Was hat Musik mit grundlegenden Kulturtechniken zu tun?

aus: Musik & Bildung 1/1998 S. 54; weitere Informationen beim Schott-Verlag

Schlagzeile der örtlichen Tagespresse vom 2.11.97: "Schlechte Noten für die Schule - Schreiben und Rechnen schwach": Schulabgänger sind aus der Sicht der Unternehmer nicht ausreichend auf ein Berufsleben vorbereitet. Dazu meint Bundesbildungsminister Rüttgers, die Schule müsse die Ausbildungsreife ihrer Abgänger erheblich verbessern und sich wieder mehr um die Vermittlung "grundlegender Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen kümmern"(1).

Dieser Vorwurf und die entsprechenden Diskussionen in den unterschiedlichen Instanzen sind nicht neu. In regelmäßigen Abständen wird über eine mangelnde berufliche Verwertbarkeit der Schulabgänger geklagt. Die in der Öffentlichkeit allgemein akzeptierten Kriterien für eine gute Schule scheinen aus den Unternehmerverbänden und dem Bundesbildungsministerium zu kommen: Hauptsache, der Schüler lernt ordentlich Lesen, Schreiben und Rechnen.

So gesehen ist das Fach Musik eine Nebensache, was sich ja auch in seiner Zuweisung als C-Fach ausdrückt. Bei der Vermittlung grundlegender Kulturtechniken spielt es nur eine periphere Rolle. Techniken wie das richtige Schreiben werden allenfalls als "Abfallprodukte" bei der Korrektur von Hausheften und Klausuren berücksichtigt.

Was könnte das Fach darüber hinaus mit wesentlichen Kulturtechniken zu tun haben? Die naheliegende Antwort wäre, das Lesen und Schreiben auf die Notenschrift zu beziehen. Jeder Schüler sollte folglich eine Partitur entziffern oder eine Melodie notieren können. Musikalische Elementarlehre müßte im Zentrum des Unterrichts stehen.

Daß dies nicht unbedingt anzustreben ist, wird deutlich, wenn man sich überlegt, was der Bundesbildungsminister wahrscheinlich unter "grundlegenden Kulturtechniken" versteht. Gemeint sind Techniken, die eine weltweite Kommunikation der Menschen garantieren. Entscheidende Kultursymbole sind diesbezüglich die Sprache (Schreiben und Lesen) und die Mathematik (Rechnen und Ordnen).

Eine gute Schule sollte also alles fördern, was dazu beiträgt, den Heranwachsenden in das internationale Kommunikationsnetz einzugliedern, - überspitzt formuliert: ihn zu verkabeln. Bezeichnenderweise fehlt in den Schlagzeilen der Presse eine weitere grundlegende Kulturtechnik: das Sprechen. Im Zeitalter der Computer und elektrotechnischen Kommunikationsmedien scheint das Sprechen ersetzbar zu sein. Tastatur, Maus und Bildschirm kommen auch ohne hörbare Sprache aus. Im Gegenteil, sie fördern sogar Sprachlosigkeit. Zur Not kann jeder Text in digitalen Sprachverarbeitungssystemen akustisch umgewandelt werden.

Dies ist aber lediglich der kybernetischen Aspekt des Sprechens. Seine empathische Dimension hat viel mit Musik gemeinsam. Erst durch musikalische Elemente wird das Sprechen zu einer Lebensäußerung. Ich kann durch geeignete Wahl der Klangfarbe und des Sprachrhythmus beispielsweise Emotionen vermitteln, Charaktere darstellen, andere und mich selbst erkennen oder Utopien gestalten.

Ernst Cassirer betonte die Ähnlichkeit von Sprache und Kunst, indem er beiden ihre eigentümliche "objektive" Bedeutung zuwies: "nicht weil sie eine an sich bestehende Wirklichkeit nachbilden, sondern weil sie sie vor=bilden, weil sie bestimmte Weisen und Richtungen der Objektivität sind. Und dies gilt ebenso für die Welt der inneren Erfahrung, wie es für die Welt der äußeren Erfahrung gilt"(2).

Hier wird deutlich, daß die Palette der "grundlegenden Kulturtechniken" mit Begriffen wie Lesen, Schreiben und Rechnen noch längst nicht erschöpft ist. Sie taugen allenfalls dazu, Wirklichkeiten an der Oberfläche nachzuformen. Um Wirklichkeiten erfahren, verstehen oder erträumen zu können, bedarf es anderer Kulturtechniken, die meiner Meinung nach grundlegender sind als die in der Öffentlichkeit geforderten elementaren Fertigkeiten. Und gerade dies sind Kulturtechniken, die insbesondere für die Entwicklung eines Heranwachsenden eine Rolle spielen, die also erst die Qualität einer Erziehung ausmachen.

Daß es über Lesen und Schreiben hinaus auch noch ganz andere Kriterien für die Bewertung von Schule geben kann, sollte spätestens seit Pestalozzi und seinen geistesverwandten Nachfolgern bekannt sein: Erziehung zur Ganzheitlichkeit, Entfaltung der Persönlichkeit, Förderung von Kritikfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit, erfahrungserschließende Orientierung auf die "Lesbarkeit der Welt" usw.(3)

Wie kommt es, daß man nie eine Schlagzeile in der Art liest: "Schlechte Noten für die Schule - Musikverstehen schwach"? Gehört denn die Auseinandersetzung mit und um Musik (das gilt natürlich ebenso für Lyrik oder Kunst), also das Erfahren und das Verbalisieren von ästhetischen Wirklichkeiten nicht zu den grundlegenden Kulturtechniken? Ist die Vermittlung entsprechender Kompetenzen weniger grundlegend als Lesen, Schreiben und Rechnen?

Daß diese Fragen abwertend beantwortet oder gar nicht erst gestellt werden, kann man zunächst den Medien und oben zitierten Spitzen der Bildungspolitik samt ihrem öffentlichen Urteil über das Fach Musik anlasten. Meiner Meinung nach sollte man einige Ursachen aber auch im eigenen Lager suchen. Inwiefern tragen musikpädagogische Konzepte dazu bei, die Bedeutung des Umgangs mit Musik als grundlegende Kulturtechnik zu entschärfen?

Da ist beispielsweise der Ansatz der Werkorientierung, von dem man glauben sollte, er sei seit der Curriculumsrevision längst überwunden. Ein Wiederaufguß dieser Richtung ist der Versuch, ihn mit dem Lebensweltbezug zu verknüpfen(4). Typisch für alle Ansätze dieser Art ist die radikale Beschränkung auf eine selbst definierte "Werkmusik", auf das sogenannte "Bleibende".

Die "Vermittlung von Bildungsgut" hat zunächst mit Kulturtechnik wenig zu tun, erst der erfahrungserschließende Umgang mit ihr, - aber nur dann, wenn die Musikpädagogen aufhören, sich als Museumspädagogen zu verstehen. Umgang mit Kultur bedeutet nicht nur zu wissen, daß J.S. Bach eine h-Moll-Messe komponiert hat, in dem vielschichtige Harmonik, abwechslungsreiche Formen, phantasiereicher Kontrapunkt sowie musik- und rezeptionsgeschichtliche Dimensionen zu entdecken sind.

Das sind sicherlich interessante Themen für den Bildungsbürger. In der Schule geht es um Heran-wachsende, für die es erfahrenswert ist, daß ein Komponist mit den Mitteln und im Geiste seiner Zeit das menschliche Grundbedürfnis nach Trost verarbeitet hat. Trost ist beispielsweise ein grundlegender Wesenszug, der gerade auch, natürlich mit anderen Mitteln und in einem anderen Geist, in der zwar aktuellen, aber auch "vergänglichen" Popmusik immer wieder angesprochen wird(5). Der fächerübergreifende Schritt zu Kunst, Religion und Philosophie ist nicht weit, wo das Thema ebenfalls eine große Rolle spielt.

Ein so verstandener Umgang mit Kultur stellt weniger die Struktur- und die Wertfrage als die Sinnfrage in den Vordergrund. Was macht denn weite Bereiche der Musik aus, damit man sie als Kulturgut einstufen kann? Es sind meines Erachtens weniger die kompositorischen "Kunstfertigkeiten" als vielmehr die humanen "Spurenelemente", die die Frag-Würdigkeit von Kunst ausmachen. Musik kann helfen, Fragen stellen zu lernen, Fragen neu zu formulieren, Fragen an die eigene Identität in einem neuen Blickwinkel zu sehen oder die Wichtigkeit von der kollektiven Unbeantwortbarkeit existentieller Fragen zu erkennen.

Genau das sind "grundlegende Kulturtechniken". Sie bereiten vielleicht nicht unmittelbar auf das Berufsleben vor, helfen jedoch, den eigenen Lebensweg weiterzugehen. Und wie tiefschürfend die Fragen sind, hängt weniger von der musikalischen Struktur als von der Betroffenheit ab, die die Musik im Hörer auslöst. Der eine erfährt ein tieferes Verständnis von Einsamkeit, indem er sich mit einem Schubert-Lied (Gütestempel Bildungsgut) auseinandersetzt, der andere, indem er mit einem Titel von der Gruppe "Einstürzende Neubauten" (Abstempelung Punk) konfrontiert wird.

Unterrichtet man Musik ausschließlich unter dem Verdikt eines öffentlich anerkannten "Kulturgutes der Menschheit", so bleibt man (trotz aller Beteuerungen, Tiefenarbeit zu leisten) an der Oberfläche pädagogischer Pflichten stehen. Das hat meiner Ansicht nach ebenso wenig mit "grundlegenden Kulturtech-niken" zu tun wie das ausschließliche Einüben der musikalischen Fachsprache.

Immerhin scheint der Schüler in beiden Fällen etwas "ordentliches" gelernt zu haben, - allerdings weniger für sich selbst als für die Befriedigung des öffentliche Gewissen. Ob das Fach Musik damit beigetragen hat, grundlegende Kulturtechniken zu vermitteln, mag bezweifelt werden.

Fußnoten

1 Lübecker Nachrichten vom 2./3. 11. 1997(zurück)

2 Ernst Cassirer: Zur Logik der Kulturwissenschaften (1942). Reprint WBG Darmstadt 1994 S. 30(zurück)

3 Peter Becker: Ur-Sachen. In: Musik und Bildung" 2/96 S. 2 (Standpunkt)(zurück)

4 siehe beispielsweise Dietrich Steincke: Blick für das Bleibende. In "Musik und Bildung" 1/97 S. 54 (Standpunkt)(zurück)

5 z.B. in dem Lied "Du bist schön auch wenn du weinst" aus dem Musical "Linie 1". Siehe hierzu Dieter Bührig: Trost. In: Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik - Kap. 12/2. WEKA-Verlag Kissing 1997(zurück)