sichtbaren Ergriffenheit des Erwachsenen-Publikums bei modernen dramatischen Musicalaufführungen.

Die Ich-Psychologie erklärt die Identifikation als einen Anpassungsmechanismus, mit dem das Ich versucht, im Falle von Konfliktsituationen auf dem Weg über andere Personen zum eigenen Ziel zu gelangen. Weil es der eigenen Verstärkung fehlt, umgibt man sich mit dem Glorienschein von Idolen, von Filmhelden oder Popstars, die, weil erfolgreich und beliebt, verstärkungsmächtig zu sein scheinen: (Zitat Werner Correll) "In dem Maße, in dem diese Identifikationspersonen ihre Probleme bewältigen, erlebt man selbst die Befriedigung, die eigenen Frustrationen überwunden zu haben."

Diese Form von Lebensbewältigung wird von Pädagogen oft als negativ gewertet. Ingo Scheller, der Begründer der Szenischen Interpretation, schreibt beispielsweise: (Zitat Scheller) "Je mehr auch halb- bzw. unbewußte Anteile von Erlebnissen, Wünschen, Gefühlen und Haltungen angeeignet werden, um so mehr kann zumindest punktuell der Lernprozeß der Schüler in ihren Lebensprozeß zurückgeholt und der aufreibende Lebensprozeß mit seinen Krisen, Identifikationen und Fluchtbewegungen zum Gegenstand bewußter, gemeinsamer Auseinandersetzungen werden." Indem hier Identi-fikationsprozesse in einem Atemzug mit Krisen und Fluchtbewegungen genannt werden, erscheinen sie als zu überwindende Lebensuntauglichkeiten. Ich bin dagegen der Meinung, daß Identifikationen mit Idolen jedem Menschen, nicht nur Jugendlichen, helfen können, ein Selbstkonzept aufzubauen. Bei Ralf-Arthur Fritsche heißt es: (Zitat Fritsche) : "Identifikation läßt sich positiv definieren als Erhöhung des Selbstwertgefühls, die durch Introjektion und Projektion zur Annahme oder Übernah-me von Eigenschaften einer anderen Person ... von hohem Rang erfolgt".

Als markantes Beispiel hierzu möchte ich Ihnen ein Lied aus dem Musical "Elisabeth" anspielen. Dieses Musical ist bei meinen Schülern fast aller Altersstufen beliebt, weil sie sich hier mit einer historischen Persönlichkeit identifizieren, die ihr Selbstwertgefühl gegen den Druck der Umgebung hat durchsetzen können. Es handelt sich um die österreichische Kaiserin Sissi, die hier, anders als in den Romy-Schneider-Filmen, als erste moderne Frau an der Schwelle des 20. Jahrhundert dargestellt wird. (Musikbeispiel Track 1 "Ich gehör nur dir" aus "Elisabeth" + Folie)

Der Psychologe Erik Erikson hat die Freudsche Theorie vor etwa 30 Jahren insofern erweitert, als er die Entwicklungsfaktoren um die der sozialen Beziehungen und die der kulturellen Einflüsse erweitert hat. Nach Erikson erfordert das Identitätsgefühl eine "psychosoziale Gegenseitigkeit". Darunter versteht er: (Zitat Erikson) "die "angesammelte Zuversicht des Individuums, daß der inneren Gleichheit und Kontinuität auch die Gleichheit und Kontinuität seines Wesens in den Augen anderer entspricht". Einflüsse, die diese Selbstwahrnehmung beeinträchtigen, führen zu Identitätsverwirrungen. Dies kann im Extremfall zur Identitätsspaltung führen. Ein aktuelles Musikbeispiel hierzu, es handelt sich, wie der zugehörige Videoclip verdeutlicht, um ein Selbstgespräch einer von Identitätszweifeln geplagten Persönlichkeit (Musikbeispiel Track 2 "Führ mich ans Licht" von Xavier Naidoo + Folie).

Im Grunde genommen liegt in Eriksons Auffassung von der psychosozialen Gegenseitigkeit die psychologische Begründung für die bekannte Maxime vom "ernst nehmen der Schüler". Es kann im unterrichtlichen Umgang mit populärer Musik also nicht darum gehen, Identifikationsziele oder -inhalte zu demontieren. Vielmehr sollen sie bewußt gemacht und als allgemeine, nicht individuelle Probleme erkannt werden.

Eine letzte Station aus der Geschichte der Psychologie. Bislang sprach ich von der Identität als Einheit (von der Extremsituation "Identitätsspaltung" abgesehen). Vor nicht ganz 10 Jahren hat der Philosoph Wolfgang Welsch darauf hingewiesen, daß die Tendenz zur "Austauschbarkeit von Identitäten" ein Ausdruck unserer Zeit sei: (Zitat Welsch) "Identität ist immer weniger monolithisch, sondern nur noch plural möglich." Er belegt dies u.a. an Bildern von Cindy Sherman und Andy Warhol, sowie am Beispiel der Popsängerin Madonna (Folie). Lassen Sie mich kurz diesen Gedanken auf ein (fast) aktuelles Lied der Sängerin Cher anwenden. Cher wird von vielen mit dem Traum von der ewi-gen Jugend identifiziert. Sie ist so etwas wie ein Dorian Gray der aktuellen Popmusik. Die inzwischen 53-Jährige hat ihre äußerliche Identität mittels Schönheitsoperationen und Kosmetikkünsten gewissermaßen zeitlos konservieren können (Folie). Diese Manipulation der Identität zugunsten einer scheinbar ewigen Jugend findet ihr Pendant in der musikalischen Gestaltung. Mit Hilfe des Vocoders wird die Stimme ihrer charakteristischen Identität beraubt und der Austauschbarkeit gesampelter synthetischer Klänge preisgegeben (Musikbeispiel Track 3 "Believe" von Cher).

Im folgenden möchte ich, soweit es die Zeit erlaubt, zwei oder drei Beispiele von aktuellen Identifikationsinhalten populärer Musik aufzeigen. Es handelt sich ausschließlich um Beispiele, die Schüler meiner 9./10. Klassen als "ihre Musik" in den Unterricht eingebracht haben. Als erstes Beispiel hören Sie ein Lied aus dem Musical "Les Misérables", das interessanterweise bei allen Jahrgängen gern gehört wird, obwohl - oder vielleicht weil - es sehr zerbrechlich ist. Es geht in diesem Musical um das Mädchen Cosette, das von ihrer verarmten Mutter bei schurkischen Pflegeeltern untergebracht und von diesen schamlos ausgebeutet wird. Das Lied wird von einer 10-Jährigen gesungen und thematisiert Identifikationsinhalte wie Geborgenheit, Liebessehnsucht, Trost und Anerkennung (Musikbeispiel Track 6 "In meinem Schloß" aus "Les Misérables" + Folie 1).

Szenenwechsel, so konträr wie möglich. Einige Schüler, die sich für dieses Lied begeistern lassen, hören andererseits auch ganz andere Klänge: (Musikbeispiel Track 7 "Schwarze Boten" von den Skeptikern). Beide Lieder akzeptieren heißt nicht, schizophrene Hörgewohnheiten zu haben. Hier zeigt sich vielmehr, daß Identifikationsprozesse äußerst differenziert ablaufen können. So wie man heute von der Existenz verschiedener Jugendkulturen sprechen muß, kann man ganz im Sinne von Wolfgang Welsch auch von "multiplen Hörgewohnheiten" sprechen. In dem letzten Lied finden wir Aggression als Identifikationsinhalt. Sie ist für diesen Schüler nicht nur Kompensation von Frustrationen, vielmehr dient hier Musik, auch wenn der Liedtext dem zu widersprechen scheint, ganz elementar als Rückzug aus dem Alltag. Musikrezeption wird zur "Traumzeit": (Zitat Helmut Voullième) "Unter den Bedingungen einer entzauberten modernen Lebenswelt erlangt Rockmusik die Funktion einer ästhetischen faszinierenden ´Traumzeit´."

Ein letztes Beispiel, das zeigen mag, inwiefern Musik nonverbale, spontane, emotionale Identifikation ermöglicht. Die HipHop-Kultur ist heute in einer bestimmten Altersgruppe relativ beliebt. Von ihrem ursprünglichen Getto-Bewußtsein ist, jedenfalls in Deutschland, inzwischen nichts mehr übrig geblieben. Ein beliebter, anerkannter Musikstil ermöglicht die Kommunikation intimer Emotionen, ohne sie in aller Öffentlichkeit veräußern zu müssen. Die Nähe zur eigenen Betroffenheit wird verborgen durch die distanzierende Wirkung des Massenprodukts. Das Idol spricht aus, was man selber nicht anzusprechen wagt. (Musikbeispiel Track 8 "Mit dir" vom Freundeskreis).

Wie kann man nun mit identifikationsbeladener Musik im Unterricht umgehen? Aktuelle Popmusik scheint un-unterrichtbar zu sein, weil Unterricht tendenziell zur Veröffentlichung intimer, sorgsam gehüteter Identifikationen neigt. Jürgen Terhag, der als einer der ersten die These von der Un-Unterrichtbarkeit aufgestellt hat, wies jedoch gleichzeitig darauf hin, daß dies nicht zwangsläufig gilt, solange man aktiv mit populärer Musik umgeht. Von den inzwischen vielfach entwickelten Formen des aktiven Umgangs mit populärer Musik möchte ich hier die sog. Szenische Interpretation heraus-greifen. Ursprünglich für den Bereich der Oper entwickelt, ist sie inzwischen auf populäre Musik übertragen worden: auf Musicalszenen ebenso wie auf Lieder der Rock/Popmusik.

Ausgangspunkt ist Ingo Schellers Modell vom "erfahrungsbezogenen Unterricht". Als Voraussetzung nennt er u.a.:
1.Unterricht soll die Erlebniswelt der Schüler aufgreifen,
2. nicht nur sprachliche Aktivierung, sondern auch sinnlich-praktisches Handeln und Lernen beinhalten,
3. soziale Erfahrungen und solidarische Beziehungen müssen realisiert werden können.
Den Lernprozeß differenziert er im folgenden Phasenmodell: (Folie) Erlebnisse zu bestimmten Unterrichtsthemen bringen die Schüler in den Unterricht ein (Vor-Erfahrungen) - Verarbeitung (Diese Erlebnisse können im Unterrichtsprozeß bewußt gemacht und verarbeitet werden) - Erfahrungen (Dadurch entstehen Erfahrungen als symbolische Formen der Aneignung gesellschaftlicher Wirklichkeit) - Haltungen (Erfahrungen verdichten sich zu Haltungen) - Handeln (Haltungen steuern das reale Handeln und erlauben so, neue Erlebnisse zu sammeln / Kreisschluß).

Identifikationsprozesse spielen in diesem Phasenmodell vor allem bei der Verarbeitung von Erlebnissen und deren Aneignung eine Rolle. Dazu braucht man Distanz, Reflexion, Erinnerung, Vergleich und Austausch mit anderen, also die Interaktion mit anderen Menschen sowohl in der direkten Begegnung als auch über den indirekten Weg der Identifikation mit den Motiven anderer Personen. Wie das Beispiel der eingangs erwähnten Hysterie bei Popkonzerten zeigt, schlagen Identifikationen jedoch nicht zwangsläufig in ästhetisches Handeln um, sondern lösen zunächst Verhaltensformen aus, die sich von den alltäglichen deutlich unterscheiden. Aufgabe des Unterrichts ist es, diese oder ähnliche spontanen Verhaltensweisen ins Bewußtsein zu rücken.

Ingo Scheller schlägt dazu eine Reihe von Symbolisierungsformen vor: das Erstellen von Textkollagen, Wandzeitungen oder Fotogeschichten oder das szenische Spiel. Letzteres bietet sich aus mehreren Gründen an. Einerseits können Spielszenen wesentliche Identifikationsinhalte thematisieren, die im Lebensweltbezug zu den Jugendlichen stehen. Andererseits bietet die Übernahme einer vorgegebenen Rolle Schutz vor einer persönlichen Selbstdarstellung. Man agiert aus der Distanz einer fremden Identität heraus, reflektiert im Grunde genommen dabei aber auch seine eigene. Schließlich muß erwähnt werden, daß das szenische Spiel die der Musik ohnehin innewohnende Ganzheit-lichkeit verstärkt und in Verbindung mit der Selbst- und Gruppenreflexion Schlüsselqualifikationen wie Kommunikationsfähigkeit und Selbstkompetenz stärkt.

Die Grundlage der Szenischen Interpretation ist die "Einfühlung". Sie erfolgt in Gruppen als kollektive Einfühlung oder in eine einzelne Rolle als individuelle Einfühlung. Durch Analyse von Musik, Liedtext und Spieldialog, sowie durch das Erstellen von Rollenbiographien und eines Beziehungsdiagramms der beteiligten Figuren wird versucht, die psychologischen und sozial- kommunikativen Haltungen der Charaktere zu bestimmen. Identifikationsinhalte können durch den Schutz der Rolle - scheinbar - neutral von der eigenen Identität thematisiert werden.

Dabei ist die Reflexion der Handlungen und Beweggründe an bestimmten Stellen notwendig. Eine Szene wird selten ohne Unterbrechung durchgespielt. Zwei wichtige Verfahren dazu sind das "Stopverfahren" und das "Modellieren von Standbildern". Die Lerngruppe wird in Akteure und Zuschauer aufgeteilt. Der Spielleiter unterbricht die Szene mit einem verabredeten Zeichen, die Darsteller müssen augenblicklich "einfrieren". Nun gibt es zwei Möglichkeiten der Reflexion. Einerseits können Zuschauer hinter einen der Akteure treten und sie nach ihrer Befindlichkeit befragen. Andererseits bietet das Standbild die Möglichkeit, Mimik, Gestik und Position der Darsteller zu variieren, um eine bestimmte Aussage zu verstärken.

In der abschließenden "Ausfühlung" werden die Akteure auf ihre Befindlichkeit, ihre Gefühle und Gedanken während des Spiel befragt: Konntest du dich mit der dargestellten Rolle identifizieren? Bist du zufrieden mit deiner Darstellung oder hättest du dich lieber anders verhalten? Welche Barrieren gab es? Wie hast du die anderen Rollen wahrgenommen? usw.

Dieter Bührig: Identifikation und Identität in Bezug auf populäre Musik (Gliederung, Zitate, Bild- / Musikbeispiele und Fußnoten)

1. Psychologische und musikpsychologische Aspekte
- Die Duden-Definitionen: "Identifikation: emotionales Sichgleichsetzen mit einer anderen Person oder Gruppe und Übernahme ihrer Motive und Ideale in das eigene Ich; Identität: als Selbst erlebte innere Einheit der Person" gehen zurück auf:
- Sigmund Freud (1923): differenziert zwischen dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Identifikation ist die Übernahme eines fremden "Ich" anstelle des eigenen (im Extremfall: Hysterie bei Konzerten, Ergriffenheit bei Musicalaufführungen). Sie ist ein Anpassungsmechanismus, um im Falle von Konfliktsituationen auf dem Weg über andere zum Ziel zu gelangen. Dies gilt v.a. für Idole wie Filmhelden und Musikstars als Personen, die verstärkungsmächtig sind. "In dem Maße, in dem diese Identifikationspersonen ihre Probleme bewältigen, erlebt man selbst die Befriedigung, die eigenen Frustrationen überwunden zu haben" (Bsp.: "Ich gehör nur mir" aus "Elisabeth" - Selbstwertgefühl ).
- Erik Erikson (1968) erweitert den Freudschen Ansatz von den biologischen und sexuellen Entwicklungsfaktoren um die der sozialen Beziehungen und kulturellen Einflüsse: Das Identitätsgefühl erfordert eine psychosoziale Gegenseitigkeit" . Einflüsse, die die Selbstwahrnehmung beeinträchtigen, fördern Identitätsverwirrung. Auszug aus seinem Modell der Entwicklungsphasen: IV. mittlere Kindheit - Konflikt zwischen Leistungs- und Minderwertigkeitsgefühl; V. Pubertät und Adoleszenz - Konflikt zwischen Identität und Rollenkonfusion (Bsp.: Xavier Naidoo: "Führ mich ans Licht").
- Wolfgang Welsch (1990) verweist auf die Tendenz zur Austauschbarkeit von Identitäten als Ausdruck der Zeit . Beispiele: Cindy Sherman (multiple Identität), Andy Warhol (Manipulierbarkeit von Identität), Madonna (Showstars und Austauschbarkeit). Andere Beispiele: Freddie Mercury, Musical "Jekyll & Hyde"; (Bsp. Cher: "Believe")
- Identifikationsinhalte: Geborgenheit, Liebessehnsucht, Trost, Anerkennung (Bsp.: "In meinem Schloß" aus "Les Misérables" - Bildvergleich); Aggression (Bsp. Skeptiker: "Schwarze Boten"); sexuelle Erregung (Bsp. Freundeskreis: "Mit dir") ; multiple Hörgewohnheiten
- Musik ermöglicht nonverbale, spontane, emotionale Identifikation .
- Musik als Rückzug aus dem Alltag, Musikrezeption als "Traumzeit" .
- Rock/Pop und ganzheitliche, körperliche Identifikation" .
- Musik ermöglicht eine individuelles Verhältnis von Nähe und Distanz: Musik hilft, durch die `Blume´ über eigene Empfindungen in Distanz zu kommunizieren, ohne die eigene Identität offen zu legen .
- Die Variabilität populärer Musik begründet die Möglichkeit zur eigenen musikalischen Aktivität und ermöglicht dadurch Selbsterfahrung . - Identifikationsangebote = Manipulationsinstrumente?
2. Ziele und Methoden der Szenischen Interpretation
- Scheinbare "Un-Unterrichtbarkeit" aktueller Popmusik kann aufgehoben werden durch aktiven Umgang mit Musik ; Szenische Interpretation als aktiver Umgang mit populärer Musik
- Erfahrungsbezogener Unterricht: (Nykrin ); Scheller : 1.Unterricht soll Erlebniswelt der Schüler aufgreifen, 2. Nicht nur sprachliche Aktivierung, sondern auch sinnlich-praktisches Handeln und Lernen, 3. Soziale Erfahrungen und solidarische Beziehungen, 4. Den Bedürfnissen der Schüler entsprechende Raum- und Zeiterfahrungen.
- Phasenschema: Erlebnisse - Verarbeitung - Erfahrungen (Aneignung) - Haltungen - Handeln (Veröffentlichung)
- Identifikationen beim Prozeß der Aneignung von Erfahrungen
- Lebensweltbezug /Alltag : Identifikationen schlagen nicht zwangsläufig in ästhetisches Handeln um, sondern lösen zunächst Verhaltensformen aus, die sich von den alltäglichen deutlich unterscheiden .
- Symbolisierungsformen: Textkollagen, Wandzeitungen, Fotogeschichten, szenisches Spiel
- Szenische Interpretation: Szenisches Spiel mit Opernausschnitten; aber auch mit Musicalszenen ; mit Rock/Popsongs .
- Identifikationsinhalte und Rolle, Schutz der Rolle, Selbst- und Gruppenreflexion, Kommunikationsfähigkeit, Ganzheitlichkeit
- Methoden der Szenischen Interpretation: Einfühlung : Identifikationsinhalte, Rollenbiographie, Vorstellung der Rollen, Beziehungsdiagramm
- Standbild (Gruppen/Einzelperson); Einfrieren und Stop-Verfahren - Ausfühlung; gemeinsame Reflexion
- Aufführung : Spannung Darsteller - Zuschauer

- Werner Correll: Einführung in die pädagogische Psychologie. Donauwörth 1966 S. 244
- Ralf-Arthur Fritsche: Über den psychologischen, musikalischen, technischen und ökonomischen Aspekt moderner Unterhaltungs-Musik. Hamburg 1984, S. 104: "Identifikation läßt sich positiv definieren als Erhöhung des Selbstwertgefühls, die durch Introjektion und Projektion zur Annahme oder Übernahme von Eigenschaften einer anderen Person ... von hohem Rang erfolgt".
- Erik Erikson: Jugend und Krise. Stuttgart 1970 S. 256. Er versteht darunter "die "angesammelte Zuversicht des Individuums, daß der inneren Gleichheit und Kontinuität auch die Gleichheit und Kontinuität seines Wesens in den Augen anderer entspricht".
- Wolfgang Welsch: Identität im Übergang. In: W. Welsch: Ästhetisches Denken. Stuttgart 1990 S. 171: "Identität ist immer weniger monolithisch, sondern nur noch plural möglich."
- weitere Identifikationsinhalte: Ichstärke (Bsp. James Brown: "Say it loud - I´m black and I´m proud"); Einzelkämpfermentalität (Bsp. Bruce Springsteen: "Born in the USA"); Ausstieg (Bsp. Beatles: "She´s leaving home"); Ersatzbefriedigung (Bsp. Rolling Stones: "Satisfaction"); Hoffnung auf eine bessere Welt (Bsp. Witt/Heppner: "Die Flut") u.a.
- Dieter Baacke: Die Welt der Musik und die Jugend. In: D. Baacke (Hrsg.): Handbuch Jugend und Musik. Opladen 1998 S. 10: "Wir sprechen heute der Musik die Qualität zu, vor allem Emotionen anzusprechen und auszudrücken, ohne sie aufrechenbar oder formulierbar machen zu müssen."
- Helmut Voullième: Die Faszination der Rockmusik. Opladen 1987 S. 42: "Unter den Bedingungen einer entzauberten modernen Lebenswelt erlangt Rockmusik die Funktion einer ästhetischen faszinierenden ´Traumzeit´."
- Ansgar Jerrentrup: Popularmusik als Ausdrucksmedium Jugendlicher. In: D. Baacke (Hrsg.): Handbuch Jugend und Musik. Opladen 1998 S. 88: : "Mit Pop/Rock rückt das Ganzheitserlebnis von Musik wieder in den Vordergrund. Denn diese Musik wirkt sich nicht nur auf das Gefühlsleben aus, sondern will auch ganzkörperlich umgesetzt sein."
- Der Begriff der "Distanz" hat bei der Szenischen Interpretation als sog. "Schutz der Rolle" eine wichtige Funktion. Siehe hierzu Ralf Nebhuth / Wolfgang Martin Stroh: Szenische Interpretation von Opern - Carmen. Oldershausen 1990 S. 12
- Siehe hierzu Dieter Bührig: Musical als Spielprojekt. In: Musik und Bildung 1/1995 S. 25
- Günter Kleinen: Sozialisation - Entwicklung - Selbstfindung. In: Helms/Schneider/Weber: Handbuch des Musikunterrichts Sek I. Kassel 1997 S. 11: "Die Jugend- und Medienkulturen sind keineswegs Resultate einer von außen gesteuerten Sozialisation, sondern sie sind, schon an ihrer Vielfalt erkennbar, Bestandteil individueller Selbstregulation, die zur Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgaben gehört".
- siehe hierzu Jürgen Terhag: Die Un-Unterrichtbarkeit aktueller Pop- und Rockmusik. In: Musik und Bildung 5/1984 S. 345 ff. Wegen der häufigen Mißverständnisse hat Terhag neuerdings nochmals die Notwendigkeit des aktiven Umgangs mit aktueller populärer Musik betont. Jürgen Terhag: Die Vernunftehe - 40 Jahre Populäre Musik und Pädagogik. In: Dieter Baacke (Hrsg.): Hand-buch Jugend und Musik. Opladen 1998 S. 448
- Der Erfahrungsbegriff spielte v.a. eine Rolle bei: Rudolf Nykrin: Erfahrungserschließende Musikerziehung. Regensburg 1978.
- Ingo Scheller: Erfahrungsbezogener Unterricht. Frankfurt/Main 1981
- ebenda S. 64: "Je mehr auch halb- bzw. unbewußte Anteile von Erlebnissen, Wünschen, Gefühlen und Haltungen angeeignet werden, um so mehr kann zumindest punktuell der Lernprozeß der Schüler in ihren Lebensprozeß zurückgeholt und der aufreibende Lebensprozeß mit seinen Krisen, Identifikationen und Fluchtbewegungen zum Gegenstand bewußter, gemeinsamer Auseinanderset-zungen werden."
- Der auf Husserl zurückgehende Begriff der "Lebenswelt" ist u.a. 1988 auf einem Symposion in Flensburg ausgiebig diskutiert worden: Musikalische Lebenswelten. In: Musik im Diskurs Band 6. Regensburg 1989.
- Zum Alltagsbegriff siehe Kurt Hammerich/Michael Klein (Hrsg.): Materialien zur Soziologie des Alltags. Opladen 1978
- Peter W. Schatt: Jugend - Kult - Kultur. In: Musik und Bildung 4/1998 S. 2
- siehe hierzu Dieter Bührig: Analyse durch szenische Interpretation. In: Musik und Unterricht 37/1996 S. 24 ff
- Erste Anregungen dazu finden sich bei Ansgar Jerrentrup: Pop-/Rockmusik im Unterricht. In: Helms/Schneider/Weber (Hrsg.): Handbuch des Musikunterrichts Sek I. Kassel 1997 S. 299 (Beispiele: Beatles: She´s leaving home; Pink Floyd: The wall)
- Bei Ralf Nebhuth/Wolfgang Martin Stroh: Szenische Interpretation von Opern - Carmen (Oldershausen 1990 S. 22) heißt es: "Durch Einfühlung soll die Fähigkeit und Bereitschaft erzeugt werden, von den eigenen Bedürfnissen nach Selbstdarstellung und Selbstbestätigung abzusehen und eine neue Rolle zu übernehmen." Diese Formulierung ist insofern fragwürdig, als sie die notwendige Identifikation des Akteurs mit psychologischen Momenten der Rolle außer acht läßt.
- Zur pädagogischen Bedeutung der Aufführungssituation siehe Dieter Bührig: Musik aufführen. In: Helms/Schneider/Weber (Hrsg.) Handbuch des Musikunterrichts Sek. I. Kassel 1997 S. 383 ff