Niels Knolle / Thomas Ott (Hg.): Zur Professionalisierung von Musiklehrern. Schott-Verlag Mainz 1995
(aus: Musik und Bildung 4/96 S. 58)
Im Herbst 1993 fand in Berlin eine Arbeitstagung der Bundesfachgruppe Musikpädagogik statt, die, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklung in den Ländern, Professionalisierungsproblemen des Musiklehrerberufs nachgehen wollte.
Der vorliegende Band aus der Schriftenreihe über Gegenwartsfragen der Musikpädagogik veröffentlicht die Referate und Diskussionsrunden dieser Tagung. Die Dokumente bieten dem sich für die Ausbildung von Musiklehrern interessierenden Leser einen hervorragenden Einblick in die jüngere Geschichte der Fachdisziplin und vermitteln ein lebendiges Bild von den aktuellen Brennpunkten der Diskussion. Dabei ist festzuhalten, daß es in keiner Weise um die Präsentation von erfolgsträchtigen Patentrezepten geht, sondern und das sind m.E. ganz fundamentale Schritte - um eine kritische Reflexion der Vergangenheit, um erste empirische Untersuchungen der eigenen Lage und des eigenen Selbstverständnisses, um das Aufreißen von unbequemen Fragen und um die Formulierung visionärer Hypothesen.
Peter Hübner zieht aus der Sicht des Verantwortlichen das Fazit aus der Verlagerung der Lehrerausbildung von den pädagogischen Hochschulen zu den Universitäten. Der ökonomische Vorteil, die Studienströme im Hinblick auf Abschlußorientierung an Universitäten kurzfristig den Bedürfnissen anzupassen, hatte im wesentlichen zur Folge, daß das Gymnasiallehrermodell verallgemeinert wurde. Die Fachwissenschaftlichkeit verselbständigte sich gegenüber der pädagogischen Ausbildung und schlimmer noch: gegenüber dem Berufsfeld Schule. Zwei fundamentale Brüche kennzeichnen heute die Situation: die Isolation der an der Lehrerausbildung beteiligten Disziplinen gegeneinander sowie ihre Isolation gegenüber der beruflichen Praxis.
Über Brüche weiß auch der Dresdener Pädagoge Witlof Vollstädt zu berichten. Die in der ehemaligen DDR gesammelten vierzigjährigen Erfahrungen mit der einphasigen Lehrerausbildung wurden mit der W ende schlagartig über den Haufen geworfen. Dies ging sogar soweit, daß in Dresden Fachdidaktiker, die in Pädagogik promoviert hatten, entlassen und durch Fachwissenschaftler ersetzt wurden. Die Fachdidaktik verkümmerte zum Anhängsel der Fachwissenschaft, zu deren Methodik. Viele Hochschullehrer kannten nicht die Situation an den Schulen (oder wollten sie nicht kennen lernen). Dies scheint nach meinen Beobachtungen nicht nur ein trauriges Privileg der neuen Bundesländer zu sein.
Der in der zweiten Ausbildungsphase tätige Hans Bäßler formuliert einige zentrale Thesen zur Verbesserung der Ausbildung während des Referendariats. Mit provokant-radikaler Argumentation zeichnet er ein düsteres Bild der bestehenden Situation: Die Lehrerbildung in der derzeitigen Struktur ist überholt, ihre inhaltliche und methodische Gestaltung ist desolat bzw. veraltet. Sie wird sozialen Problemlagen nicht gerecht, geht an den gesellschaftlichen Herausforderungen vorbei und vernachlässigt Möglichkeiten der schulischen Kooperation. Als Schlußfolgerung fordert er "bewertungsfreie Räume" in der Zweiten Phase, eine Orientierung auf die Beratung der Referendare und eine viel engere Zusammenarbeit mit der einzelnen Schule. Eigenständigkeit und Arbeit in Kleingruppen sollen wesentliche Merkmale der zweiten Ausbildungsphase werden.
In einer Reihe von Beiträgen reflektieren gestandene Musiklehrer und Hochschullehrer ihren eigenen fachlichen Werdegang. In der ehemaligen DDR hatte sich das Experimentierfeld Universität letztlich immer wieder dem allmächtigen Ministerium für Volksbildung zu beugen. In den alten Bundesländern klagt man über den eklatanten Widerspruch zwischen künstlerischer Ausbildung und praktischer Berufsvorbereitung. Die Diskussionsrunden mit den Studierenden ergänzen dieses Bild: Schulpraktika, schulpraktisches Klavierspiel und auf die Schule bezogene Stimmbildung kommen in der ersten Ausbildungsphase zu kurz, während Musiktheorie und künstlerische Ausbildung im Hauptfach zu viel Gewicht haben. Für die Schulpraxis wichtige Bereiche wie Rockmusik, computergestützte Musik, Musik in den Massenmedien und in der Werbung, Musik anderer Kulturen usw. müßten in die Ausbildung integriert werden.
Walter Bärsch untersucht die Bedingungen der heutigen Lebenswelt Jugendlicher. Einzelkinddasein, Probleme der familiären Lebensgemeinschaft, neue Rollenverteilung in der Familie und ein verändertes Rollenverständnis der Kinder haben zu einem neuartigen Sozialverständnis der Jugendlichen geführt. Parallel dazu ist die Kluft zwischen schulischen Inhalten und dem individuellen Erfahrungsraum der Schüler erheblich größer geworden. Die Schule verfehlt die körperlich seelisch geistige Gesamtheit des Kindes. Die Freizeit des Kindes wird durch Vereinzelung, Verführung zur Unproduktivität, Konsumismus und Ikonomanie geprägt. Walter Bärsch spricht von "Orientierungswaisen". Als Konsequenz fordert er eine Werterziehung, eine Erziehung zu Verantwortungsbereitschaft und Produktivität, die Entfaltung der Teamfähigkeit und die Orientierung auf Ganzheitlichkeit. Den Rezensenten befremdet es, wenn der Referent sich auf die musikpädagogisch belegte Begrifflichkeit des "Musischen" zurück zieht.
Einen Kernpunkt der Tagung bildet der Bericht Hans Günther Bastians über die von der Bundesfachgruppe Musikpädagogik in Auftrag gegebene empirische Studie zur Berufs- und Studienmotivation von Musiklehrerstudenten. Diese Studie belegt, was dem in der Praxis der Lehrerausbildung in der zweiten Phase tätigen Rezensenten schon lange klar war: Die Schere zwischen Hochschulstudium und Schulpraxis kann kaum noch weiter auseinander klaffen, als es heute der Fall ist. Didaktisch-methodische Ausbildung, schulpraktisches Klavierspiel, Schulpraktika, Einführung in die Jazz und Rockmusik, musikherapeutische Konzepte und Medientechnologie sind die wesentlichen defizitären Bereiche der Hochschulausbildung. Dem steht ein Überhang an Musiktheorie und -analyse, künstlerischer Ausbildung im Hauptfach und schulfremder Chor- und Orchesterleitung gegenüber.
Trotz dieser Schwierigkeiten sind - im Gegensatz zu einigen sensationsträchtigen Thesen von publikumswirksamen Schulforschern - den Studierenden des Lehramtes Musik durchaus und sogar primär idealistische Berufswahlmotive zu eigen,
Fazit der Lektüre: desolate Zu stände in der ersten und zweiten Ausbildungsphase - aber motivierte Studenten. Eigentlich dürfte es nicht schwer sein, diesen Widerspruch aufzulösen. Das aber setzt Hochschullehrer (und Fachleiter) voraus, die den persönlichen Kontakt zu den Jugendlichen suchen. Das Referat von Walter Bärsch kann als Aufforderung hierzu verstanden werden.