Oliver Twist: Ein fächer- und jahrgangsübergreifendes Projekt

(aus: Musik und Unterricht 3/95 S. 16 ff)

Rund 80 aktiv agierende Unterstufenschüler bringen unter Anleitung von etwa 20 älteren Schülern und drei Lehrern ein abendfüllendes Musical-Projekt auf die Bühne. Alle ordnen sich diesem Ziel unter. Von Lernstoff, Schulfächern, Stundenplänen, Leistungsbeurteilungen usw. ist keine Rede. Schule wird nachmittags zum Ort, an dem man sich gerne trifft. Man singt, tanzt, probt Dialoge, bastelt Bühnenbilder, schneidert Kostüme, diskutiert über die Inszenierung. Jüngere lernen von älteren Schülern und umgekehrt. Kurzum: Mehrere Disziplinen vereinigen sich unter dem Dach der Ganzheitlichkeit eines musikalisch-szenischen Projekts.

Die Forderung nach ganzheitlichem Unterricht ist nicht neu. Bereits 1912 versuchte B. Otto, die Beschränkung auf Fächer aufzuheben: "Die Welt steht als Gesamtheit vor uns, und wir suchen, uns als Gesamtheit ihrer zu bemächtigen"(1). Seither verstummte die Forderung nach fächerübergreifendem Lernen nicht. Im Gegenteil, die aktuelle Lehrplanrevision im Lande Schleswig-Holstein beispielsweise stellt die fächerübergreifende Zusammenarbeit ins Zentrum ihres Curriculums.

Nun ist es auch nichts Neues, wenn man darüber klagt, daß sich der fächerübergreifende Ansatz in der Praxis unseres festgefahrenen Schulsystems nur als ausgesprochener Ausnahmefall realisieren läßt. Die Gründe sind hinlänglich bekannt: starrer Stundenplan, Sorgen um die Existenzberechtigung des eigenen Faches, zeitliche Überlastung des einzelnen Fachlehrers, Druck durch den Lehrplan-"Stoff", mangelnde Qualifikation usw. Wie zu allen Zeiten hat die Gewohnheitspädagogik die Oberhand über die Reformbestrebungen.

An unserer über 450 Jahre alten Schule sieht das nicht besser aus. Zu tief hat die Einteilung in die septem artes liberales gewirkt, als daß man auf die Verabreichung von sauber abgeteilten Portionen eines Jahrhunderte alten Bildungsgutes verzichten möchte. Resignierend muß ich feststellen, daß meine Angebote einer Zusammenarbeit mit dem Kunst-, Geschichts-, Religions- oder Deutschlehrer im Sande verlaufen sind.

Die Lernziele im AG- Bereich

Anders stellt sich die Sache auf dem Gebiet der AG-Arbeit dar. Hier gibt es nicht den Druck des "Fachstoffes" oder des Stundenplans. Hier steht das lehrgangsmäßige Lernen einer Fachsprache nicht im Vordergrund. Die Lernziele bei der AG-Arbeit liegen auf einer grundsätzlich anderen Ebene als die des traditionellen Unterrichts. Selbstverständlich basieren sie auf den Vorgaben der einzelnen Fächer. Aus dem Lehrplan Deutsch fließen beispielsweise folgende fachspezifische Anteile ein: gestaltendes und rollengemäßes Sprechen, aktives Zuhören, Schulung von Gedächtnis und Erinnerungsvermögen, Analyse und Interpretation der Handlungsstruktur, der Personenkonstellation, der Charaktere, des Zusammenhangs von Sprache und gesellschaftlicher Stellung. Anteile des Faches Musik sind u.a.: Stimmbildung, Training der Elementarlehre, Zusammenhang von Notation und Klang, Bewegung nach Musik und Körperbeherrschung, ästhetisches Urteilsvermögen. Das Fach Kunst ist in der Regel mit folgenden Aspekten vertreten: zeichnerische Gestaltung, werktechnische Erfahrungen, Analyse und Interpretation von Stilmerkmalen als Gestaltungsprinzipien. von Zusammenhängen zwischen Bild bzw. Requisite und gesellschaftlicher Stellung.

Doch das Ganze ist mehr als die Summe dieser Einzelaspekte. Ganzheitlich angelegtes Spiel vermittelt Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis hinsichtlich der eigenen körperlichen, emotionalen und intellektuellen Kräfte. Auf das Individuum bezogen, bedeutet das öffentliche "Sich-zur-Schau-Stellen" eine Stärkung des Selbstbewußtseins. Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Ausdrucksfähigkeit können erkannt und verändert werden. Dies ist insofern besonders wichtig, als die Unterstufenschüler sich in einer turbulenten Entwicklungsphase befinden: Sie müssen sich auf einer neuen Schule "orientieren", sich bei den neuen Mitschülern und Lehrern durchsetzen, erhöhte Anforderungen in den Fächern bestehen, und sie beginnen sich langsam vom Elterhaus zu lösen.

Szenisches Spiel hilft bei der Neuorientierung und Integration. Als kommunikatives Phänomen erzieht es zur Gemeinschaft, zur Gruppe, zur Gesellschaft. Soziales Rollenverhalten kann spielerisch hinterfragt werden. Dies bezieht sich nicht nur auf die im Stück vorkommenden Rollen, die meist Typisierungen gesellschaftlichen Verhaltens sind. Wichtig ist auch, daß in der intensiven Probenzeit das tradierte Rollenverhalten zwischen Mädchen und Jungen, zwischen Jüngeren und Älteren und zwischen Schülern und Lehrern durchbrochen wird. Das Projekt trägt sichtbar dazu bei, daß die Schüler gesellschaftliche Handlungsfähigkeit entwickeln. Alle diese Ziele sind im traditionellen Fachunterricht wohl kaum in dieser Tiefe zu erreichen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Stück

Wie sieht nun die Arbeit im Detail aus? Vor den Sommerferien wird zwischen den beteiligten Lehrern, einigen Ehemaligen und einer Handvoll älterer Schüler das Thema des neuen Projekts festgelegt. Bei dieser wohl schwierigsten Entscheidung geht es um die Fragen: Hat das Stück einen derAltersstufe angemessenen Lebensweltbezug? Es darf weder zu "kindlich"(2) noch zu "brutal" und erst recht nicht "schulmeisterlich" sein.Lassen sich genügend Musikanteile für Chor und für Solisten einbringen? Gibt es genug Rollen, so daß möglichst jeder der 80 bis 100 Darsteller entsprechend seinen Fähigkeiten eingesetzt werden kann? Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch. Oft sind es bekannte Kinder- und Musicalfilme wie "Robinson soll nicht sterben", "Alladdin", "Annie", "Cats" usw. Die endgültige Entscheidung ist nicht leicht zu treffen, da das ausgewählte Stück von jedem mit absoluter Motivation getragen werden muß.

Dieses Mal wird der Musicalfilm "Oliver" Vorbild für unser Projekt. Eine Gruppe von Schülern hört die Filmdialoge ab und schneidet sie auf unsere Verhältnisse zu. Jemand besorgt die Noten. Der Musiklehrer arrangiert die Lieder so, daß Chorpartien und Sologesang in einem angemessenen Verhältnis stehen. Vieles wird transponiert, verändert, umgestellt, gestrichen, ergänzt. Schließlich bleibt vom Original nur noch wenig übrig.(3)

Alle müssen die Novelle von Charles Dickens lesen. Das Sujet findet breite Zustimmung. Deutlich findet das Waisenkind Oliver Twist die Sympathie aller. Es symbolisiert den Glauben daran, daß sich ein Kind gegen die Erwachsenen durchsetzen kann. Man solidarisiert sich mit ihm und entdeckt in seiner Leidensgeschichte manche vagen Parallelen zur eigenen Lebenswelt, besonders was das Verhalten der kinderfeindlichen Erwachsenen betrifft. Die Geschichte hat jedoch zwei Haken: Es sind dies der brutale Mord an dem Mädchen Nancy und der blutige Schluß der Geschichte. Unter der Anleitung des Deutschlehrers wird ein vollkommen neuer Schluß entworfen. Irgend jemand findet ein neues Schlußlied, das schnell umgedichtet ist. Schließlich sind Libretto und Notenzettel fertig und werden für alle kopiert.

Das Grundprinzip: Mitspracherecht

Zu Beginn eines jeden Schuljahres werden die Schüler der Klassen 5 bis 7 angesprochen, ein neues abendfüllendes Musical auf die Beine zu stellen. Achtklässler, die im vergangenen Jahr mitgemacht haben, dürfen in Ausnahmefällen noch einmal dabei sein. Das neue Stück wird erläutert und die verschiedenen Haupt- und Nebenrollen werden skizziert. Wer sich für eine Rolle bewirbt, muß beim nächsten Mal eine Szene auswendig vorm Plenum spielen. Alle Rollen werden zweifach besetzt. Die endgültige Rollenvergabe erfolgt durch den Spielleiter. Er muß seine Entscheidung vor versammelter Mannschaft begründen und ist nicht selten der Kritik ausgesetzt. Sind die schauspielerischen und sängerischen Leistungen eines Kandidaten für eine Hauptrolle nicht ausreichend, so kann er sich für eine kleinere Rolle bewerben. Jeder erhält eine Chance, und nach einer mindestens zweiwöchigen Prozedur bekommt jeder eine Rolle.

Man trifft sich jede Woche nachmittags für zwei Stunden und probt zunächst die Chorlieder. Gelegentlich schaltet sich der Deutschlehrer ein und macht Verbesserungsvorschläge für die Liedtexte. Anschließend werden die ersten Dialogszenen geprobt. Die nicht daran beteiligten Chormitglieder schauen zu und werden zu kritischen Kommentaren aufgefordert. Viele Verbesserungsvorschläge und neue Ideen, aber auch Lob und Beifall kommen aus diesem Kreis. Gelegentlich greift der Musiklehrer ein, wenn der musikalische Ausdruck nicht mit der szenischen Darstellung übereinstimmt.

Produktorientierung - für jeden einzelnen

So steht jedes Chormitglied mit irgendeiner schauspielerischen Leistung mindestens einmal im Scheinwerferlicht. Alle singen, sei es solistisch oder chorisch. Jeder ist am detaillierten Inszenierunsprozess, der keine Trennung zwischen den Fächern kennt, beteiligt. Lediglich die Stückauswahl und die wichtigsten Rollenbesetzungen werden durch das verantwortliche Team festgelegt. Aber auch außerhalb der Bühne ist fast jeder am Entstehungsprozeß beteiligt. Eine Gruppe bereitet unter Anleitung eines begabten Schülers die künstlerische Ausgestaltung der Bühne und der Kostüme vor.

Ehemalige Chormitglieder werden in die Licht- und Tongestaltung eingewiesen, so daß die Bühnenproben schon relativ früh an eine passende Lichtregie gekoppelt werden könnnen. Auf diese Weise werden diejenigen Schüler, die aus Altersgründen nicht mehr als Darsteller mitmachen dürfen, in die Arbeit mit einbezogen. Manche von ihnen machen zusätzlich beim "Großen Schulchor" (Klassen 8 bis 13) mit, der ebenfalls jedes Jahr ein abendfüllendes Musiktheater-Projekt auf die Bühne bringt. Hier macht sich die Bühnenerfahrung deutlich positiv bemerkbar, die sie in den drei Jahren Unterstufenchor sammeln konnten, - Erfahrungen. wie sie in dieser Unmittelbarkeit und Tiefe wohl nur sehr selten durch den traditionellen Fachunterricht vermittelt werden können.

Anmerkungen

Otto, B,: Die Reformation der Schule, Berlin-Lichterfelde 1912. Zitiert in Abel-Struth. Sigrid: Grundriß der Musikpädagaogik, Mainz 1985 S. 385. Hier findet sich ein kurzer historischer Abriß der Bemühungen um das fächerübergreifende Prinzip.

2 Die bekannten Schulkantaten von Kretzschmar werden aus diesem Grunde nicht genommen.

3 Da unsere Projekte Teil der pädagogischen Arbeit unserer Schule sind und wir bewußt auf eine öffentliche Aufführung verzichteten, können wir die urheberrechtlichen Fragen außer acht lassen. Siehe zu dieser Thematik meinen Artikel in "Musik und Unterricht" Nr. 30 (Januar 1995)