Udo Lindenberg: Hermine. Lieder von 1929 bis 1988 (Polydor CD 835179-2)

(aus: Musik und Bildung 2/91 S. 67)

"Eines Tages mal raus zu können - Grenzen zu überschreiten" (Zitat aus der Presseinformation zu Udo Lindenbergs Platte Hermine), "... doch die Verhältnisse, die war'n nicht so" heißt es weiter im Text. Was liefert uns Lindenberg diesmal: Aussteigersongs (wie so oft), Sehnsüchte (wie nicht oft genug), oder Impressionen heimlicher Depressionen (wie wohl leider noch nie)?

"Nostalgie" heißt das vordergründige Reizwort. Bequem: es läßt sich gut verkaufen, man braucht keine neuen Songs zu schreiben und jeder Kritik wird von vornherein der Wind aus den Segeln genommen (was wiederum den Umsatz steigert). Deswegen gehe ich mit kompakten Vorurteilen an eine Produktion heran, die sogar die Gallionsfigur der Nostalgiewelle, Marlene Dietrich, persönlich bemüht. Kitsch?

Doch da sind zwei Nebensächlichkeiten, die für Skrupel sorgen: das fatale Bild von Matthias Koeppel "Damals war's" auf der Vorderseite des Beihefts und das Eisler/Brecht-Lied "Und es sind die finstern Zeiten". Beide sind geradezu beunruhigend; der Rest der Platte ist (für den Musikunterricht) unattraktiv, oder (was noch schlimmer ist) ganz nett anzuhören.

Dies beziehe ich v.a. auf Lindenbergs selbstgeschriebene Songs, deren Stärke eigentlich nur im geschickten Arrangement der Gebrüder Ströer liegt.

Der Titelsong Hermine sei jedoch hervorgehoben: Rockmusik hieß eigentlich immer auch Abkehr vom Elternhaus, - hier jedoch singt der Rockmusiker Lindenberg eine Liebes- und Verständniserklärung an seine eigenen Eltern (die für den normalen Musikunterricht sicherlich attraktiven, vordergründigen programmusikalischen Effekte seien ihm verziehen). Da kann ich nicht mehr mit abwehrender Gebärde von ,Nostalgiewelle" sprechen, - das hätte ich gerne (vor allen Soundeffekten) im Musikunterricht thematisiert. Zu selten ist Rock- und Popmusik den Eltern oder Alten gewidmet (etwa Simon & Garfunkels LP Bookends). Paradox (oder eben doch nicht?): Das Aussteigen - Domäne der Jugend - wird liebevoll am Beispiel der Eltern gezeigt, - eine Sehnsucht zeigt sich generationsneutral. Das ist für mich Nostalgie ohne Kitsch.

Die Bearbeitungen der Lieder von Theo Mackeben und Friedrich Hollaender verlieren für mich dagegen an Attraktivität: Der Sound ist interessant, Lindenbergs Gesang stört nicht und Marlenes Auftritt ist schnell vergessen. Einige Stücke enthalten nette programmusikalische Effekte (wie schön für den Musikunterricht). Sehnsüchte nach dem Leben der Großstadt sind unüberhörbar.

Doch dann wagt sich Lindenberg an einen Eisler/Brecht-Song heran: nicht im selbstbewußten, stolzen, kampfes- und siegeszuversichtlichen Ernst- Busch-Stil, sondern zunächst brüchig, verzweifelnd, dann unsicher schreiend. Hier höre ich eine ehrliche Art des Antifaschismus, die um so mehr wiegt, als daß Nostalgie schnell mit Reaktion assoziiert wird. Also auch hier keine herkömmliche Nostalgie nur weil Altes aufgegriffen wird, - eher eine (Eisler/Brecht nicht gerade angemessene) Art von Depression: Das Lied spricht den Faschismus nach 1933 an. Bei Lindenbergs "Anti-Busch-Version" drängt sich mir ein Vergleich mit heute auf.

In seinem Lied "Verlangt Ihr nicht zu viel" singt Udo Jürgens: Wenn Udo Lindenberg, in seinen Frack gezwängt, die Nostalgie benützt, damit er sie verdrängt: ist das nicht genug Vergnügen? (nachzulesen in Sievritts Lied-Song-Chanson. S, 29). Jürgens hat es sicher gut mit Lindenberg gemeint. Für mich steckt jedoch eine vernichtende Kritik an dem Musiker dahinter: Nostalgie wird zur aufgeputzen Masche, um Mangel an eigener Kreativität zu verschleiern. Ich glaube eher, Jürgens huldigt einem unkünstlerischen Verständnis von Nostalgie: Rückbesinnung auf eine vergangene Welt, die sich durch diverse Filterungen als vorbildliche Traumwelt zu entpuppen hat. Lindenberg flieht eben nicht (jedenfalls nicht in allen Songs) in eine heile Traumwelt der Vergangenheit. Er zeigt die Brüchigkeit einer einst lebensfrohen, im geschichtlichen Rückblick jedoch auch widersprüchlichen Epoche, - er zeigt Lebenslust gleichermaßen, wie Untergang.

In diesem Sinne verstehe ich auch das Bild von Matthias Koeppen. Der ehemalige Lust- und Tanztempel "Haus Vaterland" zeigt sich als hohle, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Ruine. Deutlich ist die Berliner Mauer als Symbol der Trennung zu erkennen. Ostberlin grüßt als häßliche Großstadtsilhouette. Der C. D. Friedrich entlehnte Himmel kann konträr als feuerbrünstig, oder als wärmespendend gedeutet werden. Das im Stil der Vorkriegszeit gekleidete tanzende Paar ist in diese Szenerie sichtbar collageartig wie ein Fremdkörper hineingestellt worden. Tanzlust paßt nicht in eine solche Landschaft, es sei denn als dämonischer Tanz in den Abgrund. Oder "tanzen" die beiden garnicht, sondern ringen oder rufen mit verzweifelter Gebärde den "Lieben Gott" an?

Je länger ich über diese Produktion nachdenke, um so mehr bekomme ich Lust, sie (Ton und Bild) demnächst in einer 10. Klasse zur Diskussion zu stellen. Verbaler Sprengstoff ist genug enthalten. Bestimmt werden die Ansichten meiner Schüler mir helfen, den Begriff "Nostalgie" besser zu verstehen. Und umgekehrt.