(aus: Musik und Bildung 4/01 S. 15 ff)
Einer der bekanntesten Streitfälle in der Musikgeschichte ist derjenige im Leben des jungen Mozarts, der zu dessen Abkehr von Salzburg und damit zum Beginn seiner Karriere in Wien führte. Dabei ging es weniger um finanzielle Probleme. Vielmehr war die Auseinandersetzung bestimmt durch Mozarts verständlichen Wunsch, seinen eigenen Weg zu gehen, frei zu sein von fürsterzbischoflicher Bevormundung. Die entsprechende Szene aus dem Musical "Mozart!" kann mit Hilfe der szenischen Interpretation mit Schülern der Mittelstufe nachgestellt werden.
Mozart contra Colloredo
In dem Musical "Mozart!", welches zur Zeit erfolgreich in Wien aufgeführt wird, spielt die Szene um diesen Streitfall ein wichtige Rolle. Dabei erhält Fürsterzbischof Colloredo eine ähnlich Bedeutung wie sie Salieri in dem Film "Amadeus" zukommt: als Gegenspieler Mozarts zu fungieren. Colloredo wird hier nicht als engstirniger Provinzherrscher dargestellt, sondern symbolisiert die Welt der aristokratischen Aufklärung. In einem seiner Lieder heißt es:
"Ich habe mein Leben mit Büchern vergeudet, um Gott und die Welt zu verstehen. Ich hab´ die Natur untersucht und gedeutet, um hinter die Dinge zu sehen. Doch langsam wird mir klar: Ich schein´ mich wie ein Narr im Kreise zu drehen... Wie kann es sein, dass die Vernunft, die diese Welt erhellen soll, besiegt wird vom Zauber der Musik?" .
Während der Amadeus-Film die Kluft zwischen Genie und künstlerischem Mittelmaß (Mozart - Salieri) thematisiert, geht es hier in der Gegenüberstellung von Mozart und Colloredo um eine alte Kontroverse. Was bringt dem Menschen höhere Erkenntnis: die Wissenschaften oder die Künste? Im Musical wird diese Frage eindeutig zu Gunsten des letzteren beantwortet. Zu spät erkennt Colloredo, daß sein Rationalismus und seine Macht als aufgeklärter Herrscher angesichts der unsterblichen Kunst eines Mozarts ihre Existenzberechtigung verlieren. Mozart erweist sich auf seinem Gebiet "von höherem Adel". In der vorliegenden Szene wird klar: Kunst braucht Freiheit. Aber auch ein zweiter Aspekt tut sich auf. Mozart ist sich seiner Größe bewußt und kann es nicht länger ertragen, als Musiker am Hofe des Fürsterzbischofs in der Rangordnung unter dem Küchenmeister zu stehen. Er will seinen eigenen Weg gehen, seine künstlerischen Ambitionen nicht länger von der Gunst eines in Sachen Musik inkompetenten Fürsten abhängig machen.
Streit als Tunverstärkung
Gerade dieser zweite Aspekt stellt den Bezug dieser Szene zur Lebenswelt der Schüler der Mittel- und Oberstufe her. Die Suche nach der eigenen Identität, der Wunsch, einen eigenen Weg zu gehen, ist in diesem Alter ein vorrangiger Prozeß, der in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen stattfindet - Elternhaus, Freundeskreis, Schule usw. - und der nicht selten mit aggressivem Streit verbunden ist. "Streit ist Tunverstärkung, weil der Partner einen nicht so an sich tun läßt, wie man möchte." So hat es ein Psychologe formuliert. "Im Augenblick ist dann aus der Wir-Verbindung zweier Menschen eine Gegenstellung geworden... Das Wesentliche des Streits liegt einzig und allein in der blinden Dramatisierungstendenz, die uns überwältigt, sowie jemand die Wirbeziehung durch Gegenstellung aufhebt. Wenn wir nicht am Mitmenschen so tun können, wie wir möchten, springt die Verstärkung durch Aggressivität selbständig ein, und das ist dann "Streit"."
zum Inhalt des Musicals
Um die vorliegende Szene in den Gesamtzusammenhang einzuordnen und die Charaktere umreißen zu können, machen sich die Schüler zunächst mit dem Inhalt des Musicals vertraut (s. Kasten). Mozart erscheint als genialer Künstler, der sich von seinem tyrannisch-liebenden Vater und einem System der Bevormundungen befreien muß, um sich als Musiker und Mensch entfalten zu können. Mit einem "Kunstgriff" hat Michael Kunze, der Autor des Musicals, dieser Ebene der äußeren Streitigkeiten eine Ebene der inneren Konflikte hinzugefügt. Die nahezu schizophrene Spaltung der Persönlichkeit Mozarts in Mensch und Künstler wird durch die beiden Rollen Wolfgang und Amadé verdeutlicht. Der lebenshungrige Mensch Wolfgang muß sich nicht nur gegen das System der äußeren Bevormundungen durchsetzen, sondern außerdem noch gegen seinen eigenen Schatten, gegen sein Schicksal als unsterbliches Genie. Konsequenterweise schließt das Lied "Wie wird man seinen Schatten los?" direkt an die Fußtritt-Szene an (s. Kasten).
Einfühlung auf zwei Gleisen
Die Einfühlung in die Szene erfolgt auf zwei Wegen. Zum einen werden historische Quellen aus der Zeit herangezogen, zum anderen können die Schüler Materialien aus dem aktuellen Musical nutzen. Somit steht die Einfühlung im Spannungsverhältnis zwischen objektiven geschichtlichen Vorgaben und einem subjektiven zeitnahen Mozartbild. Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, dieses Bild an Hand der Fakten zu überprüfen. Vielmehr soll diese zweiseitige Annäherung an die Person Mozarts einen offenen Anreiz bieten, ein eigenes Bild von dem jungen Komponisten zu entwickeln. Damit haben die Schüler die Möglichkeit, dessen Probleme als Heranwachsender in den Bereich des Persönlichen hineinzubeziehen. Die Auseinandersetzung mit der Musicalszene hilft, gewissermaßen "durch die Blume" über die eigenen tiefsten Empfindungen in würdevoller Distanz zu diskutieren, ohne die Integrität der Persönlichkeit zu verletzen. Die beiden Hauptfiguren können durch Bildbetrachtungen charakterisiert werden. Dazu werden je zwei historische Gemälde mit zwei Szenenfotos der Wiener Inszenierung verglichen (s. Kasten). - Zu Collordeo: Beide Bilder zeugen von hochadeligem Luxus und gleichermaßen vom Geist der Aufklärung. Buch und Kreuz scheinen wichtige Pfeiler des Fürsterzbischofs zu sein. Bemerkenswert ist die Ähnlichkeit der Haartracht. Die durch "Geheimratsecken" betonte hohe Stirn scheint für Strenge und Geisteswissenschaft zu sprechen. - Zu Wolfgang: Ein direkter Vergleich ist hier kaum möglich. Das vorliegende Portrait zeigt den jungen Mozart nachdem er 1770 vom Papst den Orden als "Ritter vom Goldenen Sporen" erhalten hatte. In dem ernsten Gesicht finden sich keine Spuren mehr von dem "Wunderkind", wie er auf früheren Gemälden gerne dargestellt wurde. Das Szenenphoto zeigt Wolfgang zusammen mit seiner Schwester Nannerl. Hier scheinen sich kindliches Spiel und die wilde Entschlossenheit des selbstbewußten jungen Heranwachsenden zu vereinigen.
Eine weitere wichtige Quelle zur Einfühlung in die Figur des Wolfgang stellen Mozarts Briefe dar (s. Kasten). Aus diesen geht hervor, daß sich Mozart zunächst mit Bittschriften an den Fürsterzbischof gewandt hatte. Doch da dieser in seiner starrsinnigen Haltung verharrte und dazu Mozart noch mit erniedrigenden Worten beschimpfte, mußte es zwangsläufig zu Wolfgangs Entschluß kommen, dem Salzburger Hof den Rücken zu kehren. Hier zeigt sich deutlich, sich Differenzen in einen Streit als "Tunverstärkung" eskalieren, "weil der Partner einen nicht so an sich tun läßt, wie man möchte". Im Libretto des Musicals wird gerade dieser Aspekt deutlich herausgearbeitet.
Rollenbiographien einmal etwas anders
Rollenbiographien sind ein wichtiger Schritt bei der szenischen Interpretation. Die Darsteller sollen sich hier über ihre Rolle genaue Rechenschaft ablegen. Dabei wird so getan, als befinde sich die Person kurz vor dem Auftritt zur betreffenden Szene. Sie überdenkt ein letztes mal ihre Situation. So kann man sich beispielsweise fragen: - Wie heißt Du? Wie alt bist Du? Unter welchen Verhältnissen bist Du aufgewachsen? - Was bist Du von Beruf? Wie stehst Du zu ihm? - Welche Kleidung bevorzugst Du? Hast Du "typische" Körperhaltungen oder Redewendungen? - Wer sind Deine Freunde? In welchen Kreisen verkehrst Du? - In welchem Verhältnis stehst Du zu den anderen Personen der Szene? - Wie schätzt Du Dich selber ein? Welche Einstellungen hast Du? Wie möchtest Du Dir Dein Leben gestalten? - Was hat Dich in der Vergangenheit geprägt? Was erwartest Du von der Zukunft? - Was sind im Moment Deine vordringlichsten Probleme? - Was erwartet Dich in der folgenden Situation? Wie willst Du dabei vorgehen? Normalerweise werden die Rollenbiographien von den Schülern frei formuliert. In diesem Falle haben meine Schüler den Versuch gemacht, sie aus den der Szene vorhergehenden Libretto-Textstellen zusammenzustellen und kurz zu überarbeiten (s. Kasten). Dieser direkte Bezug zum Wortlaut des Originals verhindert ein zu phantasievolles Ausschweifen und gibt den Schülern zusätzlich konkrete Arbeitshilfen.
Rollenspiel und Reflexion
Anschließend kann die eigentliche Arbeit an der Szene beginnen. Die Gruppe teilt sich in Darsteller, Regisseure, Techniker und Berichterstatter. Die Texte (s. Kasten) werden durchgesprochen, Regieanleitungen festgelegt, Raum und Beleuchtung eingerichtet usw. Darüber hinaus wird das anschließende Lied "Wie wird man seinen Schatten los?" (s. Kasten) einstudiert. Je nach Möglichkeiten der Lerngruppe kann es vollständig selbständig gesungen werden, oder als Playback von CD eingespielt werden. Während der Probenarbeit wird das Spiel an wichtigen Stellen unterbrochen. Die Darsteller müssen "einfrieren", Standbilder werden moduliert, die räumliche Spannung zwischen den Figuren wird überprüft usw. All diese Aktivitäten münden in einer kleinen Aufführung vor Mitschülern oder bei laufender Videokamera. Eine Reflexion schließt sich an: - Wie hast Du Dich in der Rolle während des Spiels gefühlt? - Kommt das Problem der Suche nach dem eigenen Weg angemessen zum Ausdruck? - Konntet Ihr Euch mit der Figur des Wolfgang identifizieren? - Empfandet Ihr, daß dieser Streit zwischen Mozart und Colloredo eine richtige und notwendige Form der Auseinandersetzung war? - Welche alternativen Formen bei der Durchsetzung Wolfgangs Wünsche könntet Ihr Euch vorstellen? - Wart Ihr selber auch schon einmal in ähnlichen Situationen? Wie habt Ihr reagiert, und wie hättet Ihr vielleicht besser reagiert?
Inhalt des Musicals
An einem Herbstabend des Jahres 1809 gehen drei Gestalten über den nachtdunklen Friedhof von St. Marx: Mozarts Witwe Constanze Nissen und der Arzt Doktor Anton Mesmer mit seinem Diener. Frau Nissen hat Dr. Mesmer versprochen, ihm gegen entsprechende Bezahlung Mozarts Grab zu zeigen. Überwältigt von der Magie des Ortes erinnert sich Dr. Mesmer an einen Auftritt des Wunderkindes Amadé vor vierzig Jahren im Barockgarten seiner Wiener Villa. Die Musik von damals erklingt, und wir befinden uns im Wien des Jahres 1768. Auf einer Freiluftbühne präsentiert der Salzburger Kapellmeister Leopold Mozart seinen Sohn Wolfgang Amadé einer erlauchten Wiener Gesellschaft. Dabei assistiert Amadés ältere Schwester Nannerl, vor kurzem selbst noch ein Wunderkind. Amadé ist unaufmerksam, denn er ist krank. Aus dem Kreis der Gäste tritt die Baronin von Waldstätten und ermahnt den Vater, den kleinen Jungen nicht zu überfordern. Inzwischen findet Amadé im Garten ein geheimnisvolles Kästchen, das er dank eines Machtwortes der Baronin behalten darf. Neun Jahre später. Aus dem Wunderkind ist ein junger Mann geworden. Wolfgang Mozart zeigt seiner Schwester Nannerl einen roten Gehrock, den er sich hat schneidern lassen. Der hinzukommende Vater Leopold verbietet Wolfgang, den Rock zu tragen. Nannerl muss ihn zurückbringen, während Wolfgang eine vom Salzburger Fürsten bestellte Serenade fertigzustellen hat. Auf der Bühne schreibt Wolfgang die Partitur nicht selbst. Das tut das Wunderkind, das als sein zweites Ich Mozarts Genie verkörpert. Amadé, das "ewige Porzellankind", folgt Wolfgang durch das ganze Stück hindurch wie ein Schatten. Für die anderen Personen ist es unsichtbar. Sie sehen nur den Menschen Wolfgang Mozart. Doch der kleine Amadé, sein forderndes Genie, ist allgegenwärtig. Der Wunderknabe komponiert ununterbrochen, meist über einen Stoß Notenpapier gebeugt, mag der erwachsene Wolfgang auch spielen, trinken, lieben oder träumen. Während Amadé die Serenade notiert, kämpft Wolfgang mit seinem Zorn auf den Vater. Wann endlich, fragt er sich, wird er aufhören, mich zu bevormunden? Warum akzeptiert er mich nicht, wie ich bin? In der Salzburger Residenz bereiten unterdessen fürstliche Bedienstete unter Aufsicht des obersten Kammerherrn Graf Arco für den Abend ein Festessen vor. Fürsterzbischof Colloredo erscheint und mahnt die Dienerschaft zu Fleiß und Disziplin. Er ist erzürnt darüber, dass sich Wolfgang und Leopold Mozart wieder verspätet haben. Als sie endlich eintreffen, reizt Wolfgang den ohnehin ärgerlichen Fürsten durch sein herausforderndes Auftreten. Colloredo zerknüllt die ihm übergebene Partitur und wirft sie weg. Empört quittiert Wolfgang den Dienst. Leopold ist entsetzt. Aber Wolfgang fühlt sich befreit. Er ist sicher, in Wien, Paris oder London eine bessere Anstellung zu finden. Allein will er sich auf die Reise machen. Doch Leopold weiß, wie unselbständig Wolfgang ist. Er will ihn nicht fortlassen. Doch der junge Mann setzt seinen Willen durch und verlässt Salzburg in Begleitung seiner Mutter. Nannerl berichtet den neugierigen Salzburger Marktfrauen vom Verlauf der Reise. Sie ist sicher, dass Wolfgang eine glänzende Stellung erhalten wird. Doch Graf Arco weiß es besser: Fürst Colloredo lässt seinen Einfluß spielen, um Mozarts Ziel zu vereiteln. Der zurückgebliebene Leopold ahnt Schlimmes. Längst reut es ihn, dass er seinen Sohn ziehen ließ. Da er von der Welt und den Menschen nur Schlechtes erwartet, wünscht er dem gutgläubigen Wolfgang ein Herz aus Eisen. Seine Befürchtungen erweisen sich rasch als berechtigt. In Mannheim gerät Wolfgang in die Fänge der übel beleumundeten, töchterreichen Familie Weber. Mutter Weber setzt ihre Tochter Aloysia auf Mozart an. Mit Erfolg. Verliebt und geschmeichelt gibt Wolfgang den Webers sein Geld und verspricht, Aloysia zur Primadonna zu machen. Als Leopold davon erfährt, ist er außer sich. Im Zwiegespräch mit Gott sucht er nach einem Weg, seinen Sohn zu retten. Er befiehlt Wolfgang, sofort nach Paris zu reisen, und zwar nur in Begleitung seiner Mutter. Schweren Herzens gehorcht Wolfgang. Um Aloysia nicht zu verlieren, schickt er den Webers noch von Paris sein ganzes Geld, auch das, welches der Vater ihm aus Salzburg geschickt hat. Dabei sind er und seine Mutter selbst in Armut geraten. In einem elenden Zimmer stirbt die Mutter. Verzweifelt fragt Wolfgang nach dem Sinn des Lebens. Gescheitert und allein kehrt er nach Salzburg zurück. Die neidischen Bediensteten des Fürsterzbischofs sehen es mit Genugtuung. Sie werden nicht müde, die demütigende Heimkehr des ehemaligen Wundersohnes im Wirtshaus nachzuspielen. Der Theaterprinzipal Emanuel Schikaneder, der mit seiner Truppe gerade in der Stadt gastiert, freut sich über soviel Sinn für Theatralik. Leopold Mozart glaubt, einen Weg gefunden zu haben, seinen Sohn Wolfgang für alle Zukunft an sich zu binden: Er rechnet ihm die Schulden vor, die er abzuarbeiten hat. Als die Baronin von Waldstätten erscheint und anbietet, Wolfgang nach Wien mitzunehmen, lehnt Leopold brüsk ab. Wolfgang muss in Salzburg bleiben. Einige Monate später bietet sich eine neue Chance. Fürsterzbischof Colloredo reist samt Hofstaat nach Wien und beordert Wolfgang ebenfalls dorthin. Graf Arco ist dagegen. Er befürchtet, der junge Komponist könnte dem Fürsten in Wien entgleiten. Doch es bleibt bei Mozarts Aufnahme in Colloredos Gefolge. Im Wiener Prater steht er bald darauf unter Schaulustigen, die einer Schaustellertruppe zusehen. Sie besteht aus der Familie Weber, die ihr Wirkungsfeld inzwischen von Mannheim nach Wien verlagert hat. Wieder verliert Wolfgang den Kopf - im wahrsten Sinne des Wortes. Aloysia hat zwar inzwischen einen anderen geheiratet, doch eine zweite Webertochter macht ihm schöne Augen: die leichtlebige Constanze. So läßt Wolfgang sich gerne überreden, in die Weber'sche Wohnung zu ziehen. Davon hört man auch in Salzburg. Leopold spürt, dass sein Sohn in Wien bleiben wird. Er fühlt sich von ihm verraten. Verbittert wirft er Wolfgangs Wunderkind-Trophäen in die Salzach. Nannerl gelingt es nicht, ihren Vater zu trösten. Sie bleibt allein zurück und wird sich darüber klar, dass der Traum ausgeträumt ist, den sie in ihrer und Wolfgangs Wunderkinderzeit träumte. Während ihr Bruder den Weg des Künstlers gehen wird, wird sie die Fürsorge für den Vater und die ihr als Frau zugewiesene Rolle an ein kleinbürgerliches Leben fesseln. In Wien kommt es zum Eklat. Statt Wolfgang dem Kaiser vorzustellen, wie er es versprochen hatte, beordert Fürsterzbischof Colloredo den jungen Mozart nach Salzburg zurück. Erbost stellt dieser den Fürsten zur Rede. Die Auseinandersetzung endet mit Mozarts Entlassung. Graf Arco befördert den rebellischen Komponisten mit einem Fußtritt aus dem fürsterzbischöflichen Gemach. Als sich Wolfgang seiner neugewonnenen Freiheit freuen will, wird ihm bewusst, dass er seine Fesseln nicht wirklich los ist. Sein Künstlertum stellt Forderungen an ihn, die weiter gehen als jeder äußere Zwang. Amadé wird mehr und mehr zum Dämon. Der Mensch Wolfgang Mozart ist dazu verdammt, sein Leben dem Genie zu opfern.
- Pause -
Auf dem herbstlichen Friedhof von St. Marx beginnt der Diener an der bezeichneten Stelle zu graben. Frau Nissen weigert sich, Dr. Mesmer indiskrete Fragen nach Wolfgangs "Seltsamkeiten" zu beantworten. Über ihre Ehejahre mit dem Verstorbenen will sie nicht sprechen. Dr. Mesmer erinnert sich, dass Mozart sich manchmal sehr merkwürdig benahm. Abermals blendet die Geschichte zurück. Diesmal ins Jahr 1781. Nach einem Konzert Mozarts streiten sich Anhänger und Gegner über das Können und die zukünftige Bedeutung des Komponisten. Sie sind sich nur in einem Punkt einig: In Wien genügt es nicht, talentiert und erfolgreich zu sein. Man muss auch die Kunst der Intrige beherrschen. Wolfgang ist inzwischen aus der Weber'schen Wohnung ausgezogen. Doch seine Liebe zu Constanze ist dadurch nur noch stärker geworden. Eines Abends besucht sie ihn überraschend. Sie ist im Streit von zu Hause fortgelaufen. Zu ihm, dem einzigen Menschen, dem sie vertraut. Als Wolfgang sie tröstend in die Arme nehmen will, stehen auf einmal Cäcilia Weber und ihr neuer Liebhaber Johann Thorwart in der Tür. Die beiden bezeichnen Mozart als Verführer. Sie zwingen ihn, einen vorbereiteten und mitgebrachten Vertrag zu unterzeichnen, mit dem sich Wolfgang zur Eheschließung oder zu lebenslangen Unterhaltszahlungen verpflichtet. Constanze ist über das Komplott ihrer Mutter empört. Sie nimmt ihr den Vertrag heimlich weg und zerreißt ihn vor Wolfgangs Augen. Ein schales Gefühl bleibt. In einem Alptraum sieht sich Wolfgang Mozart von den Gestalten seines Lebens bedrängt. Er befindet sich auf einem Maskenball. Keiner ist das, was er scheint. Wolfgang sucht die Antwort auf das Rätsel seines Lebens. Der maskierte Vater scheint sie zu wissen, doch er verschwindet im Treiben der Masken. Die Baronin von Waldstätten fordert Wolfgang auf, nicht länger dem Vater nachzulaufen. Er soll endlich erwachsen werden. In Salzburg hat sich Nannerl in einen mittellosen Mann verliebt, den sie nach dem Willen Leopolds nicht heiraten darf. Nur eine Mitgift würde die Ehe möglich machen. Inständig bittet Nannerl den Bruder, ihr zurückzugeben, was der Vater ursprünglich für sie zurückgelegt, aber ihm vor Jahren nach Paris geschickt hat. Wolfgang hat das Geld und ist bereit, es ihr zu geben. Abends trägt er das für sie bestimmte Kuvert schon bei sich und will damit zur Post. Doch zweifelhafte Freunde machen ihn betrunken und nehmen ihm beim Kartenspiel alles ab. Constanze ist nicht die Frau, die Wolfgang von seinen Schwächen heilen könnte. Sie liebt das Leben selbst zu sehr, um den Leichtsinn ihres Mannes zu tadeln. Nach einer durchzechten Nacht sehen wir sie verkatert durch die immer unaufgeräumte Wohnung wanken. Trotz des Katers denkt sie schon wieder an den Abend. Ihr Grundsatz heisst: Bloss keinen Tanz versäumen! Mozart kann sich ein Leben in Saus und Braus leisten. Er ist höchst erfolgreich. Zu seinem Glück fehlt nur noch die Versöhnung mit dem Vater. Endlich läßt sich Leopold erweichen, nach Wien zu reisen. Nannerl in Salzburg erfährt durch die Briefe des Vaters vom Verlauf des Besuchs. Leopold ist zunächst begeistert. Wolfgang beweist tagtäglich, dass er es geschafft hat. Er ist wohlhabend und angesehen in der kaiserlichen Metropole. Doch sein Erfolg freut Leopold nur auf den ersten Blick. Dann wird ihm klar, dass sein Sohn ihn nicht mehr braucht. Das ist bitter. Jäh schlägt Leopolds Stimmung um. Wolfgang kann sich den Missmut des Vaters nicht erklären. Vergebens sucht er das frühere Einverständnis wieder herzustellen. Als feierliches Geschenk überreicht er ihm das geheimnisvolle Kästchen, das er seit seiner Kindheit bei sich trägt. Leopold öffnet es. Es ist gefüllt mit Geld. Damit will Wolfgang seinen Vater aus dem verhassten Dienst beim Salzburger Fürsterzbischof befreien. Doch Leopold ruft: "Du glaubst wohl, du könntest mit Geld bezahlen, was du mir schuldest!". Mit diesen Worten schleudert er seinem Sohn das Kästchen samt Inhalt vor die Füsse. Dann läuft er davon. Wolfgang kann ihn nicht mehr erreichen. Er begreift den Vater nicht. Warum missversteht er ihn immer? Warum kann er ihn nicht lieben, wie er ist? Ohne den väterlichen Segen kann er sich über seinen Erfolg nicht freuen. Doch als Künstler muss er den ihm vorgezeichneten Weg gehen, ihm bleibt keine Wahl. Tief erschüttert von der Ausweglosigkeit seiner Lage gerät Wolfgang in einen Zustand geistiger Verwirrung. Das Genie Amadé benutzt diesen Moment, ihn zu attackieren. Schon lange missfällt ihm Wolfgangs Lebenswandel. In Salzburg sitzt Fürsterzbischof Colloredo in seinem Raritätenkabinett und grübelt über Mozart nach. Er hat seinen ehemaligen Musikus nicht vergessen. Hingerissen studiert er eine seiner Partituren. Leopold wird gerufen. Er soll berichten, zu welchen Bedingungen sein Sohn wieder in Colloredos Dienste treten würde. Doch Leopold hat Wolfgang aufgegeben. Dem Fürsten rät er, ihn zu vergessen. Er verspricht, aus seinem Enkel ein neues Wunderkind zu machen. Ungnädig wird er entlassen. Allein hadert Colloredo mit Gott. Einem aufgeklärten Mann wie ihm fällt es schwer zu akzeptieren, dass Vernunft und Weltordnung besiegt werden können von etwas so Unerklärbarem wie dem Zauber der Musik. Wolfgang muss inzwischen lernen, dass die Zuschauer seines ersten Konzerts recht hatten: In Wien genügt es nicht, talentiert und erfolgreich zu sein. Sein Stern sinkt. Trotzdem verdient er noch immer sehr gut. Doch was er auch einnimmt, alles verschwindet auf mysteriöse Weise. Mehr und mehr fordert Cäcilia Weber. Sie zwingt Wolfgang zur Abfassung von würdelosen Bettelbriefen. Doch Mozart wird langsam erwachsen. Eines Tages will er sich nicht länger benutzen lassen. Er weigert sich, weiter zu lügen. In die Empörung der Familie Weber über diese "Undankbarkeit" bricht die Nachricht aus Salzburg, dass Leopold gestorben ist. Im Stephansdom nimmt Wolfgang Abschied von seinem Vater. Die Worte, die er ihm nachruft, sind mehr Anklage als Totenklage. Und doch weiß er, dass Leopold nicht weniger gelitten hat als er. Warum? Mozart glaubt es zu wissen: "Gottes Wunder gibt es nicht umsonst". Noch im Dom kommt ein vermummter Mann auf ihn zu. Er gibt ihm den Auftrag, ein Requiem für einen Ungenannten zu schreiben. An einem Abend im Juli 1789 trifft in Wien die Nachricht von der französischen Revolution ein. Eine erregte Menge debattiert auf dem Graben über die Pariser Ereignisse. Mozart meldet sich zu Wort, als ein Verteidiger der Monarchie den Kaiser als "Vater des Volkes" bezeichnet. Mündige Menschen, ruft er, brauchen keinen Vater mehr. Der ebenfalls anwesende Emanuel Schikaneder bewahrt Wolfgang davor, sich zu sehr zu erhitzen. Er erinnert den Komponisten daran, dass Künstler bessere Mittel haben sich zu äußern als den politischen Kampf. Im Garten seines Theaters auf der Wieden überreicht er Wolfgang das Libretto zur "Zauberflöte". Amadé nimmt das Manuskript sofort an sich. Er möge viele schöne Melodien schreiben, mahnt der Theaterdirektor seinen Freund, denn er brauche dringend einen Erfolg. Eine Schauspielerin soll ihn dazu "inspirieren". Mit ihr verschwindet Wolfgang in einem Gartenhäuschen. Auf das Dach setzt sich Amadé und beginnt zu komponieren. Es wird Nacht. Die Gestalten der "Zauberflöte" schweben durch den Garten. Die Uraufführung der "Zauberflöte" erweist sich als überwältigender Erfolg. Eine begeisterte Menge strömt aus dem Theater. Fliegende Händler verkaufen Porträts des Wunderkindes und des erwachsenen Mozart. Verehrer klettern auf das Vordach des Theaters. Die Ovationen werden mehr und mehr zu einer Vorwegnahme des Mozartkults zukünftiger Generationen. Doch Mozart kann sich seines neuen Ruhms kaum noch freuen. Er hat das Gefühl, vergiftet zu sein. Bleich und fiebernd liegt er in den Kissen, während Amadé mit baumelnden Beinen am Bettrand sitzt und am "Requiem" arbeitet. Als dem Kleinen die Tinte ausgeht, sticht er Wolfgang, wie schon oft zuvor, in den Arm, um mit seinem Blut weiterzuschreiben. Der Mensch bittet das Genie um Schonung. Doch ungerührt bohrt ihm sein anderes Ich den spitzen Kiel der Schreibfeder mitten ins Herz. Zeit und Raum verschmelzen. Der tote Komponist wird zum Opfer von Leichenfledderern und Andenkensuchern. Die Gestalten seines Lebens tauchen aus dem Nichts und umstehen das Totenbett. Auf dem St. Marxer Friedhof hält Dr. Mesmer einen ausgegrabenen Menschenschädel in die Höhe. Nannerl findet das geheimnisvolle Kästchen und öffnet es. Ein kleine Melodie erinnert sie an die Wunderkinderzeit. (aus: http://www.musicalvienna.at/mozart/index.html)
Interpretationshilfe
Michael Kunzes neues Musical MOZART! basiert auf der Lebensgeschichte von Wolfgang Amadeus Mozart. Im Mittelpunkt steht ein genialer Künstler, der sich von seinem tyrannisch-liebenden Vater und einem System der Bevormundungen befreien muß, um sich als Musiker und Mensch entfalten zu können - ein Drama des Erwachsenwerdens. Das Musical zeigt Mozart in zwei Gestalten: den Menschen Wolfgang und das Genie Amadé. Das putzige Porzellankind, das Amadé angeblich war, verfolgt noch den Erwachsenen wie ein Schatten. Der kleine Amadé bleibt im Leben des erwachsenen Mozart allgegenwärtig, wenn auch nur er selbst und das Publikum ihn sehen können. Amadé komponiert ununterbrochen, während Mozart immer wieder den Ausbruch wagt, gegen das Gefängnis der Konventionen anrennt. Sylvester Levay läßt Amadé und seine Musik unangetastet. Wann immer das Genie Mozart, verkörpert durch das "Porzellankind", sich ans Klavier setzt, hört man zitatweise originale Mozartmusik, keine verpoppte Klassik. Mozarts Ringen um Anerkennung und Liebe schildert Sylvester Levay aber in der musikalischen Sprache der Gegenwart. Wie schon in ELISABETH geht es Michael Kunze und Sylvester Levay in MOZART! darum, eine zum Klischee gewordene historische Figur von Verkitschung und Vergötterung zu befreien, und sie vom heutigen Standpunkt aus neu zu entdecken. (aus dem Internet; ebenda)
SALZBURGISCH-FÜRSTERZBISCHÖFLICHE RESIDENZ IM DEUTSCHEN HAUS IN WIEN
Vor der Tür: Zornig kommt Wolfgang hereingestürmt, Graf Arco versucht den Besucher aufzuhalten.
GRAF ARCO: Halt! Wohin?
WOLFGANG: Zum Erzbischof.
GRAF ARCO: Hier hast du nichts mehr zu suchen.
WOLFGANG: Ich lasse mich nicht einfach wegschicken. Heute Abend spiele ich vor dem Kaiser.
GRAF ARCO: Nein! Der Herr Erzbischof hat sich anders entschieden.
WOLFGANG: Gift und Galle! Er hat es versprochen.
GRAF ARCO: Ab nach Salzburg mit dir!
WOLFGANG: Nie!
GRAF ARCO: Was fällt dir ein? Seine Exzellenz darf nicht gestört werden.
WOLFGANG: Ich muss mit ihm reden.
GRAF ARCO: Aber ... er ... er hat Besuch.
Wolfgang schiebt Graf Arco gewaltsam beiseite und dringt in
Fürsterzbischof Colloredos Zimmer ein. Graf Arco läuft hinter Wolfgang ins Zimmer. Inzwischen kommen, durch den Lärm alarmiert, immer mehr Bedienstete beiderlei Geschlechts ins Vorzimmer gelaufen und verfolgen das Geschehen durch die offene Tür.
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Verflucht, was ist das!?
GRAF ARCO: Er drang einfach ein.
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Raus hier, sonst lass ich ihn prügeln!
GRAF ARCO: Verschwinden Sie, Mozart!
WOLFGANG: Was sein muss, muss sein!
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Ich werd seine Frechheit schon zügeln.
WOLFGANG: Ich beug mich nicht mehr.
GRAF ARCO: Das ist wohl ein Scherz.
WOLFGANG: Menschen adelt nur das Herz
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Ich hab ihm befohlen, nach Salzburg zu ziehn.
WOLFGANG: Adieu, Fürst, ich bleibe in Wien!
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: So, der Lump gehorcht nicht mehr? Möchte mir gar drohn? Hier in Wien verhungert er. Dafür sorg ich schon.
WOLFGANG: Ja, Sie sind mächtig. Ein Fürst der Provinz. Doch mich können Sie nicht erschrecken, Denn ich hab Talent, darum bin ich ein Prinz. Ich muss mich vor keinem verstecken. Sie stahlen mir Zeit, Sie stahlen mir Geld, sperrten mich in ihre Welt. Nie war ich Ihr Knecht, auch wenn es so schien. Adieu, Fürst, ich bleibe in Wien!
BEDIENSTETE (gleichzeitig): Jetzt geht er zu weit! Das ist verrückt. Das tut ihm noch leid! Das ist zuviel! Das ist impertinent! Hört euch das an! Mozart kennt ihn noch nicht,
BEDIENSTETE (gleichzeitig): Hört! Unverschämt! Welch ein Benehmen! Seht, Colloredo bebt! Hört, wie er lügt! Irr! Wirr! Hört euch das an! Unbegreiflich!
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Mir tut nur sein Vater leid. Sein Sohn ist ein Erzlump!
WOLFGANG: Ein Lump wär ich nur, würd ich danach gehn, was sicher und möglichst bequem ist. Ein Künstler wie ich darf nicht danach sehn, was Fürsten und Vätern genehm ist. Gibt es auf die Zukunft auch keine Gewähr, ich brauch keinen Vormund mehr! Niemand wird mich zum Sklaven erziehn! Adieu, Fürst. Ich bleibe in Wien.
BEDIENSTETE (gleichzeitig): Soll er eben ziehn! Wien ist sein Ruin! Das bricht ihm seinen Hals! Dieser Mozart muss verrückt sein, Wie kann er so ungeschickt sein und dem Fürsten offen sagen, er bleibt in Wien?
BEDIENSTETE (gleichzeitig): Fex, Narr, Dalk, Lümmel, Erzlump! Endlich wird der Wunderknabe, ungeachtet seiner Gabe, auch mal den kürzeren ziehn.
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Keiner hat mich je so schlecht bedient wie er. Liederlicher Bursche. Ich will nichts mehr zu tun haben mit ihm!
WOLFGANG: Ich mit Ihnen auch nicht.
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Komm er mit noch einmal angewinselt...!
WOLFGANG: Ich scheiss auf Sie!
FÜRSTERZBISCHOF COLLOREDO: Graf Arco! Schmeissen Sie ihn raus. Mit einem Fusstritt!
Graf Arco packt Wolfgang am Kragen und befördert ihn mit einem Tritt in den Hintern durch die offen stehende Tür ins Vorzimmer. Wolfgang schlägt einen Salto und bleibt zu Füssen der hämisch grinsenden Bediensteten liegen.
GRAF ARCO: Schade um Sie, Mozart. Jetzt ist es aus mit Ihnen.
Wolfgang springt auf die Beine.
WOLFGANG: Nein! Ich fang erst an. Jetzt bin ich frei!
Er reckt triumphierend die Faust in die Höhe. Die Bediensteten betrachten ihn mit Verachtung und Schadenfreude. Lichtwechsel. (aus dem Libretto, leicht verändert. Edition Butterfly München 1999 S. 52 ff)
Auszüge aus Mozarts Briefen (Wien, 9. Mai und 9. Juni 1781)
(9. Mai 1781) "...Ich bin noch ganz voll der Galle! Und Sie als mein bester, liebster Vater sind es gewiß mit mir. Man hat so lange meine Geduld geprüft, endlich hat sie aber doch gescheitert. Ich bin nicht mehr so unglücklich, in salzburgischen Diensten zu sein; heute war der glückliche Tag für mich. Hören Sie! Schon zweimal hat mir der - ich weiß gar nicht, wie ich ihn nennen soll - die größten Sottisen und Impertinenzen ins Gesicht gesagt, die ich Ihnen, um Sie zu schonen, nicht habe schreiben wollen und nur, weil ich Sie immer, mein bester Vater, für Augen gehabt habe, nicht gleich auf der Stelle gerächt habe. Er nannte mich einen Buben, einen liederlichen Kerl, sagte mir, ich sollte weitergehen, und ich - litt alles, empfand, daß nicht allein meine Ehre, sondern auch die Ihrige dadurch angegriffen wurde; allein Sie wollten es so haben, ich schwieg... Als ich zu ihm hineinkam, so war das erste: "Nun, wann geht Er denn, Bursch?" Ich: "Ich habe wollen heute nacht gehen, allein der Platz war schon verstellt!" Dann ging's in einem Odem fort: ich sei der liederlichste Bursch, den er kenne, kein Mensch bediene ihn so schlecht wie ich, er rate mir, heute noch wegzugehen, sonst schreibt er nach Haus, daß die Besoldung eingezogen wird. Man konnte nicht zu Rede kommen, das ging fort wie ein Feuer. Ich hörte alles gelassen an, er lügte mir ins Gesicht, ich hätte 500 Gulden Besoldung, hieß mich einen Lumpen, Lausbub, einen Fexen - oh, ich möchte Ihnen nicht alles schreiben! Endlich, da mein Geblüt zu stark in Wallung gebracht wurde, so sagte ich: "Sind also Ew. Hochfürstliche Gnaden nicht zufrieden mit mir?" - "Was, Er will mir drohen? O Er Fex! Dort ist die Tür! Schau Er, ich will mit solch einem elenden Buben nichts mehr zu tun haben!" Endlich sagte ich: "Und ich mit Ihnen auch nichts mehr!" - "Also geh Er!" Und ich im Weggehen: "Es soll auch dabei bleiben, morgen werden Sie es schriftlich bekommen." (Aus einem Brief Mozarts an seinen Vater. In: Mozarts Briefe, hsg. von A. Leitzmann. Leipzig 1916 S. 157 ff)
Der "Fußtritt" wird von Mozart in einem anderen Brief erwähnt. Am 9. Juni 1781 schrieb er an seinen Vater: "Nun hat es der Herr Graf Arco recht gut gemacht! Das ist also die Art, die Leute zu bereden, sie an sich zu ziehen, daß man aus angeborner Dummheit die Bittschriften nicht annimmt, aus Manglung des Muts und aus Liebe zur Fuchsschwanzerei dem Herren gar kein Wort sagt, jemand vier Wochen herumzieht und endlich, da derjenige gezwungen ist, die Bittschrift selbst zu überreichen, anstatt ihm wenigstens den Zutritt zu verschaffen, ihn zur Tür hinausschmeißt und einen Tritt in den Hintern gibt!" (ebenda S. 174)
Interpretation eines heutigen Mozart-Biographen
Vor allem aber wollte er (Mozart) sich dem Dienst beim Erzbischof entziehen, dem "Menschenfeind", dem "hochmütigen eingebildeten Pfaffen", der ihn einen "liederlichen Kerl" genannt und ihn aufgefordert hatte, "sich weiter zu scheren"; in gewisser Weise also kam Mozart nur einer Aufforderung nach. Der Erzbischof herrschte ihn an, er "bekäme hundert, die ihn besser bedienten als er" (Mozart). Darin mag Colloredo recht gehabt haben: Mit einem minderen Musiker hätte er sich wohl leichter getan, denn Musik war für ihn ein Gegenstand der Lieferung, Produkt steter Bereitschaft eines, sozial gesehen, niederen Dieners, der am Gesindetisch wenig oberhalb des Küchenpersonals zu sitzen hatte. Colloredo, theoretisch zwar ein Anhänger der Aufklärung, war kein absolutistischer Gewaltmensch, aber immerhin ein Regionalherr, der nicht an seinen Rechten rütteln ließ, sowohl in Salzburg als auch in Wien äußerst unbeliebt. Sein Verhalten Mozart gegenüber trägt alle Anzeichen eines seltsamen zusätzlichen Affektes, einer ständigen Gereiztheit, die wir kaum anders deuten können, als daß Mozart seine latente Aufsässigkeit, bedingt durch seinen Drang nach Entfaltung, ihm gegenüber weder verbergen konnte noch wollte. Gewiß war er ein "Genie des Gehorsams" (Friedrich Heer) gewesen, doch wich dieser Teil seiner Genialität von 1781 an dem erwachenden Gefühl für seinen Eigenwert, bis er schließlich zum Genie eines geheimen Sich-Versagens wurde. (aus: Wolfgang Hildesheimer: Mozart. Frankfurt/Main 1977 S. 14)
Rollenbiographie Colloredo
Was bildet sich dieser Mozart ein? Mit welchem Recht wagt er es, sich meinen Befehlen zu widersetzen? Mein Palast ist kein Elysium. Ich fordere Demut, Fleiß und Disziplin. Der, dem das nicht paßt, soll ins Armenhaus ziehen. Schließlich bin ich Mozarts Fürst, und wenn ich die Geduld verliere, dann ist sein Talent nur ein Fetzen Papier. Ich brauche ihn nicht. Musikanten gibt es wie Sand am Meer. Ich stelle ihn nicht wieder ein, und käme er auf Knien her. Doch vorläufig brauche ich ihn noch. Ich werde ihn mit nach Wien nehmen. Mit seiner Musik wird man mich feiern. Wien wird mich um ihn beneiden. Wichtig ist nur, daß sich der Kaiser ihn mir nicht wegschnappt. Mir ist er anvertraut von Gott, dem Herrn. Ich sorge dafür, daß er sich fügt und kuscht vor meinem Blick. Nie kann es möglich sein, daß die Vernunft, die diese Welt erhellen soll, besiegt wird vom Zauber der Musik! (zusammengestellt aus Liedtexten des Fürsterzbischofs Colloredo)
Rollenbiographie Wolfgang
Ich bin kein Heuchler. Ich gebe zu, ich finde andere Menschen manchmal schwer zu ertragen. Aber warum läßt man mich nie auch mal selber was wagen? Ich bin kein Kind mehr. Ich weiß, was ich will. Mich aufzuhalten macht keinen Sinn. Warum kann man mich nicht nehmen wie ich bin? Ich bin kein Kriecher. Auch für Ehre und Geld mache ich mich nicht kleiner. Ich bin kein Diener. Ich weiß, was ich kann. Warum kann man mich nicht so nehmen, wie ich bin? Ich bin auf meine Art ein Fürst so gut wie der Erzbischof, und ich bin mir zu schade, sein Lakai zu sein. (zusammengestellt aus Liedtexten des Wolfgang)
Literatur:
Wolfgang Hildesheimer: Mozart. Frankfurt/Main 1977
Johannes Jansen: Wolfgang Amadeus Mozart. Köln 1999
Michael Kunze / Sylvester Levay: Mozart! (Libretto). Wien 1999 (Edition Butterfly, Otto Heilmann Str. 8, 82031 Grünwald)
Internetadressen:
www.musicalvienna.at/
www.mozart.at/de/
www.aeiou.at/mozart.htm
www.aeiou.at/aeiou.encyclop.c/c643137.htm (über Colloredo)