Musik in der Schule - Schule in der Musik

(aus: Musik und Bildung 6/92 S. 78 ff)
 

 Langsame Einleitung: Ein Vergleich zweier Bilder 
 

Der Unterricht beginnt mit einer Gegenüberstellung zweier Bilder: Raffaels "Schule von Athen" (1512) und Colvilles "Seilspringendes Kind" (1958)(1). Nach der Vorbemerkung, daß "Schule" im Zentrum der folgenden Unterrichtseinheit stehen soll (und dem selbstverständlichen Hinweis, daß die beiden vorgestellten Bilder in keinerlei intendiertem Zusammenhang stehen), werden die Schüler aufgefordert, beide Bilder zu beschreiben und sie mit ihrem Recht auf persönliche Deutung zu interpretieren (was ihnen auf Grund des vorigen Unterrichts nichts Neues ist).

Raffaels Bild wird sich erst durch zusätzliche Lehrerinformationen als Bild einer - wenn auch nicht realen -  Schule darstellen. In einem Kunstband heißt es: "Im Zentrum einer großen gewölbten Halle, deren Anlage die Kenntnis antiker Thermen voraussetzt, stehen Plato und Aristoteles, die während des ganzen Mittelalters als Hauptvertreter der antiken Philosophie galten. Links ist die Profilfigur des Sokrates erkennbar; auf der Treppe lagert, Ausdruck seiner materiellen Bedürfnislosigkeit, Diogenes; vorne links hält ein Knabe dem Pythagoras die Tafel der Harmonielehre; auf der Gegenseite entwirft Euklid vor einer Jünglingsgruppe eine geometrische Figur; in der Rückengestalt mit dem Globus dürfte Ptolemäus, ihm frontal gegenüber Zoroaster mit der Sphärenkugel zu erkennen sein; die auf den Marmorblock gestützte Figur (Heraklit? Michelangelo?) wurde später eingefügt."(2)

In der Diskussion wird schnell deutlich: Hier bedeutet "Schule" keine "Paukfabrik", sondern ist Summe menschlicher Erkenntnis, ist Aufforderung, Menschenwürde zu vergrößern. Schule ist nicht Ort der 6-19jährigen, Schule ist gehobenes Leben (und umgekehrt: Leben ist erhabene Schule). Schule ist nicht nur menschenwürdig, sondern macht erst den Menschen "würdig". All das erscheint jedoch als Welt der Erwachsenen; es hat mit der konkreten Lebenswelt der Jugendlichen nichts zu tun. Allenfalls kann das Bild dazu dienen, erlernte Bildungsweisheiten abzufragen, ein Kreuzworträtsel-Wissen darüber, was die bisherige Schullaufbahn immerhin vermitteln konnte. Dies zu erkennen, gar zu hinterfragen, sehe ich als enormen Fortschritt in meinem Unterricht an.

Die Reaktion auf das Bild von Colville ist diametral entgegengesetzt. Sofort wird das Gebäude links mit Schule identifiziert (zurecht, handelt es sich doch um ein autobiographisches Zitat des Künstlers, der Central School of Sackville, seinem Wohnort). Auf den ersten Blick bestimmt kindliche Spielfreude die Interpretation: Das seilspringende Kind ist froh, die "Pauke" verlassen zu haben, - kein Wunder, ist diese Schule doch alles andere als menschenfreundlich. Der aufkommenden Freude wird aber schnell Grenzen gesetzt. Merkwürdigerweise wirft das Kind keinerlei Schatten (eine Art Peter Schlehmil?). Keinerlei Anzeichen von Natur findet sich im Bild; alles ist "sauber" planiert und steril frei von Lebewesen gehalten. Aber ist das Kind auch wirklich ein Lebewesen? Blutlos, schattenlos und wie eine Schaufensterpuppe gekleidet wirkt es, wie eine in eine tote Landschaft hineingeklebte tote Puppe. Allenfalls das hinter dem Horizont eingefügte Haus scheint eine Andeutung an Heimatliches zu beinhalten. Die Betonplatten des Gehwegs wirken wie die Klingen einer riesigen unbarmherzigen Schere. Eine architektonisch tote Schule mit einer biologisch toten Umgebung und einer leblosen Kinderpuppe: Ist das "Schule" heute?

Die äußerst kontrovers geführte Diskussion um eine Interpretation des Bildes ist vom Lehrer nicht mehr in Bahnen zu lenken. Das Bild scheint Erfahrungen zu verallgemeinern, die den Sinn von Schule, ja im Ansatz den Sinn von Leben überhaupt in Frage stellen. Es ist tröstlich, wenigstens darüber sprechen zu können. Viele Enttäuschungen, Vorurteile und Vorhaltungen schweben im Raum: "Pauke", "Wissen ist Macht", "Praxisfremde", "Ballastwissen", "Verkopfung", "Leistungsgesellschaft", "Konformität" usw. - Die "Langsame Einleitung" hat bereits eine Reihe von Motiven erklingen lassen; jetzt gilt es, mit der motivischen Verarbeitung fortzufahren.
 

Erster Satz: Chuck Berry's "School Day"
 

Daß Auflehnung gegen die Erziehungsideale der Erwachsenen eines der wesentlichen Mermale der frühen Rock 'n' Roll Musik war, ist den heutigen Schülern kaum bekannt (und deren Eltern, insofern sie selbst als Jugendliche diese Musik favorisiert haben, wohl auch nicht). Um das Hörbeispiel einigermaßen adäquat in einem historisch-soziologischen Zusammenhang zu verstehen, sollte entweder die Geschichte der Rockmusik im vorigen Unterricht behandelt worden sein, oder der Lehrer muß durch einige Bilder und Augenzeugenberichte die Situation der 50er Jahre veranschaulichen.

Die seinerzeit als aggressiv empfundene Musik wird von den heutigen Jugendlichen als verhältnismäßig konventionell empfunden,- die Hörgewohnheiten haben sich eben im Laufe der Geschichte der Rockmusik verändert. Auch Chuck Berry's provokante, sexuell eindeutige Gitarrenhaltung ist heute kaum "der Rede wert". Allein der Text scheint seine Aktualität nicht eingebüßt zu haben. Von daher dominiert die Textinterpretation den Musikunterricht: also ein verkappter Deutsch- oder Englischunterricht!

Was hat nach Chuck Berry's Meinung der Schulunterricht zu bieten? "Alte" Weisheiten, wie den Goldenen Schnitt, Heimatgeschichte und Kaufmanns-Einmaleins, also ausschließlich kognitiv orientiertes Bildungsgut; Selbsterfahrung, Kreativität oder Hilfen zur Lebensbewältigung tauchen nicht auf.- Kein Wunder, wenn alle froh sind, daß die Schulglocke läutet! Denn dann beginnt erst "das Leben": Tanz, Liebe und Rock 'n' Roll. "Deliver me from the days of old" wird von den Schülern als "Befreiung von den/dem Alten" interpretiert (und sicherlich auch innerlich nachempfunden).
 

Zweiter Satz: Sam Cooke "Wonderful World" 
 

Nach den Stürmen des ersten Satzes wird es hier wesentlich lieblicher. Musik und Sound sind gefällig: "Schmusemusik". Zwar stehen auch hier wieder die vorwiegend kognitiv orientierten Schulfächer wie Geschichte, Biologie oder Physik im Schußfeld der Kritik (die Fächer Musik oder Kunst fehlen interessanterweise!), man gibt sich aber immerhin Mühe: "but I'm trying to be..." Die Mathematik bringt ja auch einigen Nutzen, nämlich die überlebenswichtige Erkenntnis, daß eins und eins zwei ergeben, wenn man den richtigen Partner gefunden hat. Hier ist Wissen nur dann Macht, wenn man weiß, daß man sich liebt. Erst die Liebe führt uns in das Paradies: "a wonderful world". Das hätte Raffael wissen sollen, dann hätten Venus, Amor und Cupido die Figuren seiner "Schule" abgegeben!
 

Fernes Intermezzo: Tom Paxton "What did you learn in School today?" 
 

Ein Stück politischer Folklore: "volkstümlich" in Melodik und Harmonik, übertrieben eindeutig in der Textaussage. Radikal stehen Begriffe wie "never", "everybody" und "always" im Vordergrund. Gelegentliche Differenzierungen wie "seldom" und "sometimes" treiben als Ironie die Kritik sogar noch auf die Spitze. Alles läuft darauf hinaus, den "little boy" mit Begeisterung für das Vaterland in einen neuen "great war" hineinzuführen: "Someday I might get my chance...".

Die meisten Schüler finden hier ihre Schulsituation nicht einmal andeutungsweise vertreten. Tom Paxton scheint offenbar die US-amerikanischen Verhältnisse anzuprangern. Die Ereignisse um Vietnam, Panama und Grenada legen die Vermutung nahe, daß der Text so abartig nicht ist. Chauvinistische und kriegstreiberische Unterrichtsinhalte werden von den Schülern allenfalls als kurzlebige Zwischenspiele angesehen. - Hoffentlich haben sie recht.
 

Dritter Satz: Supertramp "School" 
 

"The golden rule" scheint es den Rockmusikern angetan zu haben. Wieder dominieren die kognitiven Lernziele, hier beim Goldenen Schnitt ironischerweise in den ästhetischen Bereich katapultiert. Da ist dann auch nichts mehr zum Lachen, aus ist's mit dem Spiel, das Kind hat sich erwachsen zu geben: "a good boy" übt sich nicht in Kritik, könnte er doch die Alten und Weisen vom Sockel heben! Alter ist eben Autorität, weil konzentrierte Lebensweisheit: Je eher Du das einsiehst, umso besser bist Du vorm Teufel gefeit.

Die Bevormundung geht nach Schulschluß weiter: Du willst im Park spielen, aber sei vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause, sonst könnte man Dich als einen Gammler bezeichnen. Lerne fürs Leben! - Das erinnert an so manche gut gemeinte Abi-Entlassungsfeier-Rede: Hier Schule, dort Leben; - man kann es dann auch so formulieren: hier Tod, dort Leben.

Bei unseren Musikern regen sich aber auch Zweifel. Ob in den Augen der Gesellschaft "richtig" oder "falsch", - es kommt darauf an, daß man sich für seine eigene Persönlichkeit entscheidet, nicht darauf, was "alt und weise" ist. Die brillant arrangierte Musik verdeckt leider diese hoffnungsvolle Quintessenz.

 
Peripheres Zwischenspiel: Grips-Theater "Die Hauptschullehrerin" 
 

Szenenwechsel. Gymnasiasten stellen Vermutungen über den Unterricht an der Hauptschule an. Wieder ist die Textaussage überspitzt eindeutig. Ob sie Realitäten trifft, wagt man in Unkenntnis der Situation nicht zu beurteilen. Dennoch schwingen auch so manche Reizworte in der Reflexion der eigenen Schulsituation mit: "Vollgestopft mit Illusionen" hat man schon so manchen Lehrer, bevorzugt Referendare gesehen. Und die Devise "sich anpassen, statt sich zu wehren" überträgt sich vom Lehrer auf den Schüler. Genau hier scheint unendlich viel Sprengstoff für eine harte Diskussion zu liegen. Schnell sind Beispiele aus den verschiedensten Fächern zur Hand.
 

Grande Finale: Pink Floyd "We don't need no Education" 
 

Dieser Klassiker der "Schul"-Musik hat inzwischen auch Einzug in die offizielle Schuldidaktik gefunden. Das Schulbuch "Musik um uns 11-13" hat es gewagt, dieses heiße Eisen anzufassen. Die Art und Weise, wie es das macht, ist allerdings mehr als deprimierend: Das Lied wird unter der Arbeitsanweisung "Analysieren nachstehender Beispiele der Popszene nach Primär- und Sekundärkomponenten"(3) abgehandelt. Wenn ich meinen Zehntklässlern diese Stelle zeige (und die beiden klugen Fachausdrücke erkläre) ernte ich schallendes Gelächter. Sie stellen zurecht fest: "we don't need" diese "education"!

An dieser Stelle weite ich die Unterrichtseinheit beträchtlich aus, indem ich den Schülern das Rodger Waters-Interview anläßlich des Berliner "Wall"-Spektakels sowie den Konzertmitschnitt als Videoband vorspiele. Dies erleichtert die Einordnung des Liedes. Schule ist nichts als "another brick in the wall", der Wand der schutzheischenden Selbstisolation. Brutaler kann es kaum ausgedrückt werden: Laßt uns in Ruhe mit eurem Sarkasmus, eurer Gedankenmanipulation! Die Musik, der Sologesang und die eingeblendeten Kinderstimmen wirken wie eine riesige Manifestation auf einer Demonstration. "Wir brauchen keine Erziehung" heißt es. Also ein Widerspruch zur ansonsten akzeptierten Parole "Wissen ist Macht", ein Zugeständnis an die Ohnmacht? Der Film hat gezeigt, daß diese Hymne auf lange Sicht eben keine Lösung ist, führt sie doch psychologisch direkt zur faschistoiden "Führer"-Persönlichkeit. Unverständlich bleibt, wieso der Filmheld auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere plötzlich "Gefühle" zeigt, warum er plötzlich den Mut hat, die Mauer wieder einzureißen. Also hat da doch eine sinnvolle "education" ihre Spuren hinterlassen? Die Diskussion um diesen zutiefst pessimistischen Song führt unvermittelt zu einer positiven Reflexion von Schule. Begriffe wie "humane Schule" oder "Schule als Lebenshilfe" werden argumentativ mit Leben gefüllt.
 
Fußnoten

1: Das Bild von Raffael ist "Das neue Museum der Malerei" [1984 S. 44] entnommen, das von Colville stammt aus: "Meisterwerke der Kunst" [1986 Bild 8].
2: ebenda
3: Binkowski, B. u.a.: Musik um uns 11.-13. Schuljahr [Stuttgart 1983 S. 207]