Für die 6a wurde es richtig spannend

Geglückte Stunden in der Orientierungsstufe: Raus aus der Schule!

(aus: Musik und Bildung 6/94 S. 42 ff)

"Für die 6a wurde es richtig spannend." Unter dieser Schlagzeile auf der ersten Lokalseite berichteten die Lübecker Nachrichten1 von der Endausscheidung beim "Lübecklied"-Wettbewerb. Ein großes Photo zeigte inmitten der dichtgedrängten Zuschauer auf dem Rathausplatz die jubelnden Schüler einer Quinta des Katharineums, als es hieß, sie hätten den zweiten Platz errungen. Dieses überschäumende Glücksgefühl läßt eine geglückte Unterrichtseinheit vermuten. Musikunterricht war auf die Straße gegangen.

Lied im Unterricht: Integrationsfaktor

Ein Jahr zurück: Die Schüler der damaligen Sexta waren neu an unsere Schule gekommen. Nur wenige Kinder kannten einander. Die aus der Grundschule vertraute Bezugsperson wurde durch eine Reihe isoliert voneinander wirkender Fachlehrer ersetzt. Neue Räume, neue Arbeitsmethoden und ein neuer Schulweg mußten erobert werden. Und schließlich war man das jüngste Rad am Wagen und mußte sich auch noch gegenüber den Älteren durchsetzen.

Daß sich hier ein Potential von Unruh und Konflikten verbirgt, liegt auf de Hand. Gerade der Musikunterricht mit seinen Möglichkeiten der menschlichen Begegnung hat diesbezüglich eine besondere Verantwortung. Wie immer versuchte ich zunächst, die mit der neuen Situation verbundenen kommunikativen Spannungen abzubauen und die teilweise erheblich voneinander abweichenden Vorkenntnisse auszugleichen. Bei ersterem kann das Liedsingen insofern helfen, als es Möglichkeiten zu einer gemeinsame Erfahrung von Musik (und damit von sich selbst) eröffnet. Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß durch ein lustvolles und beußtes Singen eine Gefühl für Gemeinschaft sensibilisiert werden kann, ohne zu konformisieren, also Individualität zu beschneiden.

Hier eignen sich v.a. "shout and answer"- bzw. rondoähnliche Songs sowie einfache Strophe-Refrain-Lieder, bei denen sich ein oder zwei Schüler mit dem Tutti der Klasseabwechseln.2 Viel Spaß macht auch das Singen mit ausgelassenen Wörtern. Manche Lieder lassen sich als Konzentrationsspiele singen: Jeder muß der Reihenfolge nach einen Teil der Strophe singen, ohne aus dem Takt zu geraten. Die Teile werden dann immer kürzer, so daß schließlich jeder Schüler beispielsweise nur eine Viertelnote zu singen hat. Der Refrain wird von allen gesungen. Dazu kommen die verschiedenen Formenden der Bewegungsspiele mit den Händen, den Füßen oder mit ganzen Körper. Die Schüler sind dadurch gezwungen, aufeinander einzugehen, können sich jedoch in mannigfaltiger Weise zugleich "solistisch" hervortun.

Lied und Elementarlehre als Lehrgang...

An jedem Lied lassen sich bekanntlich einige elementare Regeln und Strukturen der Musik erklären. Jedes Schulbuch gibt hier gute Anregungen. Es ist jedoch üblicherweise als Lehrgang aufgebaut und leidet unter dem, was Nykrin die "Dazus" nennt.3 Gitarrespielen? - Dazu muß man abererst... Der sachlogischen Stringenz wegen muß man mit elementarsten Übungen und Begriffsdefinitionen anfangen, bevor man zu "richtiger" Musik kommt. Am Anfang steht die Notenlinie, dann kommen Notenschlüssel, Tonhöhe, Vorzeichen, Halbton u.v.m. Die C-, G-, F- usw. Tonleitern müssen erst durchgekaut werden, ehe man zu den Intervallen, schließlich zu den Dur- und Moll-Dreiklängen kommt. Und unversehens entschwebt das darauf aufbauende, faszinierende Spiel mit der Gitarre auf Nimmerwiedersehen. Die vielen kleinen "Dazus" versperren den Blick auf das "Wozu". Jeder Ansatz von Ganzheitlichkeit löst sich zugunsten eines scheinbar logischen Lehrgangs auf (der darüber hinaus auch noch von der lerntheoretischen Seite her in Frage zu stellen ist; Stichwort: spiralförmiges Lernen).

...oder Elementarlehre mitganzheitlichem Anspruch?

Demgegenüber versuche ich, vom Lied in seiner Gesamtheit auszugehen, gerade um das Gefühl der Ganzheitlichkeit zu sensibilisieren. Das beginnt damit, daß ich die Schüler erfahren lasse, daß ein Lied als selbständige Einheit selbst dann erkannt werden kann, wenn man es auf den Rhythmus seiner Melodie reduziert. Wenn ich den Rhythmus der Melodie von Yellow Submarine klatsche, erkennen die Schüler relativ schnell, um welches Lied es sich handelt. Als nächstes wird das Lied einstudiert, wobei ich großen Wert auf gestische Unterstützung oder Percussion-Begleitung lege4. Dabei versuche ich, eine vokale und instrumentale Differenzierung zwischen Strophe und Refrain herauszuarbeiten.

Durch das Hören der Beatles-Version kommen Begriffe wie Vorspiel, Bridge und Nachspiel ins Gespräch. An Hand eines anderen Liedes wie beispielsweise Obladi Oblada gehe ich den umgekehrten Weg, so daß sich am Schluß der charakteristische Sprachrhythmus herausschält. Diesen gebe ich dann - meist etwas linearisiert - vor, um zum Vertonen eines eigenen Liedes anzuregen. Die Kriterien für das Verhältnis von Sprache und Gesang sowie für eine formale Einteilung eines Liedes sind bekannt und können nun auf ein neues Sujet angewendet werden. Ein Klassensong bietet sich an. Zunächst wird besprochen, welche inhaltlichen Aspekte eine Rolle spielen sollen und welche Anspielungen vermieden werden müssen, um niemanden zu verletzen.5

Ein außerschulisches Ereigniswird aufgegriffen

Mitten in diese Arbeit platzte eine Schülerin mit einem Flugblatt herein, in dem die Stadt Lübeck dazu aufrief, anläßlich der 850-Jahr-Feier ein Lübeck-Lied zu komponieren. Die besten acht Lieder sollten auf einer großen öffentlichen Veranstaltung im Rahmen des beliebten Altstadtfestes vorgetragen werden. Dort sollte eine Jury die besten drei Lieder auswählen. Diese Lieder sollten dann im Studio eingespielt und auf einer CD veröffentlicht werden. "Das können wir auch!" war die einhellige Meinung in der Klasse. Ich selber war auf Grund meiner früheren Erfahrungen als Tonmeister in der industriellen Schallplattenproduktion zunächst mehr als skeptisch. Die Enttäuschung, mit den Profis in nahezu jeder Hinsicht nicht mithalten zu können, wollte ich den Schülern ersparen. Kurz und gut: Der jugendliche Elan setzte sich gegenüber dem Alterspessimismus durch. - Wir machten mit!

Sofort entbrannte eine heiße Diskussion darüber, was alles in dem Lied angesprochen werden sollte und welche Stimmungen man vermeiden sollte. Der Lehrer wurde mit seinen Mahnungen immer lästiger und mußte schließlich durch einen Schüler-Diskussionsleiter ersetzt werden. Reizworte wie "Holstentor" und "Sieben Türme" fielen. Allen Beiträgen war deutlich anzumerken, daß die Schüler ihre Stadt lieben.Der Kampf um die Verse Um das Chaos der ersten spontanen Dichtversuche zu überwinden, mußte ich mich wieder in den Vordergrund schieben. Nach vielen Versuchen konnte man sich auf einen generellen Vortragsstil, ein Tempo und einen Sprachrhythmus einigen. Poppig sollte es sein und zum Tanzen und Mitsingen anregen. Experimente am Schlagzeug halfen bei der Entscheidungsfindung. Für Strophe und Refrain sollte aus Gründen des Wiedererkennungswertes der gleiche Rhythmus gelten. Beide sollten sich vor allem durch melodische und harmonische Merkmale unterscheiden.In kleinen Gruppen begann man, Verse auf Grundlage dieses Rhyrhmus zu schmieden. Dabei waren kleine Modifikationen wie Auftakte erlaubt. In dieser Phase wurde der Lehrer, ja beinahe schon die gesamte Schule überflüssig. Pausenzeichen und Aufenthalt in anderen Fachräumen waren kein ernsthaftes Hindernis. Heimlich wurde während des Mathe-Unterrichts unter der Bank weitergedichtet.

Schließlich viele Verse vor, daß sie gar nicht alle verarbeitet werden konnten. Bei der Auswahl mußte der Lehrer wieder "das Feld räumen", und unter Leitung eines Schülers (der - nebenbei bemerkt - im Kollegium auf Grund seiner häuslichen Situation als "Problemfall" galt) wurde die endgültige Anordnung der Verse und Strophen getroffen.

Musik kommt ins Spiel

Nun galt es, diesem Sprachrhythmus eine musikalische Prägung zu geben. Jetzt war endlich der Musiklehrer wieder gefragt. Auf Grund seiner musikalischen Vorkenntnisse bot er Hilfestellungen, indem er eine erste Vertonung am Klavier improvisierte. Die Schüler waren zunächst in keiner Weise beeindruckt: "Das klingt wie ein Kindergartenlied! Die Melodie muß mehr Abwechslung haben". Beim nächsten Versuch waren den Schülern die Töne zu tief, beim dritten zu hoch. Mal waren die Sprünge zu gewagt, mal zu einfach. Nach längerem Hin und Her entstand eine Melodie, die allen als gute Mischung zwischen Bekanntem und Neuem gefiel. Besonders auf die Unterscheidung zwischen Strophe und Refrain legten die Schüler viel Wert. Nach vielen Versuchen war hier klar: Die Strophe konnte melodisch durchaus etwas bewegt sein. Die Melodie des Refrains jedoch sollte eine klare Tendenz zum Emporstreben haben. Schließlich mußte der Lehrer auf eine harmonische Anpassung der beiden Teile dringen, so daß sich einige Kadenzen von alleine anboten. Auch hier spielte das Hörempfinden eine wichtige Rolle. Ohne groß in die Harmonielehre einzusteigen, entwickelten die Schüler nach der "trial and error"-Methode ein sicheres Gefühl für einen spannenden, harmonischen Gesamtablauf. Der Lehrer hatte lediglich die Rolle des Vorschlagenden - die Schüler entschieden.

Der Kompositionsprozeß war damit aber noch nicht abgeschlossen. Den Schülern fehlte eine die Aufmerksamkeit unmittelbar erregende Einleitung. Eine Schülerin erinnerte sich an Schlachtenrufe beim "American Football". Und so entstand der rhythmische Sprechchor, der für die zündende Einstimmung unseres Lübeckliedes sorgte. Schließlich fiel der abrupte Übergang vom Refrain zur zweiten Strophe auf. Hier bot der Lehrer eine zweistimmige Bridge an, die den Schülern auf Grund ihrer Sanglichkeit sofort gefiel.

Als Ergebnis lag ein Lied vor, dessen Werdegang die Schüler im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes in jeder Hinsicht "am eigenen Leibe" erfahren haben. Es zeigte darüber hinaus, wie positiv sich ihre Gemeinschaft entwickelt hatte. Im Endprodukt ist die Leistung des einzelnen kaum noch wiederzuerkennen, entscheidend war der Diskussionsprozess der Schüler untereinander. Die Klassengemeinschaft hat sich sicherlich stabilisieren können. Immer wieder klang es durch die altehrwürdige Schule: "Gib mir'n L,.."

Luebecklied

Musikunterricht überwindet die Schulmauern

Der Musikunterricht wandte sich nun anderen Dingen zu; das Projekt war damit jedoch nicht beendet. Im Gegenteil. Das gemeinsam erarbeitete Lied mußte als nächstes als Demo-Band "magnetisiert" werden. Dazu traf sich die Klasse in meinem als Tonstudio ausgebauten Keller. Ich hatte mit meinen spärlichen Mitteln ein instrumentales Playback vorbereitet, zu dem die Schüler nun mittels Kopfhörer und Mehrspurtechnik singen mußten. Sie konnten dabei hautnah die Möglichkeiten und die Grenzen der Studiotechnik erfahren. Falsche Einsätze und Textfehler wurden ausgebessert, Hall und Filter sorgten für einen geschmeidigen Sound. Das fertige Demo Band wurde dann samt Noten und einem im Musikunterricht entworfenen Begleitschreiben zum Wettbewerbsbüro gebracht. Nach vielen Wochen erhielt die Klasse die Nachricht, daß ihr Lied aus den über vierzig Einsendungen ausgewählt wurde, bei der Endausscheidung der acht besten Lieder teilzunehmen. Nun beherrschte fast nur noch dieses Ereignis den Unterricht. Man beschloß, einheitlich im Schulpullover aufzutreten. Schilder mit den Buchstaben Lübecks wurden fabriziert, um sie in der Einleitung hochzuhalten, und das Lied wurde so geübt, daß jeder Ton "saß".

Nach den Sommerferien war es dann soweit. Auf dem überfüllten Marktplatz traten acht Gruppen an, neben uns ausnahmslos Erwachsene, viele von ihnen professionelle Musiker. Angesichts dieser mächtigen Konkurrenz wurden die Gesichter der Schüler deutlich länger. Was können wir "Kleinen" schon gegen die langjährigen Profis ausrichten? Wir hatten auch im Gegensatz zu vielen anderen nicht ein Playbackband vorbereitet, sondern wollten das Lied ganz schlicht nur mit Gitarrenbegleitung vortragen. Die Moderation durch einen landesweiten Rundfunksender sorgte für weiteres Lampenfieber.

Das Erfolgserlebnis: Schüler setzen sich gegen Erwachsene durch

Als wir an der Reihe waren, ging es nach einem kurzen Interview gleich zur Sache. Mit der Gitarre in der Hand gab ich den Anfangston an und sah in aller Augen ein unbeschreibbares Leuchten: Wir sind die Kleinsten, aber wir werden es den Erwachsenen schon zeigen, daß wir ernst zu nehmen sind. Deutlicher kann sich ein Gemeinschaftsgefühl wohl kaum artikulieren. Hier stand nicht mehr eine Schulklasse auf der Bühne, sondern eine verschworene Gemeinschaft von Kindern, die fest entschlossen war, ihren Platz in der Welt der Erwachsenen zu behaupten. Daß das Lied einst das Thema des Musikunterrichts bildete, war längst vergessen. "Schule" hatte begonnen, sich mit dem "Leben" zu messen.

Das Lied wurde mit einer unvergleichlichen jugendlichen Frische und gleichzeitiger Disziplin vorgetragen, so daß das Publikum restlos begeistert war (die Jury in der ersten Reihe verzog allerdings keine Miene). Der zweite Platz war das stolze Ergebnis. Hier hatten Kinder gezeigt, daß ihre Leistungen denen der Profis ebenbürtig sein können, Individuelle kreative Phantasie und Teamgeist haben diesen Erfolg ermöglicht. Das Selbstbewußtsein eines jeden einzelnen wurde positiv gestärkt, der Klassenzusammenhang deutlich gefördert. Und nicht zuletzt konnte sich das Unterrichtsfach Musik einer sprunghaft gestiegenen Beliebtheit erfreuen.

Mit diesem auch bei den Mitschülern anerkannten Erfolg war die Sache noch nicht abgeschlossen. Den ersten drei Siegern des Wettbewerbs stand eine professionelle CD-Einspielung zu. Dazu wurde ein "Wandertag" in ein Hamburger Tonstudio unternommen. Hier mußten die Schüler nun sprichwörtlich am eigenen Leibe erfahren, wie eine professionelle Musikproduktion abläuft. Was sie anläßlich des Demobandes in meinem Keller "probehandelnd" erfuhren, wurde hier ernst. Die Schüler erfuhren die Bedingungen professioneller Schallplattenproduktion in aller Härte. So manche Illusionen über die musikalische Leistungsfähigkeit der kommerziellen Popgruppen werden sich angesichts der studiotechnischen Möglichkeiten relativiert haben. Andererseits haben die Schüler an sich selbst erfahren, wo die Grenzen technischer Manipulationen liegen. Der Schleier professioneller Musikproduktion hat sich durch den persönlichen Umgang mit ihr ein wenig gelüftet. Und was, wie ich denke, noch wichtiger ist: Mit den Kindern wurde hier nicht "gespielt", sie wurden in jeder Hinsicht ernst genommen.

Fußnoten

1 Lübecker Nachrichten vom 14.9.93

2 Als Beispiele seien genannt: Buenos dias Senor, What shall we do with the drunken sailor, Everybody loves Saturday night, Marmor, Stein und Eisen bricht.

3 Nykrin, Rudolf: Erfahrungserschließende Musikerziehung. Regensburg 1978 S. 182

4 Je nach Vorkenntnissen der Schüler lasse ich den Text mit meiner Hilfe übersetzten und erläutere kurz den fabelhaften Hintergrund dieses Liedes.

5 Meine Beobachtungen allein zu diesem Schritt wären einer gesonderten Darstellung wert. Häufig äußern Schüler den Wunsch. über ihre (meist negativen) Erfahrungen von Schule zu singen. Der Musikunterricht ermöglicht es also, über Schule ästhetisch zu reflektieren. Musikunterricht hilft somit, Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Siehe dazu: Bührig, Dieter: "Schule in der Musik". In: Musik & Bildung 6/92 S. 78 ff.