aus: Musik & Bildung 2/99 S. 64
Sicherlich ist mancher Kollege, der eine Schülerband betreut oder Popmusik aktiv in den Unterricht einbezieht, irgendwann einmal von seinen Schülern gefragt worden: Wie können wir ein Demo-Band erstellen? Wie können wir es zu einer eigenen CD bringen? Wie kommen wir an entsprechende Adressen heran?
Ich persönlich habe in solchen Fällen alte private Kontakte zur Musikbranche weiter gegeben, - ein meist gut gemeinter aber erfolgloser Ratschlag. Und wenn im Unterricht die Frage nach den Hintergründen des Musikgeschäfts auftauchte, nahm ich die inzwischen etwas veralteten Standardbücher von Helms, Wehmeier, Kemmelmeyer u.a. zur Hand, - was ebenfalls nicht immer sehr befriedigend war.
Mit dem Buch von Marlis Jahnke liegt nun eine Veröffentlichung vor, die eine wesentliche Lücke schließt. Hier berichtet ein Insider in sachkompetenter, informativer und spannend formulierten Weise über die Hintergründe des Showbusiness.
Wohlgemerkt ist die Autorin keine Musikpädagogin, sondern hat jahrelang professionell in einer der Schaltzentralen der Musikindustrie mitgewirkt. Das macht dieses Buch im Vergleich zu den in der musikpädagogischen Fachwelt publizierten Beiträgen zur Thematik so aufschlußreich und auch so ehrlich. Obwohl das Buch den Untertitel "ein Handbuch für Musiker, Bands, Produzenten" trägt, kann man ohne weiteres ergänzen "und auch für den Musiklehrer".
Mit ihrer Veröffentlichung will die Autorin nicht nur Bilanz ihrer Kariere bei einer führenden Plattenfirma ziehen, sondern auch Wissen und Erfahrungen weitergeben "für alle, die wissen wollen, wie Hits entstehen oder die Abläufe der Tonträgerindustrie besser kennenlernen wollen".
Im ersten Teil geht sie der Frage nach: Wie kommt Musik auf die CD? Im Zentrum steht dabei die Struktur einer Tonträgerfirma. Da ist beispielsweise der "Artist & Repertoire Manager", der für das Aufspüren neuer, erfolgversprechender Talente und Musikstile zuständig ist. Ist das geschehen, tritt der "Produkt Manager" auf den Plan und sorgt für die konkrete Vermarktung der Musik. Die Promotionabteilung sorgt für die Präsenz in den Medien, die Werbeabteilung für genügend Reklame und der Vertrieb, das "Nadelöhr" der ganzen Firma für den nötigen Absatz.
Alles würde ohne entsprechende vertragliche Absicherungen im Chaos enden. Vertragsgestaltung und unterschiedliche Vertragsarten werden ebenso differenziert dargestellt, wie die Aufgabe der Musikverlage und Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL.
So ist die Musikbranche lückenlos nach marktwirtschaftlichen Kriterien durchorganisiert. Natürlich ist das keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Wohl aber gelingt es Frau Jahnke, dies überzeugend am konkreten Einzelfall festzumachen. Immer wieder belegt sie durch Zahlen und Fakten. Positiv hervorzuheben ist, daß sie darüber hinaus konkrete Namen und Adressen angibt.
Ist nun das Musikprodukt erstellt, umworben und vertraglich abgesichert, so bedarf es weiterer Anstrengungen, um daraus einen Hit zu "machen". Wer nicht über genaue Sachkompetenz verfügt, ist bei der Frage "Wie wird ein Hit gemacht?" schnell mit pauschalen Vorurteilen zur Hand: Die Musikindustrie erscheint leichtfertig als Moloch, als Musik-Maffia. Die Käufer würden geschickten Intrigen auf den Leim gehen, die Hitlisten sind manipuliert usw. Hier gibt das Buch konkrete Argumente, um mit derartig unsinnigen Vorurteilen aufzuräumen.
Im zweiten Teil dieses Buchs geht die Autorin sehr differenziert auf die realen Mechanismen ein, die bei dem Herauskristallisieren eines Hits eine Rolle spielen können. Die in Zeitungen und Rundfunksendungen verkündeten Hitlisten entstehen heute auf einer ganz anderen Grundlage als vor beispielsweise zehn Jahren. Neue Medien wie das Internet oder die CD Extra spielen eine zunehmende Rolle. Ähnliches gilt für Videoclips, Musik-TV und "Teeniepresse". Auch die Funktion der Diskotheken und Konzertagenturen wandelt sich. All dies wird von der Autorin mit spannend zu lesenden Hintergrundinformationen untermauert.
Das abschließende Glossar ist so gehalten, daß auch der auf diesem Terrain laienhafte Musiklehrer folgen kann. Das Literaturverzeichnis ist kurz aber sehr bündig gehalten. Einer "Nicht-Pädagogin" darf man es natürlich nicht ankreiden, daß Angaben über entsprechende Veröffentlichungen in der musikpädagogischen Fachliteratur fehlen.
Das Buch ist es wert, ebenso in der Bibliothek einer jeder Schule wie im Schrank derjenigen Musiklehrer, die Popmusik thematisiert, zu stehen.