Maskerade – Ein Liedvergleich: Matthias Reim / Phantom der Oper
(aus: Musik und Bildung 1/91 S. 64 ff)
"Spielen mit Musik" ist eine der großen Säulen der Rockmusikdidaktik. Eine unüberschaubare Flut von Publikationen beschäftigt sich "spielerisch" mit Rock/Popmusik. Dem einen dient der Popsong als motivierender Einstieg in musikalische Grundausbildung, bei dem anderen werden durch handelnden Nachvollzug einer Pop-Produktion Marktmechanismen und Techniken des Arrangements "spielend" erfahrbar.
Über diese Ansätze hinaus hat es mich gereizt, gestützt auf Popmusik auch einmal das Sujet Spiel als Ausdruck menschlicher Grunderfahrungen im Unterricht einer 7. Klasse zu thematisieren. Vom "Spielen" singen viele Popsongs, etwa im Sinne des "Liebesspiels", des "Glücksspiels" oder des "sozialen Integrationsspiels" und des auffordernden "Spiel mit mir!" Ganze LPs und Musicals handeln hiervon (z. B, die LP A Passion Play von Jethro Tull, oder das Musical Chess).
Ein weiterer Bereich ist das Spiel mit fremden Identitäten, um das eigene Innenleben zu verdecken, oder um eigene Wünsche "durch die Blume" artikulieren zu können. Die Maskerade, also das Spiel mit Masken ist ein uraltes Mittel, um Andeutungen zu verbergen oder Verborgenes anzudeuten. Gerne schlüpft man spielerisch in die Maske eines anderen Charakters, um seinen eigenen zu finden. Nach meinen Beobachtungen scheint dieses Spiel die Pubertät zu begleiten - Grund genug, es im Musikunterricht der 7. bis 9. Klasse zu behandeln. Die beiden vorliegenden Musikbeispiele bringen Aktualität ins Spiel. Die folgenden Ausführungen verstehen sich weniger als ein "methodisch aufbereitetes Unterrichtsrezept", denn als "grober didaktischer Impuls".

Eine Diskussion über das Bild "Maskerade" von Karl Hofer (1922) führt in das Unterrichtsthema ein. Eigentlich steht die Figur des Clowns für Spaß, Witz, Fröhlichkeit und Lebensbejahung. Hofers Bild entlarvt jedoch die andere Seite - scheint hinter die "lustige" Maske zu schauen, wenn der Vorhang gefallen ist, das "Spiel aus ist". Maske und Verkleidung verdecken nichts mehr , melancholische Schwermut, Hilflosigkeit, Resignation und Zweifel prägen die Gesichter. Die Diskussion zeigt, daß den Schülern das Doppelleben der Masken durchaus nicht fremd oder befremdlich erscheint,
In der nächsten Unterrichtsphase werden die beiden Hörbeispiele vorgestellt. Infolge der vorangegangenen Bildbetrachtung konzentriert sich die Erörterung des ersten Höreindrucks auf den Widerspruch von Schein und Sein- Reims Maskenball klingt mitreißend, der Sound ist von Synthesizern und Rhythmus-Computern geprägt das Stück wirkt eigentlich schwungvoll und lebensbejahend, wären da nicht der klar zu verstehende pessimistische Text, die rauhe, etwas abweisende Stimme von Matthias Reim und der klagende improvisatorische Gesang der Frauenstimme. Der "schlagerhafte" Diskosound scheint nicht zum Text zu passen.
Eine genauere Textanalyse ergibt: Reim spricht offen, nicht "durch die Blume". Es ist verlogen, zu sagen, man stehe sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. In Wirklichkeit erlügt jeder seine ihm passend erscheinende Maske, um "Geborgenheit" zu suggerieren. Mehr noch: mittels der Maske versucht man, mehr zu scheinen, als man ist. Die Maske ist wie ein Spiegel, der viel verspricht, doch gar nichts hält. Übrig bleibt das Gefühl, vor einer "Wand aus Eis" zu stehen, die jede echte Beziehung zugrunde richtet.
Andrew Lloyd Webbers Musik wirkt, wie man es von einem Musical auch erwartet: viel theatralischer. Sie steckt voller klanglicher Effekte, ist detailreicher arrangiert und bezieht Solo- wie Chorgesang ein. Das Spiel der Masken ist hier echt, da bühnengebunden, gewissermaßen eine Metaebene der Maskierung: Auf der Bühne wird "Bühne" gespielt. Die Sprache des Liedes ist überaus blumenreich, voller Anspielungen. Zum besseren Verständnis dieses Songs wird er, nachdem der Text übersetzt wurde, in den dramaturgischen Zusammenhang gestellt. Die Schüler erkennen, daß hier "maskiert" wurde, um von Sorgen abzulenken, um Gedanken an eine Katastrophe herauszuzögern. Jeder bedient sich einer Maske, "um nicht gefunden zu werden". Jeder versucht, die "Ent-Deckung" seines Gesichts hinauszuzögern. Es wird nichts helfen, denn letztlich "verfolgt Dich Dein Gesicht, Dein wahres Sein". Man wähnt sich geborgen, doch auf dem Höhepunkt des scheinheiligen Trubels kommt der Rückschlag: Das Phantom der Oper existiert - ja, es stellt unbarmherzig seine Forderungen.
Ein Rückgriff auf das Bild von Hofer rundet die Diskussion ab. Das wichtigste scheint mir gelungen: Widersprüche wurden benannt - sie lösen. wird nicht Aufgabe des Musikunterrichts sein. Einige Schüler verdammen die Scheinheiligkeit, die hinter Maskeraden steckt, andere empfinden so etwas wie "Mit-Leid". Zu hoffen bleibt, daß sich der eine oder andere bestenfalls der Existenz seiner Maske bewußt wird, vielleicht sogar die Maskierung anderer tolerieren lernt.
Maskenball
All die Schatten der Vergangenheit
die soviel Licht entzieh'n -
all die Träume gingen viel zu weit.
Fiktionen ohne Sinn -
und was immer ich auch tu
im Mittelpunkt stehst Du,
wir tanzen auf dem
Maskenball - im Taumel der Verlogenheit ,
Maskenball und glauben an Geborgenheit.
Du, ich habe es schon mal erlebt
und kenne das Gefühl:
ganz allein vor einer Wand aus Eis
als der Vorhang fiel,
Und jetzt steh'n wir wieder Hand in Hand
im leeren Theatersaal.
Wir sind Spieler unter Publikum
und spiel'n das Spiel nochmal.
Was immer ich auch tu',
im Mittelpunkt stehst Du,
wir tanzen auf dem
Maskelball - im Taumel der Verlogenheit ,
Maskenball und glauben an Geborgenheit ,
Maskenball - von Angesicht zu Angesicht ,
Maskenball - diese Wahrheit gibt es nicht,
Maskenball Spiegelbilder Deiner Welt,
Maskenball - die viel verspricht, doch gar nichts hält,
Maskenball - ich hab' das schon mal erlebt -
ich hab' das schon mal erlebt.