Soul: Sittin´on the dock of the bay – Liedvergleich Otis Redding, Elton John, Udo Lindenberg
(aus: Musik und Bildung 3/91 S. 65 ff)
"These songs were inspired by the Soul pioneers of the and Seventies, whose music meant so much to us". So lautet die auf der zur LP "Sleeping with the past" abgedruckte Widmung von Elten John und seinem Texter Berni Taupin. Dieser Satz fordert einen Liedvergleich, also auch einen Stilvergleich geradezu heraus. In 10. Klassen unterrichte ich häufig das Thema "Entwicklung der Rockmusik", weil in diesem Alter sowohl eine deutliche kritische Distanz gegenüber dem eigenen Hörverhalten (und damit die Chance einer Reflexion "gewohnter" Musik), als auch (noch) eine klare Bevorzugung der Popmusik vorzuherrschen scheinen. Jüngere Schüler bleiben nach meinen Beobachtungen beim subjektiven Konsumieren von Popmusik stehen und wehren sich gegen die "Versachlichung", d.h. gegen den Einbezug von stilistischen und soziologischen Aspekten der Entstehungsbedingungen von Popmusikrichtungen. Bislang hatte ich das Thema in Form eines chronologischen Durchgangs durch die Popmusik seit 1950 unterrichtet, wobei das Augenmerk auf Zeiten des "Stilwandels" lag. Mit der folgenden Unterrichtsskizze wich ich vom chronologischen Ansatz ab und führte Stilvergleiche anhand eines außermusikalischen Themas, hier des Problems von Einsamkeit und Zuflucht, durch.
Zunächst lesen und übersetzen die Schüler den Text von Elton Johns "Club at the end of the street". Die Namen Otis (Redding) und Marvin Gaye sind einem Schüler als Soulinterpreten bekannt. Nach einer kleinen zusammenfassenden Diskussion (und ihrer Kenntnis von Musik Elton Johns) vermuten die Schüler "gewöhnliche" schwungvolle, gut tanzbare Diskomusik. Die Disko ist der Ort, an dem man sich trifft, sich mit seiner Freundin vergnügt, wo man zur Musik tanzt: You can't sit still. Das von der Platte vorgespielte Stück scheint diesen Eindruck zu bestätigen: eingängige, schwungvolle Musik, brillanter Sound, starkes Saxophonsolo und im Refrain der bekannte Background-Chor alles in allem nichts Überraschendes, oder ..?
Ich stelle den Schülern die eingangs erwähnte Widmung vor. Sie führt zu der Frage: Was ist "Soul"-Musik eigentlich? Aus einem Wust an Halbkenntnissen und Vorurteilen schält sich heraus, daß es sich hier um ursprünglich "schwarze Musik", um eine Art säkularisierter Gospelmusik handelt. Der Begriff "Seele" soll nicht nur den intensiven Gesangsstil charakterisieren, sondern auch auf Themen hinweisen, die für den Blues typisch sind: Einsamkeit, Melancholie, Sehnsucht, Liebesleid und Traurigkeit gleichermaßen wie Lebensbejahung, Hoffnung, Solidarität und Tanzvergnügen.
Ich ergänze: Otis Redding verunglückte 1967 tödlich bei einem Flugzeugabsturz und konnte den weltweiten Erfolg seines bekanntesten Songs Sittin' on the dock of the bay nicht mehr erleben. Marvin Gaye starb 1984 infolge einer Schußverletzung, die er sich in einem Streit mit seinem Vater zugezogen hatte. Sein Leben war von Ehekrisen und Drogen- und Finazproblemen überschattet.
Diese Definition von Soul-Musik sorgt in Zusammenhang mit dem Elton-John-Stück eher für Verwirrung als für Klärung: es scheint nur die zweite Seite der Medaille anzusprechen - wo bleibt da der "Soul"?
Ich spiele nochmals das Stück von Elton John vor, unmittelbar gefolgt von Sittin' on the dock of the bay von Otis Redding. Der direkte Vergleich zeigt eine gewisse Ähnlichkeit, festgemacht an einer noch vorläufig unbestimmten musikalischen "Wendung".
Zur genaueren Ortung dieser Ähnlichkeit werden beide Lieder anhand der jetzt ausgeteilten Noten kurz einstudiert und gemeinsam gesungen. Bei Elton John singe ich die Strophe, die Schüler den Refrain. Den Schülern fällt die typische Harmoniefolge D - Fis - G - E auf (den Begriff Mediante verheimliche ich). Sie prägt das musikalische Bild beider Songs. Aus ihr ergeben sich auch zwangsläufig Ähnlichkeiten in der Melodieführung der Gesangsstimme. Elton John zitiert also den Soulsänger Otis Redding nicht nur namentlich im Text, sondern auch durch die harmonische Grundsubstanz.
Gibt es weitere, textlich bedingte Übereinstimmungen? Dazu muß der Text von Otis Redding gelesen und übersetzt werden. Es zeigt sich: Beide Songs führen in eine andere Welt. Redding singt von einem Arbeitslosen, einem Einsamen, der von morgens bis abends am Hafen sitzt, der vom geschäftigen Treiben ausgeschlossen ist, die Zeit totschlägt, bzw. für den die Zeit stehengeblieben ist. Sein Traum vom Glück ist zerronnen, er hat den langen Weg quer durch die Staaten vergeblich gemacht. Seine Heimat ist jetzt das Abseits, die Einsamkeit, "der Rand der Welt". Der Gesang von Otis Redding unterstützt diese melancholische Grundstimmung,
Anders Elton John: Sologesang und Chor sind energisch, geradezu aufwieglerisch. Der Text handelt vom "Inseln". Man trifft im Club am Ende der Straße die Freunde, findet seine Heimat beim Klang vertrauter Musik. Man ist "in Stimmung", nichts erinnert an die Sorgen des Alltags. Der Club ist die Oase, die man am Ende eines Werktags aufsucht, um ein Rendezvous zu erleben. Die Soulmusik kommt von Platte, sie dient dem Tanzvergnügen, Sicherlich werden die "fetzigeren" Songs von Otis und den anderen abgespielt, wie etwa Love Man oder Sweet Soul Music.
Eine Schülerin findet dennoch eine Brücke zu den Soulsängern: Bei Elton John ist die Rede von einem "Shadey place". Der Club ist am Ende der Straße. "Lord have mercy" heißt es an anderer Stelle. Sind dies vielleicht Hinweise auf die Sackgassen, in die das Leben von Otis und Marvin hineingeraten sind? Das wiederum wäre ein Teil der Soulmusik: Einsamkeit, Blues, Abgeschiedenheit. Der Musiklehrer ist wieder einmal an eine Stelle geraten, wo die subjektive Spekulation überwiegt, wo es keine Möglichkeit der Entscheidung "richtig" oder "falsch" gibt. Er muß diese Interpretation gelten lassen. Die meisten Schüler sind anderer Meinung: Der Sound bei Elton John klinge dafür viel zu konventionell, zu fröhlich. Am vernichtendsten ist das Urteil eines Schülers, der Elton John vorwirft, auf die Beliebtheit der Soulmusik anzuspielen, um in Wirklichkeit handfest kommerzielle Diskomusik zu machen.
Das Klingelzeichen unterbricht die Diskussion in ihrem argumentativen Höhepunkt. Die nächste Doppelstunde beginnt mit dem kommentarlosen Vorspiel Udo Lindenbergs "Ich sitz' den ganzen Tag bei den Docks. Sofort flammt die Diskussion erneut auf, man resümiert die Diskussion der vorangegangenen Stunde. Otis Reddings und Elton Johns Lieder werden zum direkten Vergleich nochmals gehört.
Alle Schüler finden das Lied von Lindenberg der Soulmusik angemessener. Der Text "verschönt" nichts, das Wesentliche des Liedes von Otis Redding bleibt erhalten, obwohl die deutsche Sprache sicherlich nur schwer das "schwarze Feeling" erzeugen kann. Allein der kleine Zusatz "und das bedient mich in keinster Weise" hebt Lindenberg aus dem geläufigen deutschen Diskomusikstil heraus. Menschliche Grunderfahrungen, die sich im "Soul" artikulieren, werden hier aus dem schwarzen Getto herausgehoben und international verallgemeinert. Die Schüler finden, daß Lindenbergs Sound zwar effektheischend und glänzender als der von Otis ist, empfinden jedoch, daß er dennoch meilenwert von der perfektionierten Kommerzialität des Elton John entfernt ist.
Der Wunsch wird laut, sich weiter mit Lindenberg, also mit deutscher Rockmusik zu beschäftigen. Mit Lindenbergs Version des Procol-Harum-Titels Salty Dog wird der Unterricht fortgesetzt, womit die Auseinandersetzung mit Soulmusik endet.
Otis Redding: Sittin´ on the dock of the bay
Sittin´ in the morning sun, I´ll be sittin´ when the evening come,
Watchin´ the ships roll in, then I watch ´em roll away again.
Sittin´ on the dock of the bay watchin´ the tide roll away.
Sittin´ on the dock of the bay, wastin´ time.
I left my home in Georgia, headed for the Frisco Bay.
I have nothing to live for, look like nothing gonna come my way.
So I´m just gonna sit on the dock of the bay watchin´ the tide roll away.
Sittin´ on the dock of the bay, wastin´ time.
Look like nothing gonna change.
Ev´rything still remains the same.
I can´t do what peolpe tell me to do
So I guess I remain the same.
Sittin´ here resting my bones and this loneliness won´t leave me alone.
A thousand miles I roam just to make this dock my home.
Now I´m just sittin´ on the dock of the bay watchin´ the tide roll away.
Sittin´ on the dock of the bay, wastin´ time.
Udo Lindenberg: Ich sitz´ den ganzen Tag bei den Docks
Den ganzen Tag sitz´ ich am Hafen, die Schiffe laufen ein und aus.
Den ganzen Tag sitz´ ich am Hafen, hab´ keinen Job und kein Zuhaus.
Ich sitz´ den ganzen Tag bei den Docks, und alles, was ich hier machen kann,
von guten Zeiten träumen und ich guck´ mir Flut und Ebbe an.
Ich kam den weiten Weg von Georgia, trampte zur Frisco-Bay
in der Hoffnung, hier was aufzubaun, doch jetzt glaub´ ich, ich sollte bald wieder abhaun.
Nichts, was ich hier tun kann – die Kähne gehen auf die nächste Reise
und ich häng´ hier rum, verlier´ meine Zeit und das bedient mich in keiner Weise.
Was soll ich machen, wenn nichts passiert?
Ich bin kaputt und deprimiert.
Die anderen Typen hier, genauso wie ich,
sie suchen Arbeit, doch die gibt es nicht.
Hier hab´ ich nichts gefunden außer Einsamkeit.
Zweitausend Meilen hab´ ich hinter mir,
doch jetzt vertu´ ich hier meine Zeit.
Ich sitze bei den Docks an der Bucht.
Elton John: Club at the end of the street
When the shades are drawn and the light of the moon is banned
And the stars up above walk the heavens hand in hand,
There´s a shadey place at the end of the working day,
Where young lovers go and this hot little trio plays.
That´s where we meet, that´s where we meet,
me and you rendezvous in the club at the end of the street.
From the alleyways where the catwalks gently sway
You hear the sound of Otis and the voice of Marvin Gaye.
In this smookey room there´s a jukebox plays all night
And we can dance real close beneath the pulse of a neon light.
There´s a downtown smell of cooking from the flame on an open grill,
There´s a sax and a big bass pumpi´, Lord have mercy,
Oh ya can´t sit still.