Wir haben jetzt die Schnauze voll! – Zur Aneignung von Volksliedern durch Liedermacher und Rockgruppen (In Mueders Stübele; Hejo spann den Wagen an)

(aus: Musik und Bildung 4/92 S. 36 ff)

Rockmusik hat seit jeher traditionelle Volksmusik aufgegriffen. Bei der Autorenangabe vieler bekannter Hits steht "Traditional" (was soviel heißt wie: keine GEMA-Pflicht): House of the Rising Sun, Amazing Grace, Sloop John B., My Bonny, Sailing usw. Jimi Hendrix' Version der amerikanischen Nationalhymne ist ebenso eine Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition, wie Elvis Presley's "Muß I denn". Auch die kommerzielle Discomusik nimmt bei der Volksmusik Anleihen: "Rivers of Babylon" ebenso wie "Edelweiß".

Ungewöhnlich ist die Zusammenarbeit von Popmusik und Volksmusik nicht, ist doch gerade die "Countrymusic" eine der wesentlichen Wurzeln der Rockmusik. Immer wieder stießen Folklore-Musiker zu den Rockmusikern und umgekehrt: Bob Dylan. Donovan, Joan Baez, Simon and Garfunkel, Phil Ochs und viele andere mehr. Der Berührungspunkt war nicht nur die beiderseitige Verpflichtung zu einer massenwirksamen musikalischen Sprache, sondern auch die Benutzung des unter Amateuren weit verbreiteten Musikinstruments Gitarre. Weiterhin gab es funktionale Übereinstimmungen wie Tanzvergnügen einerseits und politisch-soziale Artikulation andererseits.

Ist der Übergang vom Rockmusiker zum Folklore-Poeten fließend, so ist er vom Folkloresänger zum Liedermacher kaum noch wahrnehmbar. Randy Newman oder Leonard Cohen (in Deutschland Heinz Rudolf Kunze oder Constantin Wecker) finden ihre Anhänger in allen Lagern.

In den folgenden Unterrichtsskizzen geht es um die Auseinandersetzung mit tradierten Volksliedern, - einerseits durch den Folkloresänger Walter Moßmann, andererseits durch die Rockgruppe "Oktober". Obwohl diese Auswahl sehr willkürlich ist, kann ein Vergleich der beiden Lieder durchaus zu einer fruchtbaren Diskussion über Anspruch und Grenzen politisch verstandener Musik führen. Die den beiden Liedern zugrunde liegenden Originale sind in vielen gängigen Liederbüchern abgedruckt. "In Mueders Stübele" findet sich in "Lieder ohne Grenzen" (Bayerischer Schulbuchverlag) oder in der "Liederkiste" (Kunterbund Edition). Moßmanns Fassung wird z.B. in dem Buch "Folk, Folklore, Volkslied" von Monika Tibbe und Manfred Bonson (Metzler-Verlag), welches im übrigen auch viel Material zu den Begriffsbestimmungen enthält, sowie in der Broschüre "Deutsches Volkslied" von Fuchs/Hoffmann/James (Metzler-Verlag) oder im "Kleinen dicken Liederbuch" (Eigenverlag Buhmann/Darmstadt) abgedruckt und kommentiert. Der dem Lied "Wehrt Euch" zugrunde liegende Kanon "Hejo, spann den Wagen" an ist in nahezu jedem Lieder- und Schulbuch zu finden. Die "Wehrt Euch"-Fassung findet man dagegen in der konventionellen Literatur so gut wie gar nicht.

Die Unterrichtssequenz ist eingebettet in eine größere Unterrichtseinheit über das Lied, durchgeführt in einer 10. Klasse. Selbstverständlich paßt sie auch in die Thematik "Original und Bearbeitung". Wichtig scheint mir, daß eine offene Diskussion um die Probleme geführt wird. Aus diesem Grunde treten viele Impulse als Fragen auf, die ich weder hier, noch im Unterricht selbst beantworten möchte. Jeder Schüler und jede Lerngruppe wird hier und da sicherlich zu sehr unterschiedlichen Antworten kommen.

"IN MUEDERS STÜBELE"

Bis etwa 1974 gab es kaum Verbindungen zwischen elsässischen Dialektsängern (also sog. Volksmusikern) und den mit Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke, Chemiefabriken und Häuserabriß verbundenen Rock- und Folkgruppen. Erst im Februar 1975 begann Walter Moßmann als Folkloresänger auf Anregung von Meinrad Schwörer aus Wyhl mit dem Dialekt-Singen. Moßmanns Version wurde erstmals mittels Flugblätter gesungen bei einer Kundgebung nach der Polizeiräumung des besetzten AKW-Bauplatzes in Wyhl.

Über den Inhalt dieses aus dem Badischen stammenden Liedes schreiben Tibbe/Bonson: "Eine Frau lebt mit ihrem Kind allein in einer Behausung, die so ärmlich ist, daß der Wind hindurch weht und sie fürchten muß, zu erfrieren. Sie muß mit ihrem Kind betteln gehen - in einer Version aus dem Rheinland lautet eine Strophe direkt: Ich nehm den Bettelstab und du den hm, hm, hm, ich nehm den Bettelstab und du den Stab. Die arme Frau geht mit ihrem Kind zu reichen Leuten. In einer schweizerischen Version heißt es: Du gosch vors Herrehus, und ich vors hm, hm, hm, du gosch vors herrehus und ich vors Schloß. Und sie bekommen etwas zu essen: Ein Stücklein Brot ist es in der rheinischen Version. Später wurde aus dem Bettellied u.a. ein Kinderlied: Das Betteln war nicht mehr ernst gemeint".Als Einstieg in die unterrichtliche Auseinandersetzung bietet es sich natürlich an, das Originallied zu singen. Auf dieser Basis kann erörtert werden, welche musikalischen Elemente ein "Volkslied" ausmachen: einprägsame Melodik, einfache Harmonik, zweiteilige Strophenform und konstanter Takt (Das Lied wird auch häufig als Tanzlied im 3/4-Takt gespielt). Als nächstes werden Inhalt und Sprache untersucht. Unter Einbeziehung der oben zitierten Inhaltsangabe wird schnell deutlich, daß zu einem "Volkslied" unbedingt auch Elemente aus dem Leben des "Volkes" gehören, wie hier z.B. Armut und Abhängigkeit von den Reichen. Damit unterscheidet sich das Lied deutlich von den kommerziellen Nachahmungen der deutschen "Volksmusik-Schlagerparade" etwa eines Heino oder einer Maria Hellwig. Auch Funktionen derartiger Lieder werden erkennbar. Sie können die soziale Anklage "durch die Blume" der Musik artikulieren, können zu Solidarität, zu Trost und Mut aufrufen und dienen nicht selten in Form von Flugblattliedern als Nachrichtenüberträger.

Statt nun Moßmanns Version singen zu lassen, ziehe ich es vor, den Schülern eine seiner Einspielungen auf Schallplatte vorzustellen, da es im folgenden auch um die Erörterung der Vortragsweise geht. Nachdem kurz über die Wirkung der Musik gesprochen wurde, fließen die weiteren Informationen über den Text und über die Entstehungsbedingungen dieser Version ein. Die Diskussion kreist um die Fragen: Ist das Originallied durch das klare Engagement für einen konkreten politischen Anlaß vergewaltigt worden? Ist es als Volkslied zu bezeichnen, auch wenn es jetzt ein Einzelner lausprecherunterstützt von der Bühne herab singt? Wie kann es auf die Zuhörer wirken? Werden diese "vergewaligt", oder werden sie durch kritische Reflexion zum bewußterem Handeln angeregt? Welche Rolle spielt dabei der Dialekt? Verhindert die Heimatbezogenheit eine überregionale Verbreitung? Welche Rolle haben derartige Lieder (und Liedermacher) für die betroffenen Bürgerinitiativen?

Zur Abrundung der Unterrichtssequenz können die Schüler aufgefordert werden, vergleichbare Beispiele aus ihrem regionalen Umkreis zu suchen; Bürgerinitiativen und konkrete Anlässe gibt es sicherlich überall.

"HEJO, . . ." - "WEHRT EUCH, . . ."

Der aus England stammende Kanon ist wahrscheinlich allen geläufig, so daß er in seiner deutschen Version leicht mit einer Klasse einstudiert werden kann (im "Liederbuch" von "Student für Europa" findet man auch den englischen und französischen Text. Die Wehrt Euch-Version wird merkwürdigerweise zwar im Gesamtinhaltsverzeichnis im "Liederkorb" erwähnt, taucht aber an der entsprechenden Stelle textlich nicht auf).

Das melodische Merkmal dieses Liedes ist schnell festgestellt: Pentatonik. Die Besprechung des Liedtextes führt schon auf erste Kontroversen: Kann man heute überhaupt noch so ein Lied singen, wo doch die "goldenen Garben" nicht mehr mit dem Wagen eingebracht werden, sondern wo ein kombinierter Mähdrescher gleich vor Ort erntet und Halm und Korn sauber getrennt als Strohballen, bzw. Kornstaub in entsprechende Container transportiert? (Im Schulbuch "Musik hören, machen, verstehen" wird der Kanon mit unvergleichbarer Naivität kommentiert mit: "Dieser mündlich überlieferte Kanon besingt ein uraltes Problem der Landwirtschaft: Die Ernte muß vor dem Regen eingebracht werden"!).

Als nächstes wird die Wehrt Euch-Version von der Kassette vorgespielt, nicht gesungen. Schon die Besprechung des ersten Höreindrucks macht deutlich: Hier wird versucht, über den traditionellen klanglichen Rahmen von "Volksmusik" hinauszugehen. Das Volkslied wird "arrangiert". Der Aufführungsort ist nunmehr die private Stereoanlage, bzw. die mit PA-Anlage ausstaffierte Bühne einer "Band auf Tournee". Es taucht die Frage auf, ob das Lied ein Volkslied bleibt, wenn die Gitarre durch das Keyboard ersetzt wird.

Durch eine Auseinandersetzung mit den zur Verfügung stehenden Materialien über die Antikernkraftbewegung und über die Ereignisse um Brokdorf sowie über die Entstehungsbedingungen der vorliegenden Aufnahme kann die Diskussion um Funktionen, Grenzen und Möglichkeiten "politisierter" Volksmusik vertieft werden. Die bei "Wehrt Euch" tragend beteiligte Hamburger Rockgruppe ist durch ihre Verbindung von "Genesis"-nachempfundener sophisticated Rockmusic mit politischen deutschen Texten bekannt geworden (so etwa mit ihrer Konzept-LP über die Pariser Commune). Politisch stand sie (wie wohl Walter Moßmann zeitweise auch) den "Marxistisch-Leninistischen" Gruppen (im Unterschied zur DKP) nahe.

Im Unterschied zum Lied "In Mueders Stübele" ist "Wehrt Euch" ein Kanon, der geradezu zum Mitsingen auffordert; - dies ist sogar seine Hauptfunktion. Gemeinsames Singen erzeugt Solidarität, macht Mut und verbindet eine heterogene Menschengruppe zum Kampf für ein gemeinsames Ziel. Da liegt aber auch schnell der Vorwurf in der Luft, die Musik hemme eher einen Bewußtwerdungsprozeß, als daß sie ihn fördere (wie es u.U. grundsätzlich bei allen noch so unterschiedlichen Massengesängen der Fall ist: bei Marschliedern ebenso wie bei Kirchenliedern, bei nationalen Gesängen ebenso wie bei Liedern am Lagerfeuer). In diesem Punkt setzt auch die von Peter Schleuning in seinem zusammen mit Walter Moßmann herausgegebenen Buch "Wir haben die Schnauze voll" formulierte Kritik an dem "Wehrt Euch-Kanon" an.

So kommen wir am Schluß dieser kleinen Unterrichtseinheit über zwei politische "Volkslieder" zum Infragestellen von Singen überhaupt (ohne gleich Adornos "Faschismus-Vorwurf ins Feld zu führen). Letzlich stellt sich immer die Frage: Behindert oder fördert eine musikalische Begleitung politische Aktivitäten? Hilft sie, Bewußtsein oder Erkenntnis in einem fortschreitenden Sinne zu wecken, oder "benebelt" sie und läßt gerade bei bewußter Anknüpfung an traditionelle Elemente den Unterschied zu reaktionären Bestrebungen verwischen? Von Folk- und Rockmusikern übernommene Volkslieder als " vorüberziehende Kampfes(musik) aus vergangenen, legendären Zeiten" (Schleuning)? Das Plakat über die "Wache im Wyhlerland" scheint eine eindeutige Antwort nahezulegen.


Wyhl

In Mueders Stübele (Überlieferte Version)

2. Ich muß erfrieren drin mit meinem hm, hm, hm,

Ich muß erfrieren drin mit meinem Kind.

3. Wenn das die Mutter wüßt, daß ich erfrieren muß,

sie würde grämen sich bis in den Tod.

4. Ich geh vors Herrenhaus und du vors hm, hm, hm,

Ich geh vors Herrenhaus und du vors Tor.

5. Ich krieg ein Äpfele und du ein hm, hm, hm,

Ich krieg ein Äpfele und du ein Birn.

6. Ich sag: Vergelts euch Gott, und du sagst hm, hm, hm,

Ich sag: Vergelts euch Gott, und du sagst : Dank!

 

Version von Walter Mossmann

2. Dr Wind sait d'Wohret, nit so wie d'Zittig sait,

dr Wind sait d'Wohret, i loos cm Wind.

3. Dr Wind sait d'Büre, die hän jetzt hm, hm, hm,

dr Wind sait d'Büre, die hän jetzt Krieg.

4, Dr Krieg der dundret nit, kunnt nit vun üswärts,

dr Krieg der kunnt üs dinem aigne Land,

5. Sind nit d'Franzose, sischs große hm, hm, hm,

sind nit d'Franzose, sischs große Gäld.

6. D'riiche Herre hän d'Büre üsbrücht,

die brüche Arwetslitt für d'Fabrik.

7. Welt dr Atomstrom git große hm, hm, hm,

welt dr Atomstrom git viel Profit,

8. Erseht kunnt's Atomkraftwerk un eno kunnt d'Großchemie,

un bis dü "au" gsait häsch, ischs Ländle hii,

9. Do gohsch zur Arwet für klaine hm, hm, hm,

do gohsch zur Arwet für klaine Luhn.

10, Din Luhn isch immr klai, isch dr Profit au groß,

do kunnt die Krise, bisch arwetslos,

11, So bisch d'Arwet los un bisch din Acker los,

un dine Herre bliiwe riich un groß.

12, So goht im Elsaß un in Bade hm, hm, hm,

so goht im Elsaß un in Bade Krieg.

13. In Mueders Stübele goht erseht en andre Wind,

wenn mange Litt emol erseht uffgwacht sind.

Hejo, spann den Wagen an,

sieh, der Wind treibt Wolken übers Land!

Hol die goldnen Garben, hol die goldnen Garben!

Wehrt euch, leistet Widerstand

gegen das Atomkraftwerk im Land!

Schließt euch fest zusammen, schließt euch fest zusammen!