Lothar Trampert: Elektrisch! Jimi Hendrix. Piper/Schott Verlag München/Mainz 1994)

(aus: Musik und Bildung 3/96 S. 53)

Die Flut an Taschenbüchern über Größen der Rock /Popmusik ist geradezu erdrückend. Die Regale der Büchereien und Buch handlungen füllen sich mit Bild und Textbänden meist niedrigen Niveaus, Die überwältigende Vielzahl dieser Veröffentlichungen dient dazu, den Mythos der jeweiligen Größe, und damit seine Verkäuflichkeit zu steigern. Um so erfreulicher ist es, wenn man ein Taschenbuch in die Hand bekommt, das sich wohltuend von dieser Art kommerzieller Musikbiographien unterscheidet. Trampert unternimmt den bemerkenswerten Versuch, den Musiker hinter dem Mythos des Kultstars zu suchen und konzentriert sich auf die Analyse der stilistischen und technischen Aspekte der Musik von Jimi Hendrix.

Angesichts der Fülle an Literatur über den Star klingt die Behauptung des Autors, eine differenzierte Analyse dieser Musik sei noch nie geleistet worden, zunächst reichlich überheblich. Macht man sich jedoch die Mühe und blättert in den vielen greifbaren Veröffentlichungen über Hendrix, wird einem deutlich, daß hier in der Tat große Lücken bestehen. So wird Tramperts Buch zu einem wichtigen Nachschlagewerk für den Musiklehrer, der die Rockmusik der Hendrix-Generation in den Unterricht einbeziehen will.

Zunächst zeichnet der Autor ein eigenes Bild von Jimi Hendrix Leben und setzt sich intensiv mit der Legendenbildung in den herkömmlichen Veröffentlichungen auseinander. Unter anderem weist er die landläufige Meinung zurück, der Musiker habe sich mit einer Überdosis Drogen vergiftet. Die Interviews mit der damaligen Lebensgefährtin Hendrix lassen berechtigte Zweifel an dieser Behauptung zu. Allein dieser Abschnitt des Buches ist eine Unterrichtseinheit wert. Die Musikgeschichte kennt eine Reihe von Widersprüchen zwischen Legende und Wirklichkeit, was den Tod eines Musikers angeht. Im Falle von Jimi Hendrix kommt in dieser Hinsicht noch der direkte Einfluß der modernen Massenmedien und der Musikindustrie hinzu, den es im Unterricht zu durchschauen gilt.

Der nächste Abschnitt behandelt die Gitarren, Verstärker und Effektgeräte von Jimi Hendrix, der in der Regel als Vater der heutigen Gitarrenspielweise angesehen wird. Sein Sound ist relativ einfach zu beschreiben. Die technischen Grundlagen, die für dessen Entstehung verantwortlich sind, wurden bisher jedoch nie offen gelegt. Sie wurden höchstens als Geheimrezepte von Gitarrist zu Gitarrist weitergereicht. Die Ausführungen von Lothar Trampert zeugen nicht nur von einer intensiven Kenntnis der Rockgitarre, sondern sind auch gut geeignet, einem auf diesem Gebiet weniger ausgebildeten Musiklehrer Anregungen an die Hand zu geben, den typischen Hendrix-Sound im Unterricht bewußt realisieren zu können.

Ein Buch über Jimi Hendrix ist ohne Hinweise auf dessen Spieltechniken unvollständig. Während die meisten Publikationen in dieser Beziehung nur das wiedergeben, was man äußerlich an den Filmaufnahmen seiner Auftritte ohnehin sehen kann, analysiert Lothar Trampert im Detail die vielen kleinen, aber wirkungsvollen unterschiedlichen "Tricks" der Finger beider Hände. Seine Ausführungen eignen sich gut, die Spielweisen anhand einer "normalen" Gitarre auch im Unterricht zu erklären.

In weiteren Kapiteln geht der Autor auf die stilistischen Merk male ein, wobei er bemerkenswerterweise auch die Wurzeln in der Tradition des Blues und des Jazz nachweist. Damit heben sich seine Untersuchungen von der üblichen Basis der "Trick Kiste" ab. Jimi Hendrix Improvisationen und Kompositionen werden nun nicht lediglich als Produkte von Soundeffekthascherei verstanden, sondern reihen sich in eine lange musikalische Spieltradition ein. Erst auf dieser Basis kann man das Maß seiner Innovation angemessen beurteilen.

Die Analyse von zwei bekannten Hendrix Titeln und eine ausführliche Diskographie, Videographie und Bibliographie schließen dieses bemerkenswerte Taschenbuch ab. Daß der Autor angesichts der bereits vorhandenen Fülle an Untersuchungen nicht auch noch den Gesangsstil und die Lyrics der Hendrix-Songs behandeln konnte, ist verständlich. Ich würde mir wünschen, daß Trampert zu diesen Bereichen einen "zweiten Teil" veröffentlichen würde. Gerade Textinterpretationen sind es, die dem Musiklehrer in der Regel für seinen Unterricht am meisten fehlen.