(aus: Musik & Bildung 3/1997 S. 68)
Welches Stück kann ich mit meiner Musiktheatergruppe als nächstes aufführen? Welche Inhalte passen am besten für die jeweilige Alterstufe? Wie ist die Besetzung und der Schwierigkeitsgrad? Wie komme ich an Aufführungsmaterial heran? - Diese und andere Fragen stellen sich dem Musiklehrer, der eine Musiktheater-AG betreut, wohl fast jedes Jahr aufs neue.
In den letzten Jahren hat der ConBrio-Verlag zwei in dieser Hinsicht wichtige Bücher herausgegeben, die dem Praktiker eine wesentliche Hilfe sind und umständliches Suchen ersparen. Nun ist von den gleichen Autoren ein drittes Werk erschienen, welches diese praktischen Handreichungen hervorragend ergänzt.
Basis für dieses kommentierte Stückeverzeichnis ist die inzwischen etwa zehnjähige Arbeit der "Arbeitsstelle Theaterpädagogik", die dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik der Universität Münster angeschlossen ist. Ein Teil der Arbeit dieses Institutes besteht in der Sichtung und Sammlung von Musiktheaterstücken für Kinder und Jugendliche. Als Informationsbörse kann es dem Praktiker Anregungen und Informationen für seine AG-Arbeit geben.
Bei dem vorliegenden Sammelband handelt es sich bei den insgesamt 35 Stücken vorwiegend um solche, die bereits an Schulen und Musikschulen erfolgreich ausprobiert worden sind. Bis auf ganz wenige Ausnahmen ("Oliver" von Lionel Bart, "Prairie-Saloon" von Lotar Olias, "Godspell" von Stephen Schwartz und "Annie" von Charles Strouse) handelt es sich um eine bunte Palette weniger bekannter Musicals. Bei aller Vielfalt des Stils, der Thematik, des Schwierigkeitsgrades und der Besetzung ist allen Stücken emeinsam, daß sie vom Sujet her im wesentlichen für die Sekundarstufe I geeignet sind. Einige Musicals lassen sich auch in der Grundschule realisieren.
Eine Reihe von Stücken liegt zur Zeit bemerkenswerterweise nur in englischer Sprache vor. Der Mangel einer griffigen deutschen Übersetzung muß aber nicht als Mangel des Buches verstanden werden. Im Gegenteil bietet sich die Möglichkeit, diese Musicals für die hiesigen Musical-Fans zu entdecken. Schließlich kann es für eine fächerübergreifende Arbeit sehr reizvoll sein, die englischen Texte von den Schülern übersetzen zu lassen.
Zu jedem Musical werden in kurzer aber prägnanter Form folgende Informationen gegeben: bibliographische und aufführungstechnische Merkmale, inhaltliche und thematische Beschreibung sowie kommentierende Anmerkungen. Von großem Vorteil sind die konkreten Adressenangaben der Personen und Verlage, die die Urheberrechte innehaben und an die man sich wenden kann, wenn man das Arbeitsmaterial erhalten möchte. Je ein Aufführungsplakat und ein Notenbeispiel runden das Bild ab.
Ich selber habe Erfahrungen mit zwei der in diesem Band enthaltenen Musicals gemacht und muß auf Grund meiner genauen Kenntnis dieser Stücke sagen, daß es den Autoren hervorragend gelungen ist, die Informationen über das jeweilige Stück so knapp, aber auch so präzise wie möglich zu gestalten und eine durchaus angemessene Gewichtung der Realisierbarkeit anzugeben.
Den außerordentlichen Nutzen, den diese Publikation für den Praktiker bedeutet, können kleine Mängel nicht beeinträchtigen. Mich persönlich hätte es beispielsweise interessiert, welche Schulen das jeweilige Stück erprobt haben. Die konkrete Angabe einer Anlaufstelle wäre hilfreich gewesen. So muß man sich erst über die Arbeitsstelle Theaterpädagogik zu den Kollegen herantasten, die praktische Erfahrungen mit dem Stück gemacht haben.
Ein deutlicher Mangel ist m.E. die sehr knappe und recht zufällig erscheinende Gesamtbibliographie. Wesentliche Publikationen wie beispielsweise das hervorragende Musical-Lexikon von Günter Bartosch werden nicht genannt. Die Fachpresse ist nur sehr oberflächlich nach Aufsätzen über die schulische Praxis mit Musicalaufführungen durchforscht worden.
Auch hätte ich es gewünscht, daß zu den Musicals, über die es Publikationen gibt, eine dem Stück zugeordnete Unter-Biographie erstellt wird.
Diese geringfügigen Bedenken können jedoch in keiner Weise den außerordentlichen praktischen Nutzen dieses Buches herabmindern. Die Kollegen, die ständig mit Musicals zu tun haben, sollten sich dieses Stückeverzeichnis neben die Standardlexika stellen. Es lohnt sich.