Das Musical – Von der "musical comedy" zum Gesamtkunstwerk

(Auszüge aus: Dieter Bührig: Musical. Thema Musik. Klett-Verlag Leipzig 1999)

Schmelztiegel der Nationen

In den fast 100 Jahren, in denen Musicals geschrieben und aufgeführt worden sind, hat sich eine große Vielfalt bei dieser Art von Musiktheater entwickelt.
Der Grund dafür ist in der geschichtlichen Entwicklung des Musicals zu suchen. Das Wort stellt eine Kurzform für „musical comedy“ oder „musical play“ dar und beschrieb ursprünglich eine amerikanische Gattung des musikalischen Unterhaltungstheaters. In New York, dem riesigen Schmelztiegel unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen, Hautfarben, Konfessionen und sozialen Schichten, bildete sich um 1900 diese beliebte Art des unterhaltenden Musiktheaters.
Viele Nationalitäten brachten eigene Elemente ihrer jeweiligen Unterhaltungskunst auf die Bühne: Die Wurzeln von Swing und Jazz stammten von den Schwarzen. Die anglikanischen Einwanderer steuerten witzige Revuen bei. Aus Wien und Paris kam der Einfluß der Operette. Der Westen des Kontinents lieferte turbulente Wild-West-Shows. Bald traten Akrobaten, Pantomimen und Zauberkünstler aus allen Ländern der Welt auf. Je exotischer und abwechslungsreicher eine Show war, desto mehr Erfolg hatte sie. Tanzeinlagen, Kostüm-Ausstattung und technische Bühneneffekte wurden immer wichtiger.
Mittelpunkt dieser Entwicklung wurde der Broadway mit seinen Seitenstraßen. In diesem Unterhaltungsviertel war die Konkurrenz besonders scharf, so daß die Qualität der Shows immer mehr stieg. Bald war es soweit, daß der Erfolg am Broadway über die weitere Existenz eines neues Musicals weltweit entschied. Jahrelang gespielte Musicals wie „The Wizard Of Oz“ (1903), „Lady, Be Good!“ (1924), „Showboat“ (1927), „Oklahoma“ (1943) oder „Annie Get Your Gun“ (1946) wurden hier uraufgeführt.

Ein Meilenstein: Das Film-Musical

Die Entwicklung des Tonfilms in den 30er Jahren machte das Musical weltweit populär. Sehr schnell erkannten die mächtigen Filmproduzenten von Hollywood, daß sich das „musical play“ gut in das neue Massenmedium einbeziehen ließ. Zwischen New York und Hollywood begann ein lebhafter Ideenaustausch: Broadway-Erfolge wurden verfilmt und Filme dienten als Musical-Vorlagen für die Bühne. Musicals wie „Lady, Be Good!“ (Film 1941), „Show Boat“ (Film 1951) oder „Oklahoma“ (Film 1955) feierten erneut Erfolge.  Sie erreichten nun in den Kinos massenhaft Zuschauer selbst in den entlegensten Orten.
Die neuen Möglichkeiten der Filmtechnik belebten das Musical. In jeder Beziehung konnte mehr Perfektion erzielt und eine üppigere Ausstattung präsentiert werden, als es selbst die teuerste Bühnenproduktion vermochte.
Nichts blieb mehr dem Zufall der Life-Aufführung überlassen. Realistische Landschaftsbilder ersetzten das Illusionstheater. Rasche Szenenwechsel waren möglich, und Nahaufnahmen ließen beim Kinobesucher den Eindruck entstehen, sie würden in der ersten Reihe des Theaters sitzen.
Die Zusammenarbeit von Hollywood und New York sicherte den finanziellen Erfolg großer Musical-Produktionen. Es entstand eine mächtige Unterhaltungsindustrie, die den Vergleich mit der industriellen Großproduktionen nicht scheuen brauchte. Das Musical wurde zur „Handelsware“. Einfache und einprägsame Songs, Witz, Aktionen, kostspielige Ausstattung, akrobatische Tanzkünste und technische Effekte bewirkten eine abwechslungsreiche Unterhaltung, so daß das Musical im Theaterleben eine wichtige Rolle zu spielen begann.

Der Wendepunkt zum Dramatischen: „West Side Story“

Gesellschaftskritik und Generationskonflikte gehörten in diesen Musicals zu den Randerscheinungen. Vor allem die Jugend, die natürlicherweise ganz andere Fragen an die Musik hatte, wandte sich zeitweise immer mehr von dieser Form des Show-Business ab. Ihre Probleme und ihre Musik waren auf den Musical-Bühnen nicht vertreten, bis es 1958 ein Komponist wagte, die Probleme der Großstadtjugend auf die Bühne zu bringen. Mit Leonard Bernsteins „West Side Story“ begann die Gattung Musical „ernste“ Stoffe zu verarbeiten, was bislang ausschließlich der Oper vorbehalten war. Harte Klänge der Jazz- und Rockmusik paßten zu den teilweise aggressiven Tänzen.
Bislang bestand die Musik zu den Musicals nur aus einfachen, unterhaltsamen und nicht miteinander zusammenhängenden Songs, die in die Dialoge eingeschoben wurden. Leonard Bernstein verwendete nun die in der Oper entwickelte Technik der „Leitmotive“. Musikalische Motive und Melodien wurden den jeweiligen Personen und Stimmungen zugeordnet, wodurch sich das Bühnengeschehen in der Musik widerspiegelte.

Rock/Pop auf der Theaterbühne: „Hair“ und „Jesus Christ Superstar“

Während der experimentierfreudigen Phase der Rock- und Popmusik gegen Ende der 60er Jahre - Ereignisse wie Woodstock, Hippie-Kultur, Psychedelic Rock, Underground-Musik, Studentenbewegung usw. fallen in diese Zeit - beeinflußten die neuen Klänge und Ideen auch das Musiktheater und „verjüngten“ es. Mit dem 1967 uraufgeführten Musical „Hair“ öffnete sich das Genre Musical radikal der Jugend: Jugendprobleme wurden ähnlich der „West Side Story“ von Jugendlichen in deren damaligen musikalischen Sprache einem nahezu ausschließlich jugendlichen Publikum vorgeführt.
Eigens eingebaute Mitspielszenen brachen die Barriere zwischen Darsteller und Zuschauer auf. Das Musiktheater verwandelte sich in ein „Open-Air-Festival“. Jeder konnte mitsingen und mittanzen. Auch der musikalische Stil und das Instrumentarium hattte sich angepaßt: Orchester- und Jazzelemente verschwanden zu Gunsten aktueller Rockmusik.
Bezüglich der Kompositionsweise zeichnete sich eine neue Tendenz ab. Obwohl Leonard Bernstein in der „West Side Story“ mit seiner Leitmotivtechnik für einen musikalischen Gesamtzusammenhang gesorgt hatte, verzichtete er nicht auf aktionsgeladene Dialoge, die dem „natürlichen“ Sprachstil entsprechen. Mit Musicals wie „Jesus Christ Superstar“ (1971) von Andrew Lloyd Webber wurde das anders: Wie in vielen großen Opern wird hier durchgehend gesungen. Sprechdialoge gibt es nicht mehr. Die Musik schafft einen lückenlosen Zusammenhang. Die Zeit der „musical comedy“ war endgültig vorbei.

„Das Phantom der Oper“: Oper oder Musical?

Die Handlung des 1986 uraufgeführten Musicals „Das Phantom der Oper“ spielt in dem verwinkelten Bau der Pariser Oper und ist eng verbunden mit der Gattung der Oper. So lag es für den Komponisten A. L. Webber nahe, seine Musik im „Opernstil“ zu schreiben. Als Beispiel soll hier das Lied „Engel der Lieder“ dienen.
Die am Anfang des Kapitels festgestellte Stilvielfalt darf nicht mit „Silmischmasch“ verwechselt werden. Ein Musical-Komponist greift zwar je nach dramatischer Situation auf einen Stil zurück, der seiner Meinung nach die inhaltliche Situation am besten widerspiegelt. Er übernimmt ihn jedoch nicht wörtlich, sondern filtert gewissermaßen einige wesentliche Bestandteile heraus, um sie im Lichte der eigenen Musiksprache zu verarbeiten.
Das „Phantom der Oper“ ist hierfür ein Beispiel. Das Musical ähnelt dem Gebäude der Pariser Oper: Ein Labyrinth, welches trotz seiner Vielschichtigkeit ein stilistisches Ganzes bewahrt.
Vieles in diesem Musical ist der „E“-Musik entlehnt. Das beginnt mit kompositorischen Details der Leitmotive, thematisiert die Ausbildung einer Opernsängerin, bringt regelrechte Opernszenen als „Bühne innerhalb der Bühne“ ins Spiel und endet bei der formalen Gesamtanlage. Insbesondere übernimmt  Webber die klassischen Formen Arie und Rezitativ.
 

Im Mittelpunkt des Musicals „Les Misérables“ von Claude-Michel Schoemberg und Alain Boublil (Uraufführung 1980 in Paris) stehen die Pariser Straßenaufstände von 1832. In dieser Szene ist auf der Bühne eine Revolutionsbarrikade aufgebaut - eines spontanen revolutionären Aufbegehrens des Volkes. Barrikaden werden in derartigen Situationen schnell und notdürftig aus Möbeln, Steinen, Fahrzeugen und allem Verfügbaren zusammengestellt. So scheint nicht schwer zu sein, auf einer Bühne einen Haufen von Sperrmüll zu einer Barrikade zusammenzustellen.
Doch der Schein trügt. Um allein diese Szene zu realisieren, bedarf es einer raffinierten und aufwendigen Bühnentechnik, einer guten Ton- und Lichttechnik, einer minutiös ausgearbeiteten Bühnenregie und vielem mehr, was dem normalen Zuschauer verborgen bleibt. Erst eine perfekte Organisation und das Zusammenspiel zahlreicher Mitarbeiter ermöglichen den reibungslosen Ablauf der täglichen Aufführungen.

Die Dresser

Die Arbeit der 17 Dresser beginnt bereits am frühen Nachmittag mit der Aufarbeitung und Pflege der 750 Kostüme, die in jeder Vorstellung benötigt werden. Waschen und Bügeln gehört genauso zu den Aufgaben dieser Abteilung wie kleine Ausbesserungen. Vor der Vorstellung werden dann alle benötigten Kostüme hinter der Bühne bereitgelegt.
Um die Arbeit zu erleichtern und die Kostümumzüge zu beschleunigen, liegen die Kostümteile nach einer speziellen Ordnung immer am selben Platz. Wie wichtig diese Zeitersparnis sein kann, wird deutlich, wenn man bedenkt, daß einige Darsteller bis zu 20 mal während einer Show ihr Kostüm wechseln. Dabei ist die Hilfe der Dresser unentbehrlich. Bei einigen Szenenwechseln hilft allerdings nur noch ein Trick: die Darstellerinnen, die in den ersten sieben Szenen als Fabrik- und Landarbeiterinnen sowie als Straßenmädchen auftreten, tragen alle drei komplette Kostüme übereinander Bei diesem »Zwiebellook« helfen die Dresser ihnen zur Abwechslung nicht beim Um- sondern beim Ausziehen. Nach der Vorstellung, wenn die Zuschauer längst das Theater verlassen haben, sind die Dresser immer noch bei der Arbeit: sie überprüfen jedes Kostüm und notieren selbst kleinste Schäden, damit am nächsten Tag alle notwendigen Reparaturen ausgeführt werden können.

Die Kostüme

Eine Augenweide ist das filigrane Hochzeitskleid von Cosette. Rund 100 Arbeitsstunden und 15 verschiedene Stoffarten, u.a. feinste Spitzen und Plissee Tuche, wurden zur Anfertigung dieses Kostüms benötigt. Die Uniformen der Männer sind nach historischen Vorlagen entworfen worden. Die Kostüme einer weiblichen Darstellerin umfassen mitunter mehr als 70 Einzelteile wie Röcke, Stolen, Jacken, Korsagen, Hüte, Hauben und Schürzen.
Verantwortlich für die 1500 Kostüme im Fundus ist der Leiter der Kostümabteilung. Seine Assistentin, zwei Gewandmeister und acht Schneider sind mit Neuanfertigungen, Änderungen und Reparaturen in der hauseigenen Werkstatt beschäftigt. Damit die zerschlissenen Bettlergewänder und die Sträflingsanzüge wirklich alt aussehen, bedarf es einer speziellen Behandlung: Während die Kostümmalerin die hochwertigen Naturstoffe zunächst färbt, dann bleicht, um sie daraufhin erneut zu bemalen, werden anschließend edle Textilien wie z.B. Bourrettseide eingerissen und zerfetzt. Eine Käsereibe und Sandpapier sind das entsprechende Werkzeug, das die neuen handgefertigten Schuhe ausgetreten aussehen läßt. Anschließend werden sie patiniert.
Wenn die kleine Cosette das Wirtshaus der Thénardiers fegt, ein Stuhl maßgenau zu Bruch geht oder der revolutionäre Student Enjolras auf den Barrikaden die blutrote Fahne schwenkt - immer hatten die acht Mitarbeiter von der Requisite ihre Hände im Spiel. Über 500 Einzelteile, von Geldmünzen, Puppen und Tafelsilber bis hin zu Barrikadenteilen, werden in der Requisite präpariert und bei Bedarf neu angefertigt.
Das Stöbern auf Flohmärkten und in Antiquariaten gehört ebenso zu den Aufgaben dieser Abteilung wie das Überprüfen der Hand- und Spielrequisiten und die Kontrolle der Bühnendekoration und des Bühnenbildes vor jeder Vorstellung. Natürlich sorgen die Requisiteure auch dafür, daß die Darsteller allabendlich vor gedeckten Tischen sitzen können, - egal, ob Lachs, Hochzeitstorte oder Austern aus Pappmache und Kunststoff serviert werden oder der Bischof von Digne beim kargen Abendessen frisches Brot mit Jean Valjean teilt. Aber auch nach Beginn der Vorstellung ist der Einsatz der Requisiteure unentbehrlich: während auf dem vorderen Teil der Drehbühne die Zuschauer von den Darstellern in Bann gezogen werden, sind auf dem hinteren Teil die Vorbereitungen für die nächste Szene bereits in vollem Gange. Außerdem ist die Requisite die Erste-Hilfe-Station des Theaters: in Notfällen wird mit einem Pflaster oder einer Kopfschmerztablette ausgeholfen.

Die Maske

Die Geschichte von „Les Misérables“ umfaßt einen Zeitraum von 17 Jahren. Für die Maskenbildnerin und ihre sechs Mitarbeiterinnen ist dies eine Herausforderung. Jean Valjean zum Beispiel benötigt in jeder Vorstellung vier Perücken, um seinen Alterungsprozeß sichtbar zu machen, aber auch Madame Thénardier, Javert und viele andere Darsteller müssen während der laufenden Show umgeschminkt und neu ausgestattet werden.
Eine unkonventionelle Lösung wurde für diese schnellen Wechsel im Fall von Fantine gefunden, die in einer Szene ihre langen Haare verkauft. Um in kürzester Zeit den Perückenwechsel zu schaffen, schlüpft eine Mitarbeiterin der Maskenabteilung selbst in ein Kostüm und wechselt im Hintergrund der Bühne die blonde Haarpracht gegen eine Kurzhaar-Perücke.
Insgesamt 45 Perücken werden für eine Vorstellung gebraucht, und jede von ihnen ist eine Maßanfertigung. Dafür wird vom Kopf jedes einzelnen Künstlers ein Gipsabdruck genommen, nach dessen Maßen dann aus Gazestoff eine perfekt passende Rohform für die Perücke genäht wird. Etwa 90000 Haare werden in 40 Arbeitsstunden von Hand auf diese sogenannte Montur geknüpft. Auf ähnliche Weise entstehen auch Bärte und kleinere Haarteile, die unter anderem in Hüte und Kappen eingenäht werden.
Sowohl für die Perücken als auch für das Make Up gilt: Natürlichkeit ist Trumpf! Bei „Les Misérables“ bedeutet das, daß die Darsteller nicht nur schön, sondern auch alt und häßlich geschminkt werden, denn schließlich verkörpern sie in vielen Szenen abgehärmte Sträflinge, Arbeiter oder Straßenmädchen. So verwandelt sich der Darsteller von Monsieur Thénardier mit Hilfe von schwarzer, wasserfester Farbe und genau gesetzten Schattierungen in einen fast zahnlosen, alternden Wirt.
Wie von Geisterhand bewegt fahren die Barrikaden auf die Bühne. Wer den Kampf zwischen den Studenten und den französischen Regierungstruppen auf diesem 3,5 Tonnen schweren Bühnenteil im Theater erlebt, der ahnt nicht, daß sich im Inneren der mit Holz kaschierten Stahlkonstruktion eine Computer- und Funksteuerung befindet. Drahtlos bewegen sich die Barrikaden auf Schienen über den Bühnenboden: Gefahren werden sie von einem Pult aus, das einer der vier Bühnentechniker bedient. Zwei weitere sind dafür verantwortlich, daß auf der Bühne auch alle Abläufe nach entsprechenden Sicherheitsvorschriften ablaufen.
Wenn Jean Valjean und Marius in die Kanalisation fliehen, muß die Funktionsfähigkeit der Falltür und des Hubliftes in der Unterbühne gewährleistet sein. Der vierte Mann ist für die Steuerung der Obermaschinerie zuständig, deren 51 Züge sich auf dem sogenannten Schnürboden befinden: Die „Handkonterzüge“ werden nach guter alter Theatertradition manuell bewegt, während die Züge, an denen die Vorhänge und Lasten aufgehängt sind, elektronisch angetrieben sind. Bis zu 1,5 Tonnen kann ein solcher Zug als Last tragen.
Das Herzstück der 250 Quadratmeter großen Bühne ist die zweiteilige Drehbühne mit einem Durchmesser von zehn Metern. Eine Herausforderung für die Bühnentechniker und das Ensemble ist es, die Schrittgeschwindigkeit der Darsteller und die Drehgeschwindigkeit der Bühne aufeinander abzustimmen. Hier sind Präzision und Stabilität als wesentliche Eigenschaften gefragt: Die Schienen der Scheibe müssen einen exakten Übergang mit den fest installierten Barrikaden-Schienen im Boden bilden. Zu dem immensen Gewicht der Barrikaden kommt noch die 300 Kilogramm schwere Brücke hinzu, die die Drehbühne ebenfalls tragen muß. Durch die unzähligen Szenenwechsel werden die Zuschauer in eine Welt mit einzigartiger Atmosphäre versetzt. Die Verantwortung dafür tragen die beiden Bühnenmeister mit ihrem achtköpfigen Team. Über mehrere Monitore verfolgen sie gewissenhaft das sich ständig verändernde Geschehen auf der Bühne.

Der Ton

Die Aufgabe der sechs Mitarbeiter der Tontechnik ist es, immer den richtigen Ton zu treffen. Bereits zwei Stunden vor der Show machen sie einen Soundcheck, überprüfen die Mischpulte und die kleinen Mikrophone der Darsteller. Diese sogenannten Mikroports sind in den Perücken oder am Kopfputz versteckt und durch ein Kabel mit einem hochempfindlichen Sender im Kostüm verbunden. Drahtlos werden die Signale zu den insgesamt 70 Eingangskanälen der beiden Mischpulte weitergegeben, an die auch die 46 Mikrophone der Musiker im Orchestergraben angeschlossen sind.
Bei jeder Vorstellung mischen die Toningenieure aus diesen Signalen ein Klangbild, regeln Lautstärke und Höhen und Tiefen. Über 28 Verstärker und 20 Kilometer Lautsprecherkabel wird dieses Klangbild an 83 Lautsprecher weitergegeben, die nach einem ausgeklügelten System im Theatersaal verteilt sind, um auf jedem Platz ein optimales Hörerlebnis zu garantieren. Auch für die Koordination der einzelnen Abteilungen während der Vorstellung trägt die Tontechnik die Verantwortung: Eine spezielle Kommunikationsanlage mit 34 Sprechstellen ermöglicht den Kontakt aller an der Show beteiligten Mitarbeiter.

Das Orchester

Rechtzeitig vor Vorstellungsbeginn spielt sich das Orchester in separaten Räumen hinter der Bühne ein. Kurz bevor sich dann der Vorhang hebt, nehmen die 25 Musiker im Orchestergraben vor der Bühne Platz. Das Orchester setzt sich zusammen aus einer Rhythmusgruppe, bestehend aus zwei Keyboards, Gitarre, E-Bass, Drums und Percussion, sowie einer klassischen Streicher-, Holz- und Blechbläserbesetzung.
Zu den Besonderheiten der Instrumentation gehört, daß der Gitarrist überwiegend auf einer klassischen Gitarre spielt, die ein wesentliches Merkmal der Balladen darstellt. Durch den Einsatz von drei Trompeten, zwei Hörnern und einer Bass-Posaune, unterstützt durch gesampelte Blechbläserklänge auf den beiden Keyboards, kommen vor allem die Fanfaren in den Barrikadenkämpfen des 2. Aktes sehr gut zur Geltung.
Die Verwendung der Holzblasinstrumente steht häufig in direktem szenischen Zusammenhang. So untermalen Oboe und Englischhorn die vielen melancholischen Momente. Das Alt-Saxophon unterstützt den skurillen Charakter des M. Thénardier, die Piccolo-Flöte überstrahlt die Fanfaren während der Barrikadenkämpfe.

Die Kinder

Der Flur im ersten Stock des Musicaltheaters gleicht einer fröhlichen Galerie. Zeichnungen und bunte Collagen weisen den Weg zum Reich der Kinderdarsteller. 25 kleine Schauspielerinnen und Schauspieler teilen sich die drei Kinderrollen in dem Musical, - schließlich sollen Schule und Freizeit nicht zu kurz kommen. So steht jedes Kind höchstens zweimal in der Woche auf der Bühne.
Sowohl in der Probenphase als auch vor und während der Vorstellungen werden die Kinder fachkundig begleitet. Ausgebildete Erzieherinnen stehen den kleinen Darstellern überall im Theater zur Seite und achten darauf, daß das Lampenfieber nicht zu groß wird. Die Vorbereitung vor der Vorstellung gleicht haargenau dem Arbeitsablauf der „großen“ Kollegen: nachdem die Dresserin beim Kostümanziehen geholfen hat, geht's in die Maske. Hier dürfen die Theaterkinder etwas tun, was sonst nicht so gern gesehen wird: sie können sich richtig schön dreckig machen - allerdings mit Hilfe von spezieller Schminke und einer Mitarbeiterin der Maskenabteilung, die dafür sorgt, daß aus den kleinen Darstellern Straßenkinder werden. Als kleine Eponine stehen Catrin, Katharina, Julia, Jennifer, Barbara, Kyra-Katharina, Olivia, Fiona, Vanessa und Isabelle auf der Bühne. Sonja, Kerstin, Lena, Katharina, Katja und Pia-Alice teilen sich die Rolle der kleinen Cosette. Als Gassenjunge Gavroche treten Tim, David, Daniel, Markus, Matthias, Karsten und Felix auf.

Das Theater

27000 Kubikmeter Erdreich mußten bewegt werden, damit auf dem 8700 Quadratmeter großen Grundstück das Musicaltheater mit 1550 Plätzen entstehen konnte. Verbaut wurden 8200 Kubikmeter Stahlbeton, 40 000 Kubikmeter Betonschalung, sowie 1300 Tonnen Baustahl. 250 Kilometer Kabel wurden verlegt, 35000 Quadratmeter Anstrichsfläche geschaffen, 8000 Quadratmeter Teppichboden aufgebracht oder 3670 Leuchten der unterschiedlichsten Art montiert. Das Ergebnis dieser Arbeit ist ein Theater mit einem Volumen von 69000 Kubikmetern, einer 350 Quadratmeter großen Bühne, mit zwei Seitenbühnen von 350 und 120 Quadratmetern, einem Bühnenturm von 28 Metern Höhe, sowie einem Bühnenportal von 8 mal 20 Metern. Als Besonderheit muß erwähnt werden, daß kein Sitzplatz weiter als 30 Meter von der Bühne entfernt liegt.
Um in der Lage zu sein, dem Publikum das in jeder Hinsicht Bestmögliche zu bieten, war vor allem eine Bühne erforderlich, die sich mit Hilfe modernster Technik in Licht, Ton und Maschinerien in einen wahren „Zauberkasten“ verwandeln läßt. Ebenso muß bereits bei der Planung der spätere Theaterbetrieb im Auge behalten werden. Backstage, also hinter der Bühne, müssen alle Möglichkeiten geboten sein, die aufwendige Musicalproduktion dem Publikum jeden Abend wie neu zu präsentieren. Hinzu kommen die Foyers mit ihren Service-Einrichtungen für die Besucher. „Unterhaltung vom feinsten möchte ich bieten, präsentiert in einer perfekten Show, und zwar so, als sei jeden Abend aufs neue Premiere“ lautet die Devise des Unternehmers.

Das Stage Management

Ohne das Kommando des Stage Managements läuft während der Aufführung von „Les Misérables“ nichts. Von der Seitenbühne aus hat das achtköpfige Team dank Infrarotkameras den optimalen Blick auf die Hauptbühne. Mit Hilfe von Monitoren verfolgen die „Manager“ aber auch das Geschehen im Orchestergraben, in der Unterbühne und auf dem Schnürboden. Das Stage Management kann mit dieser technischen Ausstattung selbst bei tiefster Dunkelheit alles genau beobachten.
Dieser „Röntgenblick“ ist Voraussetzung, um Sicherheit für alle an der Show Beteiligten zu garantieren. Der sogenannte „callende“ Stage Manager gibt über eine Funkanlage mehr als 320 Befehle pro Vorstellung, sogenannte Cues, an den Ton, die Beleuchtung, die Requisite sowie die Bühnentechnik. Ein umfangreiches Regiebuch mit allen szenischen, technischen und musikalischen Cues dient ihm als Vorlage für diese verantwortungsvolle Aufgabe. Erhalten der Bühnentechniker und der Beleuchter nicht diese Anweisungen, so öffnet sich keine Falltür und die Barrikaden bleiben im Dunkeln.
Das Stage Management ist jedoch nicht nur der Dirigent der Technik, sondern koordiniert ebenso die Regieanweisungen für die Darsteller mit der Musik und den Umbauten. Am Tage erstellt diese Abteilung ausgefeilte Pläne für die Proben, die sie ebenfalls betreut, für Make-up-Calls (Schminkunterricht) und für Kostümanproben. Hierfür sind eine gute Zusammenarbeit und Abstimmung mit allen Bereichen hinter den Kulissen unerläßlich. Die Pflichten des Stage Managements gehen weit über die Aufgaben eines Inspizienten an einem herkömmlichen Theater hinaus.

Weitere Berufe

Die hohen Besucherzahlen können nur durch ein modernes Kartenvertriebssystem erzielt werden. Allein beim Karten-Management sind rund 200 Mitarbeiter für den telefonischen Buchungsservice zuständig. Hinzu kommen Werbefachleute für die Bus- und Reisebürounternehmen, Medienbetreuer und Mitarbeiter für eine hauseigene Werbezeitschrift.

Wie wird man Musical-Darsteller?

Ein Musical-Interpret muß ein Allround-Talent sein: er muß gleichzeitig gut singen, tanzen und schauspielen können. In sofern hat er es schwerer als viele seiner Opern-Kollegen, die in der Regel getrennt nach Ballett, Chor und Sologesang ausgebildet werden.
Um für eine Musical-Produktion aufgenommen zu werden, muß man sich einer „Audition“ unterziehen. Die Bewerber müssen vor einer Jury vorsingen, -tanzen und -sprechen. Die Ansprüche sind sehr hoch, und - wie der Ausschreibungstext zu einer Audition beweist - die Rollenerwartungen werden nach genauen Kriterien festgelegt.
Für das Musical „Die Schöne und das Biest“ beispielsweise haben sich mehr als 500 Künstler für die 40 Rollen beworben. Innerhalb einer Marathon-Sitzung von sechs Tagen wurden die 90 Besten ausgewählt.

Revue oder durchkomponiertes Musik-theater?

Die Musik der frühen Musicals war so komponiert, daß einfach aufgebaute Songs in den Handlungsablauf der gesprochenen Dialoge eingeschoben wurden. Eine weitergehende Beteiligung der Musik am dramatischen Geschehen gab es nicht. So waren diese Musicals, vor allem die Hollywood-Verfilmungen, dem Revuetheater sehr ähnlich.
Doch spätestens mit der „West Side Story“ nehmen viele Musicals deutlich Abstand vom reinen Unterhaltungstheater. In Musicals wie beispielsweise „Jesus Christ Superstar“, „Evita“, „Das Phantom der Oper“, „Sunset Boulevard“, „Les Misérables“ oder „Elisabeth“ gibt es kaum noch gesprochene Dialoge. Stattdessen wird ähnlich den großen Opern die dramatische Handlung von Rezitativen, Arien, Ensemblesätzen und Chorstücken getragen.
Das musikalische Zitat und die Technik der Leitmotivik helfen, den äußeren und inneren Handlungsablauf miteinander zu verweben. Indem diese Musicals bewußt an Traditionen, wie sie aus der „klassischen“ Musik bekannt sind, anknüpfen, sind sie zu durchkomponierten Musiktheaterwerken geworden.

Liebesszene im Vergleich

Das 1989 uraufgeführte Musical „Miss Saigon“ ist ein weiteres Beispiel für die Gattung des durchkomponierten Musicals. Nachdem das französische Autorenteam Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Text) 1985 mit dem Musical „Les Misérables“ erfolgreich eine weltbekannte Romanvorlage in Musik umgesetzt hatten, nahmen sie sich hier einer literarischen Vorlage an, die bereits 1904 den italienischen Komponisten Giacomo Puccini zu seiner Oper „Madame Butterfly“ inspiriert hatte. Hier knüpft also ein Musical bewußt an eine „klassische“ Oper an und entdeckt in dem Stoff eine neue Aktualität.
Diese Traditionen beziehen sich nicht nur auf musikalische Merkmale sondern auch auf die Darstellung der jeweiligen Landessitten.

Ein Musical voller Leitmotive

In den großen Opern werden die dramatischen Zusammenhänge meist mit musikalischen Leitmotiven verdeutlicht. Dies kann ein Motiv oder eine Melodie, aber auch eine markante Harmonie oder ein auffälliger Rhythmus sein. Es wird einer Person, einer Sache oder einer Idee zugeordnet, kann auftretende Personen ankündigen, musikalisch untermalen oder indirekt kommentieren. Dabei wird das Leitmotiv der psychologischen Situation entsprechend variiert.
Häufig bündelt der Komponist diese Motive im Finale einer Oper zusammen. Dies gilt für Puccinis „Madame Butterfly“ ebenso wie „Miss Saigon“.
1. Das „Sechzehntel“-Motiv
Das Musical beginnt mit einem aus fünf Sechszehntelnoten bestehenden Motiv, welches Ähnlichkeit mit der sog. „Minimal-Music“ hat. In einem rasanten Crescendo verdichtet es sich durch beharrliche Wiederholung und untermalt das Opening: Am frühen Morgen hasten die Menschen in Saigon zur Arbeit und werden von mehreren Bombenexplosionen erschreckt. Das Motiv leitet über in das nicht weniger hektische Großstadtleben. Später klingt es bei der improvisierten Hochzeitsszene und zu Beginn des zweiten Aktes anläßlich der „Bui-Doi“-Konferenz an. Auch Chris´ Geständnis Ellen gegenüber wird von diesem Motiv untermalt. Schließlich spielt es im Finale eine wichtige Rolle.
2. Das „Seufzer“-Motiv
Einzelne Motive aus dem Liebesduett „Sonne und Mond“ verselbständigen sich im Laufe des Musicals. Als Reprise-Lied erklingt es während der Trennung beider. Später taucht es auf, wenn Chris, von Alpträumen geplagt, von seiner amerikanischen Frau getröstet wird und gleichzeitig Kim im vietnamesischen Lager ihm Treue schwört. Auch die Konfrontation zwischen Kim und Ellen wird durch das Motiv eingeleitet. Im Finale erklingt es letztmalig.
3. Das „pentatonische“ Motiv
Dieses Motiv erklingt kurz bevor der Zuschauer von der Existenz des Kindes erfährt. Es erscheint auch, wenn John seinem Freund Chris mitteilt, daß Kim ein Kind von ihm hat. Außerdem wird das Motiv angedeutet, wenn Kim hören muß, daß Ellen Chris´ amerikanische Frau ist. Im Finale entfaltet sich dieses Motiv zu einer großen Melodie.
4. Die „chromatische“ Motiv
Es erscheint während des Gleitflugs des letzten Hubschraubers, mit dem Chris Vietnam verläßt, und erklingt außerdem als Abschluß von Kims Traum-Sequenz. Auch im Finale wird es angedeutet.
5. Das „Ganztonleiter“-Motiv
Das Nachtclubleben im Saigoner „Dreamland“ wird ebenso wie das in Bangkok durch die Verwendung dieses Motivs untermalt. Auch im Finale tritt  es wieder auf.

Das Finale im Vergleich

Beide Komponisten vereinen im Finale die wichtigsten musikalischen Ideen und schaffen damit den musikalischen Höhepunkt. Die Leitmotive stoßen aufeinander, verweben sich und geben der dramatischen Aussage eine tiefere Bedeutung, indem sie die Unausweichlichkeit des Freitods unterstreichen. Am Schluß wird klar, was bereits zu Beginn des jeweiligen Werkes angelegt war: Die Konflikte lassen sich nur im Schlußbild, in der radikalen Entscheidung des Einzelnen lösen.
In beiden Werken spielen Exotismus und musikalisches „Lokalkolorit“ ein bedeutende Rolle. Das Fremde wird vom Standpunkt des europäischen Beobachters gesehen und musikalisch beschrieben. Man benutzt vertraute Symbole, um das Fremde der südostasiatischen Kultur auf das eigene Leben übertragen zu können. In musikalischer Hinsicht gehören dazu: Pentatonik, Ganztonleiter  und Instrumente wie das Glockenspiel und das Tam-Tam.

Interpretationshilfe zum Vergleich von Oper und Musical

Von den japanischen Teehäusern verlegten die Autoren die Handlung in die Nachtclubs von Saigon und Bangkok. Neu ist auch. daß sie die Charaktere der Hauptpersonen deutlich modifizierten. was eine wesentliche Auswirkung auf die Aussage des Stückes hatte. Puccini schildert den Heiratsvermittler Goro und den Amerikaner Pinkerton als selbstsüchtige Egoisten, profitorientiert und wenig an menschlichen Geschicken interessiert. Durch ihre Schuld entsteht das Elend der Madame Butterfly. Boublil und Schönberg wollten nicht einzelne Personen für das Schicksal von Kim und Tam anklagen. Sie wollten das politische, das zeitgeschichtliche Motiv zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung machen.
Die männlichen Figuren, Chris und der Chef-im-Ring, erhielten also humane Züge samt charakterlicher Schwächen, die sie sympathisch machen, obwohl beide natürlich durch ihre Handlungsweise das tragische Ende mit provozieren. Außerdem sollte die Liebe eine wesentliche Rolle spielen - echte,  aufrichtige Gefühle und nicht, wie in den Vorlagen, mit Liebe verwechselte Genußsucht. Am Ende von Miss Saigon läßt sich also niemandem wirklich Schuld geben.
Das 1992 in Wien uraufgeführte Stück „Elisabeth“ ist eines der ersten großen original deutschsprachigen Musicals. Ähnlich wie bei den weltweit erfolgreichen Werken „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“ wird hier das Leben einer historischen Persönlichkeit thematisiert. Und ebenso wie diese handelt es sich um ein „durchkomponiertes“ Musical, d.h. man findet keine gesprochenen Dialoge. Alles wird mit direkter Unterstützung durch die Musik zum Ausdruck gebracht.
Das Leben der Kaiserin Elisabeth, genannt Sissi, war schon häufig Thema für die Bühne oder die Filmleinwand. Am stärksten hat sich unser Bild von der Kaiserin wohl durch die bekannten Filme mit Romy Schneider geprägt. In dem Musical wird der Versuch gemacht, die historische Persönlichkeit aus einer ganz anderen Sichtweise zu beleuchten.

Elisabeth – Ein Lebensbild als Musical

Kurzbiographie der Kaiserin Elisabeth (1837-1898)

Elisabeth Amalia Eugenia, Herzogin in Bayern, wurde am Weihnachtsabend 1837 als drittes Kind von Max, Herzog in Bayern, und Ludovika, Tochter des bayerischen Königs Max I., geboren und entstammte somit einer Seitenlinie der Wittelsbacher. Der Vater, General der bayerischen Armee, bewegte sich weniger in aristokratischem Milieu als in unkonventionellen bürgerlichen Kreisen. Künstler und Gelehrte bildeten seinen bevorzugten Umgang. Diesem familiären Hintergrund verdankte Elisabeth eine vergleichsweise freie Erziehung, die ihr der Wiener Hof jedoch als mangelnde Bildung auslegen sollte. Elisabeths Mutter, Ludovika, mochte ihre Ehe mit dem Herzog in Bayern als gesellschaftlichen Abstieg empfunden haben, waren ihre Schwestern Elise, Amalie und Sophie doch sämtlich kaiserliche oder königliche Verbindungen eingegangen.
Vor allem Sophie hatte eine große eheliche Karriere eingeschlagen und 1824 den (geistesschwachen) österreichischen Erzherzog Franz Carl geheiratet. Als dieser 1848 den österreichischen Kaiserthron hätte besteigen können, verzichtete er zum Wohl des Reiches auf die Thronfolge und machte damit seinen achtzehnjährigen Sohn Franz Joseph zum Kaiser. Sophie galt jedoch bis Ende der fünfziger Jahre als die wahre Herrscherin in der Wiener Hofburg. Sie nahm es auch in die Hand, dem Kaiser eine Kaiserin an die Seite zu geben, und beschloß - nach mehreren mißglückten Heiratsprojekten -, den Sohn mit Helene, der ältesten Tochter ihrer Schwester Ludovika, zu verbinden. Während der kaiserlichen Sommerfrische in Ischl sollte das Paar zusammengeführt und die Verlobung besiegelt werden. Der Vorsatz scheiterte jedoch an Elisabeth, der jüngeren Schwester Helenes, in die sich Franz Joseph verliebte. Am 24. August 1853 wurde die Verlobung offiziell bekanntgegeben, daran schloß sich eine neun Monate währende Brautzeit, in der die sechzehnjährige Elisabeth ihre Bildung erweitern und sich auf ihre künftige Stellung als Kaiserin vorbereiten sollte.
Elisabeth Amalia Eugenia, Herzogin in Bayern, wurde am Weihnachtsabend 1837 als drittes Kind von Max, Herzog in Bayern, und Ludovika, Tochter des bayerischen Königs Max I., geboren und entstammte somit einer Seitenlinie der Wittelsbacher. Der Vater, General der bayerischen Armee, bewegte sich weniger in aristokratischem Milieu als in unkonventionellen bürgerlichen Kreisen. Künstler und Gelehrte bildeten seinen bevorzugten Umgang. Diesem familiären Hintergrund verdankte Elisabeth eine vergleichsweise freie Erziehung, die ihr der Wiener Hof jedoch als mangelnde Bildung auslegen sollte. Elisabeths Mutter, Ludovika, mochte ihre Ehe mit dem Herzog in Bayern als gesellschaftlichen Abstieg empfunden haben, waren ihre Schwestern Elise, Amalie und Sophie doch sämtlich kaiserliche oder königliche Verbindungen eingegangen.
Vor allem Sophie hatte eine große eheliche Karriere eingeschlagen und 1824 den (geistesschwachen) österreichischen Erzherzog Franz Carl geheiratet. Als dieser 1848 den österreichischen Kaiserthron hätte besteigen können, verzichtete er zum Wohl des Reiches auf die Thronfolge und machte damit seinen achtzehnjährigen Sohn Franz Joseph zum Kaiser. Sophie galt jedoch bis Ende der fünfziger Jahre als die wahre Herrscherin in der Wiener Hofburg. Sie nahm es auch in die Hand, dem Kaiser eine Kaiserin an die Seite zu geben, und beschloß - nach mehreren mißglückten Heiratsprojekten -, den Sohn mit Helene, der ältesten Tochter ihrer Schwester Ludovika, zu verbinden. Während der kaiserlichen Sommerfrische in Ischl sollte das Paar zusammengeführt und die Verlobung besiegelt werden. Der Vorsatz scheiterte jedoch an Elisabeth, der jüngeren Schwester Helenes, in die sich Franz Joseph verliebte. Am 24. August 1853 wurde die Verlobung offiziell bekanntgegeben, daran schloß sich eine neun Monate währende Brautzeit, in der die sechzehnjährige Elisabeth ihre Bildung erweitern und sich auf ihre künftige Stellung als Kaiserin vorbereiten sollte.
Im Frühjahr 1854 bricht sie mit großem Gefolge von München nach Wien auf, um dort am 23. April mit Franz Joseph getraut zu werden. Wegen ihrer vergleichsweise geringen Herkunft und ihrer Jugend kann sie sich bei Hof nur schwer behaupten. Von Beginn an leidet sie unter der Hierarchie bei Hof, dem spanischen Protokoll und den zeremoniellen Vorschriften, nach denen sie ihr Leben regeln soll. Da der Kaiser ständig mit seinen Verwaltungstätigkeiten beschäftigt ist, da die Schwiegermutter ihr mehr Erziehung als Liebe zuteil werden läßt, vornehmlich Strenge, Gehorsam, Disziplin und Verzicht von ihr fordernd, fühlt sie sich schnell vereinsamt. Nichtsdestoweniger versucht sie über einige Jahre hinweg, dem höfischen Leben zu genügen. Wie von ihr verlangt, bringt sie dem Kaiser die nötigen Nachkommen zur Welt - zwei Prinzessinnen, deren erste in früher Kindheit unter unglücklichen Umständen stirbt, und 1858 den ersehnten Thronfolger Rudolf. Als die Mutter des Kaisers, Sophie, eigenmächtig die Erziehung der Kinder übernimmt, setzt sich Elisabeth zum erstenmal zur Wehr.
Ende der fünfziger Jahre gerät auch das Verhältnis zu Franz Joseph ins Wanken - seine lange Abwesenheit während des Italienfeldzuges, seine Hörigkeit gegenüber der Mutter und schließlich seine Untreue tragen zur Verschlechterung der Ehe bei. Die Kaiserin revoltiert offen gegen die Zwänge ihrer Rolle. Da sie Kinder geboren hat, von deren Erziehung aber ausgeschlossen ist, da sie von ihrem Mann beiseite geschoben wird, da sie noch keine persönlichen Interessen entwickelt hat und für die traditionellen Aufgaben einer Kaiserin nicht zu erwärmen ist, muß sie der Leere begegnen, die sich nun in ihr ausbreitet. Von 1860 an begibt sie sich auf eine doppelte Flucht - sie zieht sich in Krankheiten zurück, die ihr als Entschuldigung für ausgedehnte Auslandsaufenthalte dienen: in Bayern, Madeira, Korfu und Venedig. In Wien wird es sie niemals mehr lange halten.

Nachdem Elisabeth 1865 bemerken muß, daß der Kronprinz an seinen militärischen Lehrmeistern beinahe zugrunde geht, erzwingt sie sich nicht nur Einfluß auf die Erziehung, sie sichert sich auch in einem regelrechten Eheabkommen größtmögliche Freiheit und Unabhängigkeit. Der Kaiserinnenrolle genügt sie seitdem ausschließlich nach Belieben, die meiste Zeit befindet sie sich auf Reisen.
Seit 1866 engagiert sie sich als Vermittlerin in der Frage des österreichisch-ungarischen "Ausgleichs". Sie unterstützt die seit dem ungarischen Aufstand von 1848 aufgekommene Forderung nach der weitgehenden Selbständigkeit Ungarns und nach der konstitutionellen Beschränkung der kaiserlichen Macht in allen Teilen des Reiches. Ihre Bemühungen verlaufen erfolgreich : Am 8. Juni 1867 wird das Kaiserpaar mit der ungarischen Krone gekrönt. Eine dritte Tochter, Marie Valerie, entspringt der vorübergehenden Versöhnungszeit. Mit der Rebellion entwickelt Elisabeth ein neues Selbstbewußtsein. In ihrer erstaunlichen Schönheit entdeckt sie ein Machtmittel, das sie mit großer Intelligenz und nicht geringerem Egoismus zur Erfüllung ihrer Wünsche einsetzt. Leidenschaftlich widmet sie sich ihrer Pflege. Strenge Fastenkuren, Gymnastik und das starke Schnüren der Taille nehmen viele Stunden des Tages in Anspruch. So leidenschaftlich betreibt sie ihre Schlankheit, daß sie auf Dauer Hungerödeme und schwere Ischiasleiden in Kauf nimmt.

Ebenso leidenschaftlich aber geht sie auch anderen, neu entdeckten Passionen nach - sei es als Springreiterin, sei es in stundenlangen Wanderungen. Sie engagiert ungarische und griechische Sprachlehrer, bildet sich zu einer profunden Heine-Kennerin heran und betätigt sich insgeheim in der Nachfolge des Dichters.
Bei allen Aktivitäten nehmen ihre Melancholie, ihre Menschenfurcht und Weltverachtung stetig zu, seit den siebziger Jahren zieht sie sich noch weiter zurück. Indem sie auf Reisen ihr Inkognito aufrecht erhält, indem sie ihr Gesicht hinter Schirmen und Fächern verbirgt, forciert sie ihre Anonymität bis zur Unsichtbarkeit.

Als sich 1889 der Thronfolger Rudolf in Mayerling das Leben nimmt, verstärkt sich ihre Zurückgezogenheit, sie verschwindet von den Bildflächen und kommt der Öffentlichkeit fast ganz abhanden. Am 10. September 1898 wird sie am Ufer des Genfer Sees, kurz bevor sie einen Dampfer besteigen kann, von dem Anarchisten Luigi Lucheni mit einer Feile erstochen, ein zufälliger Tod, da der Mörder ursprünglich den Herzog von Orléans zu treffen beabsichtigte. Heftig hatte sie den Tod herbeigesehnt, er hatte aber lange auf sich warten lassen.
 

Auswahlbibliographie

Nachschlagewerke und Gesamtdarstellungen:
- Axton, Charles / Zehnder, Otto: Reclams großes Musical-Buch. Stuttgart 1997
- Bartosch, Günter: Das Heyne Musical Lexikon. München 1995
- Bartosch, Günter: Die ganze Welt des Musicals. Wiebaden 1981
- Beringer, Rüdiger: Musical. DuMont 1997
- Bez, Helmut / Degenhardt, Jürgen / Hofmann, H.P.: Musical - Geschichte und Werke. Berlin 1981
- Hanisch, Michael: Vom Singen im Regen. Filmmusicals gestern und heute. Berlin 1980
- Fischer, H.: Deutsche Musicals. Weidler 1998
- Geraths, Arnim / Schmidt, Christian M. (Hrsg.): Handbuch der Musik im 20. Jh., Band 6 Musical. Laaber 2000
- Kaczerowski, Simone: Let´s go Musical. Düsseldorf 1997
- Mühe, Hans Georg: Die Musik von A.L. Webber. Hamburg 1993
- Pflicht, Stephan: Musical-Führer. München 1985
- Reiß, Gunter / v. Schoenebeck, Mechthild: Musiktheater für Kinder und Jugendliche. Bonn 1993
- Reiß, Gunter / v. Schoenebeck, Mechthild / Helms, Dietrich: Musicals... nicht nur für Kinder. Regensburg 1996
- Richmond, Keith: Die Musicals von Andrew Lloyd Webber. Berlin 1996
- Schmidt-Joos, Siegfried: Das Musical. München 1979
- Sonderhoff, Joachim / Weck, Peter: Musical. Geschichte, Produktionen, Erfolge. Braunschweig 1886
- Star, Lee E.: Der Musical-Film. München 1979
- Walsh, Michael: Andrew Lloyd Webber. Wien 1992
- Ziegenbalg, Ute: Das internationale Musical. Frankfurt/Main 1994
Zeitschrift:
- musicals. Das Musicalmagazin. München; seit 1986 zweimonatlich
Internetadressen:
- http://www.musical.de
- http://www.sharelook.de/Unterhaltung/Musical.html
- außerdem zu „Les Misérables“: http://www.Duisburg.de/Musical/music.htm
- zu „Elisabeth“: http://www.fun.co.at/Musical/Elisabeth/elisabeth.html
Musicals im Unterricht
- Musik und Bildung Heft 1/1995. Mainz
- Musik und Unterricht Heft 30/1995. Seelze
- Musik und Unterricht Heft 44/1997. Seelze
- zum „Phantom der Oper“:
- Ruf, Bernd: Phantom of the Opera. Anmerkungen zur Musik von A.L. Webber. In: Musik und Unterricht 30/1995 S. 47
- zu „Les Misérables“:
- Bührig, Dieter: Utopie – Der Traum vom besseren Leben. In: D. Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik (Kapitel 12/3.1). WEKA Kissing 1997
- Bührig, Dieter: Les Misérables. In: D. Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik (Kapitel 8/2.8). WEKA Kissing 1999
- zu „Miss Saigon“:
- Bührig, Dieter: „Weil ich anders aussehe...“. Miss Saigon im Musikunterricht der Mittelstufe. In: Musik und      Bildung 2/1998 S. 8
- Bührig, Dieter: Miss Saigon. In: D. Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik (Kapitel 8/2.4). WEKA Kissing 1998
- Bührig, Dieter: Das Fremde: Bui Doi – Mischlingskinder. In: D. Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik (Kapitel 12/5.2). WEKA Kissing 1999
- zu „Cats“:
- Kruse, Matthias: Das Musical „Cats“. In: Musik und Unterricht 30/1995 S. 29
- zu „Elisabeth“:
- Bührig, Dieter: Analyse durch szenische Interpretation. Das Musical „Elisabeth“ in einer 10. Klasse. In: Musik und Unterricht 27/1996 S. 24
- Bührig, Dieter: Elisabeth. In: D. Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik (Kapitel 8/2.7). WEKA Kissing 1999