Musikalisches Würfelspiel mit Pattern – Mozarts Würfelspiel auf dem Computer

(aus: Musik und Bildung 1/91 S. 35 ff; Notenabbildung dort auf S. 26/27 und hier unter "Materialien")

Mit Würfeln können von Mozart vorgefertigte melodische Floskeln (in unserem modernen Computer-Hochdeutsch "Pattern") unter Einhaltung eines vorgegebenen harmonischen Ablaufs quasi aleatorisch zu einem Walzer zusammengestellt werden: "Eine Anleitung Walzer und Schleifer mit zwei Würfeln zu componieren ohne musikalisch zu seyn noch von der Composition etwas zu verstehen", so der Titel des 1793 veröffentlichten Stückchens,

Die Autoren, die sich bisher mit Mozarts Würfelspiel als Gegenstand des Musikunterrichts befaßt haben sehen die didaktische Funktion des Spiels in folgendem:

. spielerisches Verstehen einfacher Formen,

. Umgang mit musikalischen Elementen wie Harmonik und Melodik,

. Kenntnis der einfachen Funktionsharmonik,

. Kenntnis einfacher Kadenzen,

. Beitrag zur Gehörbildung,

. Einführung in kompositorisches Denken,

. Anregung zur Improvisation,

. Diskussion ästhetischer und musikgeschichtlicher Fragen.

Diese Lernziele sind in den Fachbüchern ausreichend dargestellt worden, so daß sie hier keiner weiterer Erläuterungen bedürfen. Neu ist hier lediglich das für die Realisation zur Verfügung stehende "Instrument": statt Klavier, Glockenspiel usw. ist es der Computer. Kann seine Verfügbarkeit Neues "ins Spiel" bringen ?

Unterricht in einem Grundkurs 11. Jahrgang

Schüler und Lehrer sind nach einer Einführungsphase mit der Bedienung des Computers (Atari ST, Creator-Notator-Programm, MIDI-Keyboard, Overheaddisplay) in groben Zügen vertraut. In manchen Kursen gibt es Schüler, die das Equipment besser bedienen können. als der Lehrer. Einige Schüler können soweit Klavier spielen, daß sie langsam und Stimme für Stimme die einzelnen von Mozart vorgegebenen Takte der Reihenfolge nach auf je ein Pattern einspielen. Fehler und Ungenauigkeiten werden anschließend korrigiert. Der ganze Prozeß kann über das Overheaddisplay vom gesamten Kurs verfolgt werden.

Das Spiel kann beginnen: Die Kursteilnehmer filtern spaltenweise einen Takt durch den Würfel heraus. Der Spielleiter ordnet die so ausgewählten Pattern sukzessive in seine Arrangier-Liste von n x 8 Takten ein. Nach dem letzten liegt das Ergebnis sofort hörbar und lesbar vor.

Variante: Jeder Kursteilnehmer - ob er Klavier spielen kann oder nicht - gibt den von ihm erwürfelten Takt in das Klaviersystem ein: im Step-by-Step-Verfahren, wenn ihm die instrumentalen Fertigkeiten fehlen, bzw. im Realtime-Verfahren mit niedrigerem Tempo, wenn er noch etwas unsicher auf den Tasten ist. Der "Profi" darf gleich zweihändig spielen: die Stimmen werden anschließend per Knopfdruck auf die beiden Systeme verteilt.

Die Vorteile gegenüber dem traditionellen Instrument Klavier (samt "Bediener" Musiklehrer) liegen auf der Hand :

. technische Perfektion in Notentreue, Spieltempo und Sound;

. Invarianz bei Wiederholungen; damit Vermeidung von Zufälligkeiten, die durch den Klavierspieler bedingt sind;

. Möglichkeit der unmittelbaren Veränderung und damit des direkten A-B-Vergleichs (z.B. um Verbesserungen der Melodiespannungen zu diskutieren);

. sofortige Verfügbarkeit einzelner Teile sowie eventuell später zusammengesetzter Großformen;

. Improvisation über die erstellten Grundplaybacks;

. alles Gehörte ist für jeden im Notenbild sichtbar zu verfolgen;

. das "fertige" Stück kann ohne Umstände sofort auf Kassette überspielt und ggf. mit nach Hause genommen werden;

. vielleicht hilft der spielerische Umgang mit dem Computer, das "Machen" professioneller Disko-Musik ein wenig zu durchschauen, werden doch 90% der aktuellen Hits mit den gleichen Mitteln produziert ;

. ganz nebenbei ist der Umgang mit EDV eingeübt worden.

Arbeit in der Orientierungsstufe

Hier wird der Lehrer selber das Programm bedienen müssen (so wie er früher selber das Pianoforte traktiert hat), wenn es darum geht, die Impulse der Schüler aufzugreifen und in ein musikalisches Ganzes einzubauen. Ansonsten wird sich am eigentlichen Spiel im Vergleich zur Oberstufe wenig verändern. Besonders gern wird in der Orientierungsstufe das Step-by-Step-Verfahren praktiziert: Trotz mangelnder technischer Ausbildung kann ein Ergebnis präsentiert werden, das die "Macher" nicht ohne Stolz zurückläßt.

Die Auswertung bezieht sich natürlich nicht auf Fragen der Funktionsharmonik, sondern z.B. auf "spielerische Gehörbildung": Eingebaute "Fehler" müssen geortet werden, unbefriedigende Melodiebögen können bestimmt und korrigiert werden. Dem Endprodukt kann sehr einfach ein professioneller Sound gegeben werden. Es kann dazu getanzt, oder mit traditionellen Instrumenten improvisiert werden.