(aus: Musik & Bildung 4/2000 S. 67)
Als mir das kleine Buch das erste mal in die Hand kam, war meine erste Reaktion: Schon wieder eine neue Musiklehre, - die zwölfte, die mein Bücherschrank unnötig füllt. Inzwischen hat sich meine Meinung grundlegend geändert: Inzwischen ist das Büchlein mein Unterrichtsbegleiter Nummer Eins geworden.
Im Grunde genommen hat Mike Schoenfeld eine traditionelle Harmonie-, Rhythmus- und Notationslehre vorgelegt, wie wir sie aus vielen anderen Publikationen kennen. Das besondere dieser Schrift sind jedoch die klare Systematik und die überzeugende Prägnanz.
Dabei ist der Lernstoff so angelegt, daß das Buch nicht von vorne nach hinten durchgearbeitet werden muß. Entsprechend der unterrichtlichen Situation können einzelne Teile getrennt voneinander erarbeitet und in die Praxis umgesetzt werden. Außerdem hilft es insbesondere den Oberstufenschüler, Themen nachzuarbeiten oder musiktheoretische Begriffe nachzuschlagen.
Als Elementarlehre für den Bereich der Jazz- und Popmusik steht die Stufenlehre im Vordergrund. Die Funktionsharmonik wird nur am Rande gestreift. Dies entspricht aber auch dem Wesen einer Musik, die mehr auf Skalenimprovisation und Klangfarbenhamonik basiert als auf Funktionsbeziehungen und Kontrapunktik.
Das Hauptanliegen des Autors ist es, dem Einsteiger die wichtigsten Kenntnisse für den Umgang mit der Jazz- und Popmusik ohne Umschweife zu vermitteln. Ohne auf Vorkenntnisse zu bauen, können die drei Teile Harmonie-, Rhythmus- und Notationslehre unabhängig voneinander durchgearbeitet werden. Eine Reihe von gut durchdachten Übungen, deren Lösungen im Anhang beigefügt sind, helfen dabei.
Der erste Teil beginnt mit der Erklärung elementarer Sachverhalte wie dem Notenliniensystem, den Notennamen, der Stammtonreihe, den Versetzungszeichen usw. Konsequent weitet sich das Gerüst einer soliden Harmonielehre über die detaillierte Besprechung der Intervalle, der Dreiklänge und der Tonleitern aus.
Gewöhnungsbedürftig ist dabei die Anpassung an die internationale englische Schreibweise: unser Ton h wird durchgehend als b bezeichnet.
Natürlich fehlt auch nicht die übliche Intervalltabelle, bei der die Intervalle mit Liedanfängen als Merkhilfe verbunden sind. Zu zwei Intervallen fiel dem Autor allerdings nichts ein, was einer Ergänzung in einer Neuauflage bedarf. Der Tritonus markiert beispielsweise den Beginn des Liedes "Maria" aus der "West Side Story". Und das Lied "Somewhere" aus dem gleichen Musical kann als Beispiel für die kleine Septime herangezogen werden.
Ein kurzer aber prägnanter und übersichtlicher Abschnitt befaßt sich mit einigen wichtigen Kadenzen. Neben der klassischen I-IV-V-I-Kadenz werden die II-V-I-Verbindung, die I-VI-II-V-Abfolge und die Quintfallkadenz erläutert.
Dem für die Jazzharmonik wichtigen Akkordaufbau und der Skalentheorie sind ein gesondertes Kapitel gewidmet. Fortgeschrittene finden hier ein weites Feld guter Anwendungsbeispiele.
Auch die ausführliche Rhythmuslehre enthält viele praktische Übungen, die sich gerade im Anfängerunterricht einsetzen lassen. Begriffe wie Tempo, Takt und Rhythmus werden übersichtlich eingeführt.
Die praktische Notationslehre beschäftigt sich mit einem Gebiet, das in den meisten Lehrbüchern vernachlässigt wird: Wie erreicht man eine optimale Lesbarkeit bei der Darstellung von Noten und Rhythmen? Der Autor legt ganz zu Recht viel Wert auf eine übersichtliche und funktionsgerechte Schreibweise. Auch dieser Abschnitt dient dem Unterricht mit Anfängern.
Eine leider sehr magere Darstellung des Quintenzirkels1 beschließt den Lehrgang. Hier hätte man sich zusammenfassend eine bessere Tabelle gewünscht . Ein ebenfalls recht dürftiger Exkurs zur Formenlehre wird auf den Anhang verwiesen.
Trotz dieser kleineren Einschränkungen, die ich nach meinen ersten Erfahrungen mit dem Buch gemacht habe, kann ich diesen Lehrgang von Mike Schoenmehl empfehlen. Es ist einerseits ein gutes Kompendium für die Oberstufenschüler, enthält andererseits aber auch wichtige Hilfestellungen für den Unterricht mit Anfängern. Die Tabellen und Notationsbeispiele sind gute Arbeitshilfen für die Hand des Musiklehrers.
1 Eine umfassende Darstellung des Quintenzirkels findet man z.B. in: Dieter Bührig (Hrsg.): Fertig ausgearbeitete Unterrichtsbausteine für das Fach Musik. Kapitel 4/7.2 (vorgeschlagen von Richard Hortien). Kissing 1999 WEKA-Verlag.