Kai war dabei: Von der Idee zur CD – Eine Videodokumentation über die Entstehung eines Musikstückes. Produktion Spektrum Hollenstedt 1995
(aus: Musik und Bildung 4/96 S. 60)
Mit zwei VHS-Videobändern und einer kleinen in Klarsicht hüllen verpackten Zettelsammlung von Anwenderinformationen und Tips bietet die Spectrum Videoproduktion Material für den Musikunterricht zum Thema Popularmusik an. Anschaffungspreis immerhin über 200 Mark. Am Beispiel eines modern arrangierten Rap Titels wird der Werdegang einer heutzutage typischen Musikproduktion verdeutlicht.
Wie bei vielen Titeln der aktuellen Hitlisten ist an der ganzen Produktion lediglich ein Allround Musiker (im Studio plus Tonmeister) tätig. Dadurch werden die Produktionskosten gering gehalten. Der Selfmade-Mann braucht lediglich über einige Grundfähigkeiten am Keyboard, an der Gitarre und am Schlagzeug zu verfügen. Alles weitere macht das Computerprogramm.
Die Videobilder dokumentieren jeden einzelnen dieser Schritte. Die Grundidee zum Song wird an der Gitarre gefunden. Nach und nach baut sich ein Playback auf, auf das der Musiker nur noch seinen Sprechgesang setzen muß. Mit diesem Demoband geht er ins Studio. Manche seiner Vorarbeiten können hier übernommen werden. Zusammen mit dem Tonmeister (und einigen Aushilfssängern) wird das Mastertape erstellt.
Hier bricht die Videodokumentation leider ab. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Verhandlungen mit der Schallplattenfirma abgelaufen sind und wie die weiteren Wege der Massenproduktion und Distribution aussehen.
Fragen bleiben offen: Warum hat eine Firma ausgerechnet diesem Titel eine Chance gegeben? Welcher Käuferkreis soll angesprochen werden? Welches Image soll der Interpret haben? Welche Verkaufsstrategien werden ausgearbeitet?
Das Lehrvideo macht also kurz vor den brennendsten Fragen halt. Ohne diese Dimensionen bleibt die ganze Dokumentation auf der technischen Ebene stecken. Bis ins Detail werden technische Fachbegriffe der MIDI- und Computerwelt wie bei einer der (m.E. meist schlechten, weil unpädagogischen und humorlosen) Schulfunksendungen aus der Physik erläutert.
Ein schülerorientierter Umgang mit dieser technischen Stoffülle kann im Grunde nur erfolgen, wenn der Musiklehrer über eine entsprechende MIDI-Anlage (Keyboard samt Sequenzerprogramm) verfügt. Erst dann werden die vielen und extrem schnell aufeinanderfolgenden Informationen des "Lehrvideos" zu verstehen sein. Wer aber ein derartiges Equipment im Unterricht einzusetzen versteht, wird wohl kaum noch an den wenigen Aspekten, die das Lehrvideo darüber hinaus aufzeigt, interessiert sein. Er wird mit seinen Schülern direkt vor Ort ein Demo erstellen können. Die vielen Musiklehrer, die über diese Möglichkeiten nicht verfügen, werden die beiden Videocassetten nur mit äußerster Vorsicht im Unterricht einsetzen können und das Material erst pädagogisch aufbereiten müssen: Welche didaktische Funktion hat das Thema? Welche didaktischen Reduktionen muß ich vornehmen? Welche Lernziele will ich erreichen? Wie kann ich die Schüler handlungsorientiert einbeziehen? Wie muß ich das Material methodisch aufbereiten? Die beigefügten Anwenderinformationen und Tips liefern hier nicht einmal ansatzweise Hilfe stellungen.
Selbstverständlich ist es eine gute Idee, Möglichkeiten und Grenzen moderner Musikproduktionen sichtbar zu machen. Nur sollten Musikpädagogen sich dieser Aufgabe stellen, nicht "Macher", die von didaktischen Ansätzen und schulischen Bedingungen offenbar wenig Ahnung haben.