Carola Schormann: Musik der Welt - USA Südwesten. Lugert-Verlag 2003

(aus: Klasse Musik 2/2004, S. 46)

In der Reihe "Musik der Welt" liegt ein neues Heft vor. Es geht diesmal um die Musik im Südwesten der USA. Wer sich ein wenig mit Country Music beschäftigt, kann diese Region (neben Nashville / Tennessee) nicht auslassen. Zu vielfältig ist hier das Musikleben. Dieses Vielfalt birgt, will man sie im Musikunterricht thematisieren, jedoch ein großes Problem: das der Reduzierung und der Schwerpunktsetzung. Ist es sinnvoll, in einem 64 Seiten umfassenden Heft gleich fast das gesamte Musikleben einer Region zu behandeln, die in nahezu jeder Hinsicht annähernd genauso groß und differenziert ist, wie das in Westeuropa?
Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, welche Ziele man mit einer derartigen Publikation erreichen will. Soll das ein Rundschlag an Informationen über ein Territorialgebiet, eine kritische Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe einer Bevölkerungsschicht, eine Aufforderung zur Konfrontation mit dem Fremden, eine Impulsgebung im Sinne lebenswertbezogener Aspekte oder gar alles zusammen sein? Schaut man sich das Inhaltsverzeichnis an, wird klar, dass es hier um Rundschlag geht: Wir erfahren einiges über die Musik der Indianer, der Gringos, der Mormonen und der Cowboys. Außerdem gibt es Kapitel über Swing und Jazz, über Squaredance, Marching Bands, amerikanisches Ballett im Stile Aaron Coplands, über musikalische Grand-Canyon-Visionen eines amerikanischen Komponisten, Opern im Wilden Westen und nicht zuletzt über die unverwüstliche Molly Brown, die sogar den Untergang der Titanic überlebt hat. Sicherlich ist eine derartige Vielfalt für den interessierten Einsteiger faszinierend. Was nutzt mir das Heft jedoch für den Unterricht? Natürlich erwarte ich keine Unterrichtsrezepte, wohl aber Impulse, die über eine scheinbar neutrale Sachinformation hinausgehen. Was bietet der Stoff an Konfliktpotential, an Lebensweltbezug, an Möglichkeiten zu einer handlungsorientierten Auseinandersetzung?
Letzteres wird kurz gestreift: Neben einer guten (jedoch vom Layout nicht besonders motivierender) Tanzanweisung gibt es einige gut zu singende Lieder (wenngleich ich interessantere kenne). Den Lebensweltbezug stellt die Autorin mit der ausgezeichneten Idee her, die Country Music mit den Ereignissen des 11. Septembers zu kombinieren. Aber auch hier wird alles nur relativ oberflächlich gestreift. Das gleiche gilt für die Musik indigener Rockmusikgruppen, deren Konfliktpotential der Leser allenfalls ahnen kann.
Die "Anregungen für die Umsetzung im Unterricht" möchte ich als ausgesprochen dürftig bezeichnen. Sie gehen nicht über allgemeine Phrasen von Brainstorming, Möglichkeiten zum fächerübergreifenden Unterricht oder Liedvergleich hinaus. Da, wo es eigentlich interessant wird, scheinen der Autorin die Unterrichtsimpulse auszugehen.
Dabei steckt die Thematik voller Möglichkeiten. Der bekannte Song "Courtesy of the red, white and blue" von Toby Keith wird hier als Beispiel für "Country Music nach dem 11. September" thematisiert. Leider ist der Liedtext unvollständig, und es fehlt eine Übersetzung. (Der gutgemeinte Hinweis auf eine Internetadresse - deren urheberrechtlicher Zustand unklar ist - legt die Vermutung nahe, hier müssten Urheberrechtslizenzen gespart werden…). Das Lied wird mit dem ebenfalls bekannten Song "My list" verglichen, ein Vergleich, der eigentlich nur die reaktionäre, nahezu militante Grundeinstellung des Sängers untermauert. Viel spannender ist m.E. ein Vergleich mit dem viel älteren Lied "American Pie" von Don McLean. Die auffällige musikalische Ähnlichkeit konkurriert mit einer total entgegengesetzten Geisteshaltung, - ein Vergleich, der den scheinheiligen Patriotismus eines Toby Keith sofort kontrovers zur Diskussion stellt. Ein weiteres Beispiel, Begriffe wie Patriotismus und Nation zu hinterfragen, wäre der für den Unterricht sehr ergiebige Vergleich des Toby Keith Hits mit der Anti-War-Hymne des (fast) gleichen Titels von Rich Hopkins (übrigens ein Musiker, um den man eigentlich nicht herum kommt, wenn man vom Südwesten der USA berichtet…). Einige Details nebenbei: Das Lied "Courtesy…" ist nicht als Reaktion auf die Ereignisse des 11. Septembers, sondern bereits 6 Monate zuvor aus Anlass des Todes seines Vaters entstanden. Der Videoclip von "My list" (warum gibt die Autorin nicht auch hier die Internetadresse an, unter der man sich leicht diesen Clip runterladen kann…?) beginnt mit einem eigens auf den 11. September zugeschnittenen sehr diskussionswürdigen Vorspann. Schließlich sollte präzisiert werden, dass das mit "Country-Interpret auf einem State Fair" titulierte Bild auf Seite 6 unten Kix Brooks von dem im Text erwähnten Duo "Brooks & Dunn" zeigt, einer Gruppe, die das Toby Keith Lied ebenfalls eingespielt hat. Bedenklich finde ich, dass die Autorin Interpreten wie diese umstandslos in die Kategorie Country Music einreiht, obwohl doch alle die von ihr vorher benannten Stilmerkmale (Fiddle, Banjo, Gesangstechnik, Jodel-Effekt usw.) gerade hier nicht zutreffen. Allein die Tatsache, dass diese Gruppen auf der Beliebtheitswelle der Country Music schwimmen, ohne deren Tradition zu wahren, sollte genügend konfliktgeladenen Gesprächsstoff über das amerikanische Showbusiness bieten. Ähnliche Kritik könnte ich im Detail an dem Kapitel über indigene Musik äußern: Übersetzungen fehlen, Detailwissen scheint nicht vorhanden zu sein, vieles wird verharmlost. Woher kommt z.B. der Name der indigenen Rockgruppe "XIT"? Warum wird eine viel radikalere Gruppe wie beispielsweise "Clan/destine" nicht erwähnt? Oder Rich Hopkin´s berühmtes Lied "Ka-Ju-Tah"? Hier hat die Autorin Chancen zu einer facettenreichen und kontroversen Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Auseinandersetzung mit dem Fremden" vertan. Die vielen anderen Kapitel über Opern, Ballett, Swing usw. hätten meiner Meinung nach getrost dafür geopfert werden können. Positiv sei angemerkt, dass der Verlag eine Hybrid-CD beigefügt hat. So kann man neben den Hörbeispielen auch Videosequenzen abspielen. Diese haben allerdings Amateurcharakter, - die Übernahme der oben erwähnten professionellen Videoclips wird wohl aus urheberrechtlichen Gründen zu teuer geworden. Zusammenfassend möchte ich betonen, dass dieses Heft einen ersten groben Einblick in eine wichtige Musiklandschaft gibt. Mehr aber auch nicht, - ich würde das Heft nicht als Klassensatz erwerben und im Unterricht verwenden.